Ich wollte dieses Buch lieben – und lange Zeit war ich sehr nah dran.
Sumerki hat mich von Beginn an gepackt. Die Grundidee um ein geheimnisvolles Manuskript, dessen Übersetzung offenbar reale Konsequenzen hat, erzeugt sofort Spannung und Neugier. Der Roman entfaltet einen starken Sog: beklemmend, düster, unterschwellig bedrohlich. Besonders gelungen ist die Atmosphäre – sie wirkt konstant, schwer und zieht einen unmerklich tiefer in die Geschichte hinein.
Das absolute Highlight des Romans ist für mich der Yucatán-Text. Dieser Teil ist hervorragend geschrieben, äußerst spannend und basiert erkennbar auf dem, was wir heute über mesoamerikanische Kulturen wissen, ohne diese platt zu exotisieren oder zu pauschalisieren. Die Rituale, die Gewalt und die Figuren folgen hier einer klaren inneren Logik – jede Handlung hat Konsequenzen. Dieser Abschnitt trägt den Roman über weite Strecken und zeigt, welches erzählerische Potenzial in ihm steckt.
Auch thematisch überzeugt das Buch lange Zeit: Wissen als Gefahr, als Sucht, als irreversible Grenzüberschreitung. Die Stimmung ist durchgehend beklemmend, fast klaustrophobisch, und der Roman versteht es sehr gut, ein Gefühl von Bedrohung und Kontrollverlust zu erzeugen.
Leider verliert Sumerki im letzten Drittel für mich deutlich an Stärke. Die Handlung wird zunehmend unklar und bricht mit den zuvor etablierten Regeln. Kosmischer Horror an sich stört mich dabei nicht – im Gegenteil, gut vorbereitet und sauber eingebettet kann er sehr wirkungsvoll sein. Hier jedoch wirkt er zu abrupt eingeführt und überlagert die zuvor sorgfältig aufgebaute mystische und verschwörerische Ebene. Viele zentrale Fragen bleiben unbeantwortet, zu viele lose Enden werden nicht mehr zusammengeführt, und das zuvor kausal erzählte Geschehen verliert seine Stringenz.
Auch der Protagonist bleibt für mich problematisch. Er wirkt über weite Strecken naiv, passiv und vor allem als bloßer Träger der Handlung, weniger als echte Figur. Sein beinahe suchtartiges Verhältnis zum Manuskript ist zwar nachvollziehbar angelegt, wird aber kaum reflektiert. Dass selbst einschneidende Ereignisse in seinem Umfeld kaum Reaktionen hervorrufen – abseits des Buches – verstärkt diesen Eindruck.
Am Ende bleibt für mich das Gefühl, dass Sumerki sein eigenes Versprechen nicht vollständig einlöst. Der Roman ist spannend, atmosphärisch dicht und in Teilen großartig – vor allem dort, wo er historisch und psychologisch arbeitet. Doch die letzten rund hundert Seiten nehmen ihm viel von seiner zuvor aufgebauten Kraft.
Fazit:
Ein starkes, fesselndes Buch mit herausragender Atmosphäre und einem exzellenten historischen Kern, das durch ein unausgereiftes und zu sprunghaftes Finale an Wirkung verliert. Trotz aller Kritik bleibt Sumerki ein lesenswerter Roman – nur leider keiner, den ich am Ende lieben konnte.