3,5*
Meine Bewertung wird dem Buch nicht gerecht. Es ist ein großartiges und zugleich für mich ganz fürchterliches Buch. Zwischen Satire, Groteske und surrealem Traum zerfließt jede klare Linie: Realität, Wahn und literarisches Spiel vermischen sich zu einem Rausch, in dem ich völlig hilflos, angeekelt und verloren war. Vielleicht können Chinesen sich in diesem Buch wiederfinden und über sich selbst lachen, ich konnte nur irritiert staunen.
Im Zentrum steht die fiktive Stadt Jiuguo, „Schnapsstadt“, ein Ort hemmungsloser Gier, Korruption und moralischen Verfalls. Ein Ermittler reist dorthin, um Gerüchten nachzugehen, wonach dort Kinder zu Delikatessen verarbeitet werden. Schon dieses absurde, verstörende Motiv – der Kannibalismus – ist offensichtlich Symbol: Es geht um eine Gesellschaft, die sich selbst verzehrt, in der Menschen zu Konsumgut werden und jede moralische Grenze im Rausch des Fortschritts verschwimmt.
Doch Mo Yan belässt es nicht bei einer düsteren Allegorie auf Macht und Maßlosigkeit. Er überlagert die Handlung mit einer zweiten Ebene: Briefwechseln zwischen einem fiktiven Autor namens Mo Yan und einem Doktoranden, der über dessen Werk schreibt. Hier verwandelt sich der Roman in eine Reflexion über Literatur selbst – über das Schreiben, über Fantasie, über geistigen Diebstahl. Was ist Originalität? Wo endet die Inspiration, wo beginnt die Aneignung? Der Autor isst, im übertragenen Sinne, seine Figuren, Geschichten, Wirklichkeiten – er „verzehrt“ sie, um daraus Kunst zu schaffen. In diesem Sinne ist Die Schnapsstadt auch ein Buch über den Kannibalismus der Literatur: das unaufhörliche Fressen und Wiederkäuen von Ideen, Menschen, Erlebnissen.
Diese Vielschichtigkeit ist faszinierend – und zugleich überfordernd. Der Roman verheddert sich in seinen Ebenen, seine grellen Bilder kippen oft ins Groteske, seine Ironie bleibt so schillernd, dass man nie weiß, ob man lachen, entsetzt sein oder einfach aufgeben soll. Mo Yan berauscht sich an Sprache, an Übertreibung, an der eigenen Kühnheit – bis zur Grenze des Lesbaren.
Gerade dadurch zeigt sich die Stärke und Schwäche des Buches zugleich: Die Schnapsstadt ist eine furiose Anklage gegen moralische Verkommenheit, ein satirischer Albtraum über Macht, Gier und Selbstverlust – und zugleich ein selbstreflexives Spiel über das Entstehen von Literatur, das seine Leser gnadenlos in die Verwirrung treibt.
Am Ende bleibt man zurück wie nach einem Rausch: erschöpft, irritiert, unsicher, ob man Zeuge eines Meisterwerks oder einer maßlosen Überforderung geworden ist. Vielleicht liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen – in jenem schwindelerregenden Zwischenraum, in dem Mo Yan seine Leser zurücklässt: betäubt, verwirrt, aber irgendwie beeindruckt.