„Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ ist kein Buch, dass man heute noch ohne weiteres Kindern vorlesen sollte. Das sage ich, ob wohl ich mich wirklich sehr darauf gefreut hatte dieses Buch zu lesen. Als Kind habe ich liebend gern die Zeichentrickserie im Fernsehen gesehen und als Erwachsener andere Geschichten von Michael Ende wie „Die unendliche Geschichte“ oder „Momo“ lieben gelernt. Dabei hat sich dieses Buch für mich mit sehr zwiegespaltenen Gefühlen gelesen, obwohl die eigentliche Absicht hinter der Geschichte sicherlich gut gemeint war. Doch überraschenderweise ist dieses Buch schlicht und ergreifend nicht gut gealtert und von der Realität überholt worden. Das ist aus meiner Sicht wirklich überraschend, da mich bei „Momo“ oder „Der unendlichen Geschichte“ besonders fasziniert hat, wie zeitlos – ja sogar noch aktueller und geradezu prophetisch – die Botschaften dieser Kindergeschichten sind.
Doch warum ist das hier anders?
Nun bevor ich darauf eingehe, möchte ich der Fairness halber einmal erläutern, welche Themen das Kinderbuch eigentlich besprechen möchte. Denn auch wenn es oberflächlich eine einfache Abenteuer-Geschichte mit einer Reise Hin-und-wieder-Zurück ist, so scheint es doch, dass Michael Ende auch in dieser Kindergeschichte auf einer tieferen Ebene ein wichtiges Thema analysieren wollte. So bildet die Geschichte im Kern den Verlauf der Globalisierung ab und das ganz ohne dies zu kritisieren, sondern stattdessen wahrlich aufzufordern aus seinen eigenen vier Wänden einmal einen Blick zu werfen und nicht die eigene Kultur als die einzig richtige und wichtigste zu betrachten. Dies wird beispielsweise dann deutlich, wenn der König von Lummerland, wo die Geschichte beginnt und unsere beiden Hauptfiguren herkommen, davon spricht, dass es Überbevölkerung zwar in der ganzen Welt gäbe, aber Lummerland am stärksten davon betroffen sei – obwohl es nur 5 Einwohner auf Lummerland gibt. Ein weiteres Beispiel für so einen vorgehaltenen Spiegel, der auffordert seine eigenen Sitten zu Hinterfragen zeigt sich im Land Mandala, bei dem es einen Ort gibt, der Schlicht „Die Mitte“ genannt wird und von den Bewohnern Mandalas für den Mittelpunkt der Welt erklärt wird, weil es ja schließlich auch der Mittelpunkt ihres Landes sei. Die Auflösung bietet dann das Ende, was noch in einem für ein Kinderbuch ungewöhnlich langen Epilog nach dem Höhepunkt der Geschichte, erzählt, wie die beiden Länder Mandala und Lummerland jetzt eine „diplomatische Beziehungen“ eingehen, wobei nun auch eine Telefonleitung zwischen den Inseln gelegt wird, regelmäßiger Schiffverkehr stattfindet und sogar die Verlobung zwischen zwei Figuren aus den verschiedenen Ländern möglich ist. Das alles sind Botschaften, die ja geradezu Anti-Nationalistisch und Anti-Rassistisch sind und nun noch während der Reise unserer beiden Hauptfiguren untermalt werden sollten, indem sie auf die unterschiedlichsten Kulturen und Personen stoßen, die allesamt sehr anders sind als sie selbst – sogar sonderbar wirken- aber je besser sie sich mit ihnen befassen, desto besser verstehen sie diese scheinbare Andersartigkeit. Und hier kommt der große Knackpunkt des Buches, welcher wirklich schwierig macht ihm aus heutiger Sicht positiv gegenüber zu stehen. Denn dieses Abenteuer entlang der Kulturen funktioniert mal besser und mal nicht nur ganz miserabel, sondern sehr offen rassistisch und Klischee überladen.
