Klare Worte, um die Welt zu erhellen
Der Freund, der viele Lebensjahre für seinen gefangenen Freund hingibt; die Zusammenführung einer Ehe über vier Ecken und viele Verwirrungen; der Weg eines Taoisten hin zur Unsterblichkeit entgegen den Machenschaften vieler dämonischer Feinde: Dies sind einige der Themen der Geschichten, die Feng Menglong in der Ming-Dynastie zusammengetragen, bearbeitet und veröffentlicht hat. Der mündliche Ursprung vieler der Geschichten wird nicht verborgen: Der Erzähler ist klar in Struktur und Inhalt noch erkennbar, sei es durch die direkte Ansprache oder die Vorgeschichten, die den meisten Einzelepisoden vorangestellt werden. Paarweise (erstmals in dieser originalen Anordnung in Übersetzung erhältlich) beleuchten die Geschichten Aspekte der Alltagskultur wie Freundschaft, Liebe, Treue, Loyalität, Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit - ein Kaleidoskop der chinesischen Kultur aus verschiedensten Zeitaltern und ein interessantes Fenster in die Vergangenheit. Sprachlich und thematisch vielleicht nicht ganz so ausgefeilt wie die Werke eines Li Yu, so findet sich in diesen 40 Schnurren doch viel Unterhaltsames und vielleicht tatsächlich, wie vom Autor gewünscht, "Erhellendes".
Die Bindung ist fest und hält den dicken, großformatigen 800-Seiten-Wälzer gut zusammen. Papier und Druckbild sind hochwertig, die immer wieder auftauchenden Reproduktionen der alten Drucke etwas grob und zu dunkel. Die Romanisierung erfolgt in Pinyin ohne Tonmarkierung, hin und wieder sind auch chinesische Schriftzeichen vorhanden. Die Randbemerkungen Fengs sind, kursiv gesetzt, an den Originalstellen im Text eingefügt und kommentieren die aktuelle Handlung. Ungewohnt, aber nicht störend, ist der Flattersatz. Die englische Übersetzung ist sehr flüssig und aus einem Guss in moderner Sprache; die Gedichte, die immer wieder auftreten, wurden in freiem Vers übertragen und nicht künstlich in Reimform gezwungen.
Eine gewisse Ähnlichkeit in der Themenwahl zu Pu Songlings "Liaozhai Zhiyi" (auf deutsch als "Geister- und Liebesgeschichten aus der Sammlung Liao-dschai dschi-yi" erhältlich) ist unverkennbar, doch Fengs Geschichten sind deutlich erdiger und humorvoller als die Pus. Trotzdem sei auch diese Lektüre jedem empfohlen, den Feng Menglong mit seinem Werk in den Bann gezogen hat. Oder man greift zu den 80 weiteren "Sanyan"-Geschichten Fengs, die die Welt aufmuntern und ernüchtern sollen.