Die Angst des Lesers vorm Elfmeter
Eva Menasses „Quasikristalle“ ist ein Roman, der mich tüchtig durchgeschüttelt hat. Bevor ich überhaupt anfing, das Buch zu lesen, erklärte mir eine Freundin aus unserem Lesekreis, die „Vienna“ gelesen hatte, dass sie die Autorin nicht ausstehen könne, weil diese immer alles kommentieren und werten müsse. Und obwohl ich mit einem nicht unerheblichen Widerspruchsgeist gesegnet bin und gerade auch das erste Kapitel ungemein genau beobachtet und verdichtet fand, musste ich in den folgenden Kapiteln der Kritik recht geben. Die bissig-zynische Grundhaltung der Kommentare, die die Fehler und Schwächen der anderen vergrößert wahrnimmt, sich selbst aber nicht in Frage stellt, war das Bindeglied zwischen den unterschiedlichen Erzählern, aus deren Berichten wir mehr oder minder Verbindliches aus dem Leben der Xane Molin erfahren. Bereits das Auschwitz-Kapitel ab Seite 49 trieb mich fast in die Verzweiflung; hier meine Lesenotiz: „Der Himmel bewahre mich vor Menschen wie Bernays, die mit kalter Arroganz alles um sich herum meinen sezieren zu müssen. Die Abneigung gegen B. so stark, dass ich aufpassen muss, sie nicht auf das Buch zu übertragen." Und: „Bernays ist der Typus des narzisstischen know-it-all, dessentwegen Goethe inständig hoffte, es gäbe kein ewiges Leben im Jenseits.“ Im darauffolgenden Vermieter-Kapitel stellte ich mir die Frage, ob ich zu alt für literarische Bösartigkeiten werde. Mein Unbehagen am Text wuchs weiter. Wo hinter dieser chic verchromten, hippen urbanen Umgebung ist die Erzählerin Menasse auffindbar? Wiedersehen mit Sally in Berlin, alles Großstadt und cool, man möchte die Geduld verlieren. Und dann die künstliche Befruchtung. Ein Kapitel, in dem Xane nur ein kurzes Gastspiel gibt, dafür die sachlich/zynische Ärztin sich umso eloquenter präsentieren darf. Fast könnte man glauben, (Mit)Gefühl ist etwas für die Unterschicht. Letztmalig hatte ich bei der Lektüre von Brigitte Kronauers "Zwei schwarze Jäger" das Gefühl, eine Begegnung mit der Autorin würde mir Angst machen, als lächerliches Abziehbild eines Dummkopfs in einem Text in die Ewigkeit einzugehen.
Dann aber beginnt sich der Tonfall langsam zu ändern. Das Nelson-Kapitel, das auch als alleinstehende Erzählung Bestand haben könnte, bringt erstmals nachdenklichere, ausgewogenere Töne. Und im Folgekapitel, in dem Xane zum ersten und einzigen Male höchst selbst zu Worte kommt, wird dann äußerst treffend formuliert, dass der Bericht nicht „knusprig durchironisiert“ ist.
Später wird der Tonfall noch deutlicher beschrieben werden: "Ihre Waffe war ihr loses Maul. Anders als die meisten nahm sich Frau Molin das Recht, alles zu beurteilen und zu kommentieren." Und: "Sie war flink mit Worten, sie war originell, und das konnte unangenehm sein, beinahe gefährlich." Offenbar sind die Erzählerin Menasse und ihre Hauptfigur Xane Molin sich in diesem Punkt nicht unähnlich.
Es hätte mir geholfen, wenn ich schon zu Beginn des Romans gewusst hätte, dass der Tonfall milder wird und die Sprache in gewisser Weise realistisch abbildet, wie jugendliche Hybris mit den Jahren abkühlt
Jeder weitere Berichterstatter hat seinen eigenen Tonfall, aber die Garstigkeit ist nicht mehr die Regel.
Die Kapitel sind fast durchgehend chronologisch sortiert, wir begleiten Xane auf ihrem Lebensweg vom Kind zur Großmutter, und je Älter Xane und ihre Bekannten werden, umso mehr wird die Form vom Inhalt abgelöst.
„Quasikristalle“ ist ein Buch der Spiegelungen und Brechungen, eine Aussage kann oft genauso gut wahr wie falsch sein, es ist eine Lese- und Lebensreise, die mir zunehmend Achtung abverlangt hat. Am Beispiel eines exemplarischen Frauenlebens wirft Eva Menasse immer wieder auch die Frage auf, was Wahrheit ist. Perspektivische Verschiebungen in verschiedenen Lebensphasen, subjektive Wahrnehmungen, die von Betrachter zu Betrachter wechseln: feste Bezugspunkte sind allenfalls in der Wissenschaft zu finden; CERN ist schnell, wie es an einer Stelle heißt, der Rest ist ungewiss. Erwartungen verzerren die Wahrnehmung.
"Man könnte sagen, eine Frauenleben besteht aus einer Folge von unverbundenen Zellen, in denen man je nach Alter einsitzt" sagt Xane, und dieser Wahrnehmung trägt der Aufbau des Romans Rechnung. Wie sagte schon Arno Schmidt: "Mein Leben?!: ist kein Kontinuum!“
Die Idee, Xanes Lebensgeschichte schlaglichtartig in Form von Lebenszeugnisse zu erzählen, finde ich ansprechend, es ergibt sich aber kein wirklich zusammenhängendes Bild, sondern der Leser muss sich weite Strecken ihres Lebens konfabulieren, was natürlich auch seinen Reiz hat. Verlässlich, deckungsgleich sind die Schilderungen ihrer Freunde und Feinde nicht, wir erleben so viele Facetten der Hauptfigur, wie es Erzähler / Berichterstatter gibt. Wir blicken durch ein Kaleidoskop auf Xanes Leben, und was wir sehen gleicht - - - Quasikristallen!