Dass Religion Privatsache sei, gilt seit langem für ausgemacht. Dass dies ein Irrtum ist, darüber haben uns spätestens die Selbstmordattentäter belehrt. Die Frage, ob Gott solche Taten billigt oder missbilligt, ist von öffentlichem Interesse. Lassen sich Fragen nach der Existenz Gottes und nach einer eventuellen Offenbarung seines Willens rational erörtern? Und wenn ja, ist es berechtigt, sie auf sich beruhen zu lassen? Was steht dabei auf dem Spiel? Die Wahrheitsfähigkeit des Menschen - in dieser Antwort stimmt Robert Spaemann mit Friedrich Nietzsche und Richard Rorty überein. Nur mit dem Unterschied, dass diese Autoren beides leugnen, während Robert Spaemann beides, die Existenz Gottes und die Wahrheitsfähigkeit der menschlichen Vernunft verteidigt. Mit Wittgenstein hält Spaemann es für den Aberglauben der Moderne, dass uns die Naturgesetze die Welt erklären, während sie doch selbst das Erklärungsbedürftigste in der Welt sind.
Robert Spaemann greift seit 50 Jahren in öffentliche Grundsatz- und Wertedebatten ein wie die atomare Bewaffnung, den Kosovokrieg, die Abtreibungs- und Euthanasiegesetzgebung, Sloterdijks Vorschläge zur Menschenzüchtung. Er greift die »europäischen Werte« in Büchern, Zeitschriften, Zeitungen und Fernsehdebatten auf und stellt sie infrage. Auch der geistigen Situation der Kirchen gilt seine Aufmerksamkeit. Immer geht es Spaemann darum, die Errungenschaften der Moderne gegen eine der Moderne innewohnende Tendenz zur Selbstaufhebung zu verteidigen.
Robert Spaemann wurde 1927 in Berlin geboren. Er promovierte 1952 in Münster, war dann vier Jahre lang als Verlagslektor tätig. 1962 habilitierte er in den Fächern Philosophie und Pädagogik und war bis 1992 ordentlicher Professor an den Universitäten Stuttgart, Heidelberg und München.
Das Buch ist eine Sammlung verschiedener Essays / Vorträge. Thematisch überschneiden sie sich teilweise. Vor allem die Abschnitte zu christlicher Kontingenzbewältigung, der Erbsündenlehre und dem Verhältnis zwischen funktionaler Religionsbegründung und dem Selbstverständnis von Religion waren grandios. Die waren inhaltlich sehr dicht, aber gleichzeitig verständlich und sehr poetisch geschrieben. Andere Kapitel haben mich eher wenig abgeholt.
Ein schönes Zitat zur funktionalistischen Religionskritik:
Die Unangemessenheit jeder funktionalen Deutung der Religion läßt sich auf die einfache Formel bringen, daß die Relativierung des Absoluten gleichbedeutend ist mit dessen Verschwinden. […] Die Frage, wozu etwas gut ist, setzt stets bereits einen bestimmten Horizont als Systemreferenz voraus. Der religiöse Mensch wird dasjenige, wozu etwas gut sein muß, um gut zu sein, anders sehen als der nichtreligiöse, und deshalb wird dessen Antwort für ihn so irrelevant sein […] Religion ist eine Verwandlung der Perspektive, innerhalb derer die Frage nach Funktionen erst ihren Sinn erhält. Der Paulinische Satz “Der geistliche Mensch beurteilt alles, er selbst aber wird von niemandem beurteilt”, muß in diesem Sinne verstanden werden. Religion ist mit diesem Anspruch so eng verbunden, daß man ihn nicht in Frage stellen kann, ohne Religion selbst in Frage zu stellen.
Irgendwie durchwachsen. Einerseits viele kluge Anregungen, andererseits stellenweise sehr langatmig und philosophisch-technisch. Keinesfalls leicht zugänglich, deshalb als Einstieg in theologische Fragen nicht zu empfehlen; einen solchen hatte ich mir erhofft. Gleichzeitig ist das in dem Buch Versuchte zu würdigen: eine Rechtfertigung des Christentums, die nicht naiv ist, sondern auf höchster Reflexionsstufe operiert und demütig auftritt. Dabei werden die - aus wissenschaftlicher Sicht unhaltbaren - Offenbarungswahrheiten der Religion nicht beiseite geschoben und die Religion nicht auf ihre Moral oder ihre Nützlichkeit verkürzt - stattdessen wird mit dem Glauben gerungen, für ihn argumentiert und das spezifische Weltverhältnis der Religion herausgestellt. Überhaupt gewinnt man bei der Lektüre den Eindruck, dass ein solcherart gelebter Glaube alles andere als ein Dogma iSv „Denkfaulheit“ ist, das er im Gegenteil erst Raum für Skepsis und Zweifel eröffnet.
Das mich seit mehren Jahren beschäftigende Problem einer funktionalistischen Rechtfertigung der Religion wird auf wunderbar prägnante Weise behandelt: „ob eine freie Gesellschaft ohne Religion Bestand haben kann, ist im Übrigen eine Frage, die bisher keineswegs positiv entschieden ist. Eine positive Antwort wird sogar immer unwahrscheinlicher. Religion scheint dem Gedanken einer nicht durch die Gesellschaft vermittelten, sondern von ihr vorausgesetzten Menschenwürde erst einen definitiven Inhalt zu geben. Wo dieser Inhalt ausfällt, scheint sich eine verhängnisvolle Dialektik von Liberalismus und Kollektivismus zu entfalten: das schrankenlose Geltendmachen subjektiver Befriedigungsansprüche und die Bereitschaft, sich bedingungslos denjenigen Mechanismen anzupassen und zu unterwerfen, die deren Befriedigung gewährleisten oder zu gewährleisten versprechen.“ Das Problem dabei: selbst wenn Religion als notwendig erkannt wird - keine funktionalistische Rechtfertigung allein wird sie vor dem Aussterben bewahren. Im Gegenteil greift die Relativierung des Absoluten auf einen gesellschaftlichen Zweck die Religion im Innersten an. Das Paradox also: im Erkennen ihrer gesellschaftlichen Notwendigkeit trägt man zu ihrem Untergang bei, wenn das soziologische Argument nicht von lebendigem Glauben begleitet wird.
Solche Glanzstücke sind im Buch neben - mMn - Belanglosigkeiten und Sophistereien zu finden, weshalb die Lektüre stellenweise zäh ist.