Tolles Buch, liest sich sehr leicht und wie ein Jesper Juul-Buch, aber diesmal aus Sicht eines Neurobiologen und mit weniger Rückversicherungen und extreme Rücksichtnahme auf die Eltern. Das einzige, was mir gefehlt hat, sind konkrete Pläne und Ansätze zum Umsetzen. Ich stimme den Thesen über die heutige Welt zu und allem, was den Kindern deshalb heute im Weg steht, es haben auch schon so viele Leute in versch. Büchern festgehalten. Es ist natürlich ermutigend, bestätigt zu werden, in dem Gefühl, dass die Kinder heute iwie andauernd zu hören und fühlen bekommen, dass sie so und so sein sollen - aber wie der Spagat zwischen dem Leben, in dem einem als Eltern und Kinder eben all diese Erwartungen entgegen schlagen, vor allem in der Schule, wenn man nicht so priviligiert ist, sich alternative Schulen etc zu suchen, - wie dieser Spagat gelingen soll, das beantwortet dieses Buch nicht. An einer Stelle ableistische Worte, dass uns an jeder Ecke das Leid der Menschen entgegen schläge "hier ein Blinder mit Stock, dort ein Mensch im Rollstuhl", dabei waren noch zu Beginn die Worte gefallen, dass die Welt heute versucht alle möglichen Fehlbildungen schon in der Schwangerschaft zu erkennen (und ggf. Abzutreiben) ohne daran zu denken, dass ein Leben mit Behinderung genau so lebenswert sei.
Die alte Leier vom ADHS als ohne Grund verhangene Diagnose kann ich persönlich als 27-Jährige mit ADS, die erst mit 19 diagnostiziert und mit 25 diese Diagnose entdeckt hat, nicht mehr hören. Es ist durchaus möglich, dass es unnötig häufig diagmostiziert wird, einfach weil Kinder nicht in die Erwartungen passen. Es ist jedoch auch Fakt, dass besonders junge Mädchen zu häufig nie diagnostiziert und übersehen werden. Meine Diagnose hat mir ganz viel Verstehen und Selbstakzeptanz mitgegeben. Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen - weil ich eben endlich wusste: "Ok! Ich funktioniere neuronal einfach anders, als viele. Darum hatte ich immer das Gefühl, alles als Einzige nicht zu verstehen und hinzukriegen. Ich bin nicht zu dumm, ich strenge mich nicht nicht genug an." Und daraus resultierte dann eben auch keine Faulheit, sondern ein Auseinandersetzen mit den Ressourcen und Vorgängen in mir und dem, wie ich sie am Besten einsetzen kann. Ohne Medikamente. Eine Diagnose ist nicht zwangsläufig ein Stempel und Mittel, um sich nicht mit der Umgebung des Kindes auseinander zu setzen, oder um sie ruhig zu stellen.