Zunächst ein paar positive Beispiele: Der böse Drache „Mahlzahn“ wird als überspitzt und beinahe karikaturhaft durch und durch böse dargestellt, so wie alle seiner Art. Doch am Ende zeigt sich, dass durch die Bezwingung eines solchen bösen Tieres, ohne ihn zu töten, er sich wiederum in etwas durch und durch gutes verwandelt, was aber nur alle 1000 Jahre passiert, da die meisten Drachen sogleich getötet werden. Ein weiteres Beispiel, in dem die Thematik noch viel offensichtlicher angesprochen wird, ist wenn Jim und Lukas auf einen „Scheinriesen“ treffen, der nur aus der Ferne groß scheint und je näher er kommt, desto mehr nimmt er seine normale Größe an. Hier ist es sogar Jim, der große Angst vor dieser Eigenart des Scheinriesens hat und das Kapitel, in dem sie sich kennenlernen heißt sogar „...in dem Jim Knopf eine wesentliche Erfahrung macht“. Wenn dann der Scheinriese alles erläutert wird das Thema (Anti-)Rassismus auch zum ersten mal ganz offen angesprochen: „Nun da ist eigentlich nicht viel zu erzählen. Eine Menge Menschen haben doch irgendwelche besonderen Eigenschaften. Herr Knopf zum Beispiel hat eine schwarze Haut. So ist er von Natur aus und dabei ist weiter nichts Seltsames, nicht wahr? Warum soll man nicht schwarz sein? Aber so denken leider die meisten Leute nicht. Wenn sie selber zum Beispiel weiß sind, dann sind sie überzeugt, nur ihre Farbe wäre richtig und haben etwas dagegen, wenn jemand schwarz ist. So unvernünftig sind die Menschen bedauerlicherweise oft.“, so sagt der Riese.
Des Weiteren freunden unsere Helden sich auf ihrer Reise mit einem Halbdrachen an, der nicht in die Drachenstadt darf, weil seine Mutter ein Nilpferd und kein Drache war. Hier wird rassistische Ausgrenzung erneut ganz offensichtlich kritisiert.
Nun das klingt doch nach einem sehr schönen Plädoyer gegen Rassismus, das man Kindern näher bringen kann oder nicht? So könnte jetzt manch einer sagen, doch da kommen wir jetzt nun wirklich an die Stelle in der wir über den Elefanten im Raum reden müssen: Das Buch bedient sich leider den gleichen rassistischen Klischees, die es eigentlich versucht zu kritisieren. Während man die sprachliche Gestaltung mit Wörtern wie „Indianer“, „Eskimo“ oder gar das einmalig im Buch benutzte N-Wort, schlicht auf die Zeit schieben kann, in der das Buch geschrieben wurde und leicht ändern könnte z.B. beim Vorlesen, gibt es auch veraltete Rassistische, aber auch Sexistische Beschreibungen, welche nicht so einfach wegzureden sind. Auch hier möchte ich ein paar Beispiele nennen: Der Rassismus gegen Menschen mit schwarzer Hautfarbe beschränkt sich tatsächlich sogar beinahe ausschließlich auf das 2. Kapitel, in dem Jim Knopf in Lummerland ankommt, und auf die klischeehaften Zeichnungen, welche definitiv mal vom Verlag ausgetauscht werden könnten, ohne dabei „das Werk des Autors“ zu verändern, wie sie selbst Stellung beziehen (zumal es da ja mit der Zeichentrickserie eine deutlich bessere Darstellung gibt, mit der auch die meisten Menschen vertraut sind). In besagtem zweiten Kapitel gibt es dann Aussagen wie, dass Jim erschrocken war vor Lukas schwarzem Lokführer Gesicht, denn er wisse ja nicht, dass er selbst schwarz sei, oder Szenen in denen Jim sich weigerte sich zu waschen, weil er doch darunter auch schwarz sei oder aber – und das ist vielleicht das schlimmste – die Aussage von Jim er würde gerne Lokführer