"Globalia" ist ein wirklich interessanter Roman, der auf anschauliche Weise das detaillierte Bild einer fiktiven, fernen Zukunft zeichnet.
Der beschriebene Zustand, in dem sich die Welt in dieser Zukunft befindet, soll der einer entfesselten, (neo)liberalen Demokratie sein, deren Bürger*innen zu voll umsorgten Konsument*innen geworden sind. "Freiheit, Sicherheit und Wohlstand" sind die grundlegenden Dinge, die "Globalia", wie sich die demokratische Weltordnung nennt, einem jeden Bürger zusichert.
Die Kehrseiten dieser komfortablen Welt tun sich im Verlaufe des Buches auf, als beschrieben wird, dass eben nicht die gesamte Bevölkerung der Erde diesen zweifelhaften Luxus absoluter Sorglosigkeit genießen kann, denn "Globalia" ist durch eine Glaskuppel von der Außenwelt ("Non-Zonen") getrennt. Sicher nicht zufällig wird "Globalia" vorwiegend auf der nördlichen Halbkugel (USA, Europa, China etc) verortet. Der Wohlstand der einen wird durch die Ausbeutung und auf Kosten der anderen ermöglicht, was sich auch als Verweis auf derzeitige Verhältnisse lesen lässt.
Neben diesem klar herausgearbeiteten Problem, welches nicht einfach nur durch die "real existierende Demokratie", sondern vor allem auch aus einem damit verschmolzenen, absolut entfesselten Kapitalismus erwächst, werden andere Probleme jedoch nur mit einer Unschärfe oder schlicht gar nicht berührt.
Vage Kritik am Verlust einer "Authentizität" wird geübt, die aber eher den Beigeschmack konservativer Nostalgie hat, als dass es bspw. das Verschwinden von einer mündigen Haltung in der Gesellschaft thematisiert.
Ebenso finden Geschlechter-Verhältnisse so gut wie keine Betrachtung. Die beschriebenen Beziehungen sind immer heterosexuell und Geschlechterrollen recht heteronormativ verteilt, was nicht nur per se, sondern insbesondere in einer so liberal beschriebenen Utopie einfach sehr unwahrscheinlich wirkt.
Sehr bedenklich finde ich auch das subtil vermittelte Bild einer kleinen, perfiden Elite, die sämtliche Vorgänge überwacht und lenkt, egal wie zufällig, spontan oder widerständig sie erscheinen mögen. Selbst wenn Elitenkritik wichtig ist, und wenn gegen Ende des Buches ein Mitglied dieser Elite den relativierenden Satz sagen: "Alles läuft ganz von selbst.", wird an manchen Stellen die Verschwörung doch zu perfide, die Wirkungsmacht der einzelnen Lobbyisten doch zu groß. An diesen Stellen wird die Chance einer Kritik an gesellschaftlichen und strukturellen Problemen vertan und stattdessen das Bild einer Verschwörung "von oben" und "von innen" umrissen.
Die kritischen Reflexionen der im Hier und Jetzt existierenden realdemokratisch-kapitalistischen Gesellschaft hätten insgesamt mehr Facetten tiefgehender umfassen können, aber so behält sie ihren Fokus auf dem kapitalistischen Ausbeutungsverhältnis des globalen Süden durch den globalen Norden, an die sich vage Kapitalismuskritiken anschließen.
Zugegebenermaßen hätte eine solche inhaltliche Erweiterung womöglich den Rahmen des Buches gesprengt und es zu einer ungleich anspruchsvolleren Lektüre gemacht, was einen großen Vorteil zunichte machen würde, den es hat.
Durch seine Kürze und Anschaulichkeit schafft es der Roman, ein Bild zu erzeugen, was zur eigenständigen Reflexion einlädt und unweigerlich eine Positionierung der Leser*innen bewirkt.