Vorneweg möchte ich als Azubi im Buchhandel anmerken, dass kontextlose Kritik an Auszügen aus einem Buch, das die Allgemeinheit noch gar nicht gelesen haben konnte, auf Twitter zu teilen und vor 25.000 Followern anzuprangern – wenn du willst, dass ein Buch nicht gelesen wird – ein denkbar strategisch widersinniger Move war, der sich meinem Verständnis entzieht. Jedenfalls hat sich bei uns im Laden das Interesse an dem Titel mindestens verdreifacht. Dass ein Bundestagsabgeordneter für die Linksfraktion nicht wüsste, wie Negativmarketing funktioniert, scheint mir kurios. Was für die sogenannten „Sozialen Netzwerke“ als typisch aufmerksamkeitsheischende Affekthandlung noch gerade so nachvollziehbar gewesen wäre, wird aber dann als tatsächlich mangelndes Leseverständnis oder mutwillige Entstellung des Buches in seiner, also Niema Movassats, Rezension in „Die Freiheitsliebe“ vom 22. April 2021 deutlich. Weitaus sinnvollere Kritik konnte man da eher von Christian Baron in der Wochenzeitung „Der Freitag“ vom 15. April 2021 lesen. Nachfolgend ein paar Gedanken, die aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben …
Also jedenfalls, dass Wagenknechts Buch Schwachstellen hat, nicht zuletzt bei der polemischen Abwertung von Identitätspolitik, der es an differenziertem Hintergrundwissen zur Entstehung dieses Theoriekomplexes mangelt, steht auch für mich außer Frage. Trotzdem hat jemand, der dem Buch oder ihr selbst Homophobie, Rassismus oder AfD-Nähe unterstellt, meiner Meinung nach nicht sinnerfassend gelesen – sondern nach Textstellen gesucht, die eine vorher eingenommene Haltung dann bestätigen, wenn man sie aus dem Kontext des Buches oder sogar des Absatzes in dem sie stehen herauslöst. Wer ernstlich glaubt, dass Sahra Wagenknecht in irgendeiner Weise Rechtskonservativen und den Protofaschisten der AfD nahe käme, ähneln oder „am rechten Rand fischen“ würde, sollte einmal die Möglichkeit nutzen, dass man Bundestagsreden von allen möglichen Abgeordneten auf YouTube anschauen und das Verhalten der verschiedenen Fraktionen beobachten kann. Ihr Spalterei vorzuwerfen ist auch besonders ironisch wenn das von Rot-Rot-Grün Befürwortern kommt, die die Schuld für Stimmverluste nicht auch in ihrer eigenen inkonsequenten Politik suchen wollen.
In diesem Buch wird aus einer recht klar eingegrenzten Perspektive historisch und ökonomisch beschrieben wie sich vermeintlich linke Politik immer mehr von einem tatsächlich progressiven Anspruch und den Interessen der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung hierzulande und weltweit entfernt. Dabei wird unter anderem aufgezeigt, dass eine moralisch überlegene Selbstdarstellung in Wort nicht gleich die entsprechende Tat zur Folge hat. Wenn Parteien, die sich selbst ein progressives Image zusprechen, dann weder soziale Politik machen, noch Friedenspolitik, verlieren sie an Glaubwürdigkeit. Wenn dann leere Versprechungen gemacht werden – die Realität dann aber doch Lobbyismus und Kriegstreiberei sind, führt das zu Desillusion.
Vermeintlich linke Identitätspolitik wie sie heute in bürgerlichen Medien ausgefochten wird, hat dem wenig entgegenzusetzen. Und sie hat auch wenig mit tatsächlich produktiver und Solidarität fördernder Anwendung der Grundsätze, die sie zu vertreten vorgibt, zu tun. Das zeigt sich auch im Umgang mit diesem Buch. Was nützt die vermeintliche moralische Überlegenheit in der sich die akademischen und sozialen Aufsteiger des globalen Nordens wähnen denn tatsächlich Ländern des globalen Südens? Und was denen im globalen Norden, die nicht aufsteigen können oder wollen? Um genau die geht es vordergründig in diesem Buch. Sowohl wie entfesselte „freie“ Marktwirtschaft der Unterschicht des globalen Nordens schadet als auch wie sie dem globalen Süden und insgesamt der Mehrheit der Weltbevölkerung und der Umwelt in der wir leben, schadet. Aus einer vor allem historischen und ökonomischen Analyse heraus.
Befremdlich fand ich dabei eher, dass Wagenknecht das aus einer Art Ludwig Erhard trifft Willy Brandt Perspektive tut. Bei der Beleuchtung des Grades der Organisiertheit der Arbeiterschaft der Bundesrepublik zu Zeiten von Marshall-Plan und Truman Doktrin usw. dann die DDR, Sowjetunion und andere Länder, die begannen sozialistische Wege einzuschlagen kaum oder nur am Rande zu erwähnen, und zu unterschlagen, dass sie als Stille Verhandlungspartner mit am Tisch saßen, während die BRD und Westberlin auch als Schaufenster der sogenannten westlichen Werte herausgeputzt wurden, ist mindestens skurril. Vielleicht muss man einfach zwischen den Zeilen lesen, dass der Abbau des westlichen Sozialstaates zufällig mit dem „Ende der Geschichte“ und dem vermeintlichen Sieg des Kapitalismus im Kampf der Systeme einsetzte.
Aber all das ist für den Shitstorm egal. Die Werte dieses Linksliberalismus taugen, um es mit Worten aus Wagenknechts Fazit zu sagen, eher dazu „den globalisierten Kapitalismus progressiv umzudeuten“ und denen, die in ihrem täglichen Leben von dieser sozialdarwinistischen Erzählung vor den Kopf gestoßen werden, für nicht aufgeklärt genug zu halten, wenn sie sich von dieser Erzählung nicht angesprochen fühlen. Das mutet nicht nur missionarisch an sondern auch arrogant.
Während der Großteil der medienwirksam identitätspolitisch Aktiven, meiner Erfahrungen und Beobachtungen nach Menschen sind, für die die Diskriminierungserfahrungen ihrer Kindheit und Jugend nicht nur identitätsstiftend sind sondern als Teil einer Aufsteigererzählung auch lukrativ; profitieren die Gruppen, die sie sich anmaßen zu vertreten eher begrenzt von ihrem Engagement für die diversere Marktwirtschaft. Dem reaktionären Backlash kommt man mit diesem Ansatz jedenfalls bislang offensichtlich eher nicht bei. Und wenn junge akademisch gebildete Menschen nicht begreifen, dass sie mit der Mehrheit und im ökonomischen Interesse der Mehrheit argumentieren müssen und können, um den Abbau von Vorurteilen gegen akademische Blasen und Weltfremdheit entgegenzuwirken, dann wird sich eine neue Arbeitenden-Intelligenz zusammenfinden müssen, die ihre Interessenvertretung in die eigene Hand nimmt.
Ob ich mir das Buch ohne den Shitstorm als Leseexemplar hätte schicken lassen, kann ich nicht sagen. Die Lektüre war interessant und die reflexartig uninformierte Empörung aufschlussreich aber an einigen Stellen hätte das Buch besser recherchiert, lektoriert und Formulierungen weniger polemisch verfasst sein können. Auch die sinophoben Anwandlungen gegen Ende haben eher befremdet.