werden, weil es doch so gut zu seiner Hautfarbe passe (Vor allem letzteres hätte einfach dadurch ersetzt werden können, dass er das werden möchte, weil Lukas es auch ist, wie bei jedem anderen Kind). Leider bleibt es aber nicht nur bei rassistischen Klischees gegenüber Menschen mit schwarzer Hautfarbe, sondern geht auf der Reise der beiden weiter, wenn sie nach Mandala kommen, einem sehr eindeutig ost-asiatischem Land, bei dem alle Namen tragen wie „Ping Pong“ und nur außergewöhnliche Sachen wie Fledermaus-Ohren gegessen werden und der Begriff Brot gar nicht bekannt ist. Dann gibt es da noch den böse guckenden „gelben runden Kopf“ den sie begegnen und auch das Klischee der fleißigen Asiaten wird soweit überspitzt, dass selbst die Kleinkinder schon sprechen und arbeiten können. Nicht zu vergessen sei auch Jims Aussage, dass er hier nicht bleiben möchte, sondern zu einem Ort möchte wo nicht alle gleich aussehen (Dass die Unterscheidung von Menschen anderer Herkunft schwieriger fällt ist an sich eigentlich nichts Ungewöhnliches bzw. böse gemeint und sollte sicherlich erneut eigentlich für die Anti-Rassistische und Pro-Globalisierungs-Botschaften dienen, aber es ist aus heutiger Sicht schlicht unpassend formuliert).
Zu guter Letzt sei noch die Darstellung von Frauen erwähnt. Dass in Märchen und früheren Geschichten immer die Prinzessinnen gerettet werden und dann den Prinzen heiraten ist eigentlich jedem bekannt und wenn wir alle Geschichten nach diesem Schema aus der Kinderliteratur entfernen, bliebe nicht mehr viel aus vergangenen Zeiten übrig. Also könnte man darüber vielleicht hinwegsehen, wenn es nicht darüber hinaus auch noch Situationen gäbe, wie dass die Prinzessin zur Verlobung ein Waschbrett (?!) geschenkt bekommt und unbedingt möchte, dass ihr Verlobter Lesen und Schreiben lernt, da sie meint: „ich möchte eben, dass mein Bräutigam nicht nur mutiger ist als ich, er soll auch viel klüger sein, damit ich ihn bewundern kann.“ (Uiuiui…)
Das ist jetzt schon meine längste Goodreads-Review, aber ich wollte eben deutlich machen, warum es so schwierig ist über dieses Buch zu reden und vor allem, warum man es nach meiner Meinung nicht einfach Kindern zu lesen geben sollte, ohne wesentliche Dinge entweder zu ändern, oder im Nachhinein mit ihnen zu besprechen. Letzteres fordert aber eben ein ganzes Maß an Reflexionsfähigkeit, da es wie gesagt nicht so einfach ist dieses Buch in die eine Ecke des Rassismus bzw. die des Antirassismus zu stellen. Aus damaliger Sicht war es beispielsweise sicher nichts Gewöhnliches in einem Kinderbuch, dass das magische Happy-End einer asiatischen Prinzessin und einem Jungen mit schwarzer Hautfarbe galt (in manchen heutigen Disney-Filmen wäre das glaube ich noch immer ein Ding der Unmöglichkeit). Dabei habe ich noch gar nicht erwähnt, dass der Mittelteil der Geschichte wirklich das Beste ist, hier wird die gesamte Thematik nämlich etwas beiseitegeschoben und man kann sich ganz den ausgefallenen und kreativen Abenteuern von Jim und Lukas widmen, was dann wieder im großartigen Schreibstil von Michael Ende richtig Spaß macht zu lesen. Und von dem heimlichen Star des Buches habe ich es jetzt auch gar nicht geschafft zu berichten: die Lokomotive Emma! Doch jetzt hoffe ich einfach, dass im zweiten Teil diese Thematik etwas überwunden wurde und die wirklich guten Aspekte des Buches im Vordergrund bleiben.