Der Springbrunnen ist stumm, vereinzelt klatschen Regentropfen aufs Wasser. Wolken, Fassaden und Schaufenster zittern im Gewirr der winzigen Wellen. Die Dämmerung naht, es windet. Benjamin denkt an den anstehenden Geschäftstermin. Ein Kleinkind klettert auf den Beckenrand, die Schwester hält es an der Hand. „Da, da.“ Das Kind deutet auf das Wasser, schaut zur großen Schwester, wie sie die Entdeckung aufnimmt, und „Baum!“ Sie schmunzelt. „Blätter, da schwimmen Blätter.“ Das Kind läuft los, breitbeinig, tapsig, entzückt. Das Mädchen streicht sich eine blonde Locke aus dem Gesicht, sie ist schon fast eine junge Frau. Auf einmal ist etwas aus den Fugen geraten, Benjamin fühlt sich bedroht, er weiß nicht, von was, von wo, ob es von außen kommt oder von innen. Von etwas ohne Ort und ohne Gestalt. Er möchte es abtun, eine Lächerlichkeit, aber dafür ist es zu wirklich, so wenig es in die Wirklichkeit passt, sein Herz hämmert.
Homer hatte es leicht: Die Sirenen sangen, die Zyklopen wüteten, Zirze zauberte - und die Zuhörer staunten. Dante reiste in die Unterwelt und Marco Polo nach China. Herrliche Zeiten des Erzählens, als es noch weiße Flecken auf der Landkarte gab. Notfalls auf dem Mars: 1938 brach bei einer Radiosendung über die Landung der Aliens bei den US-Zuhörern Panik aus.
Heute: Billigflieger, Googlemaps und Wikipedia - jeder kennt alles. Und glaubt dank Galilei, Luther und Reality-TV an nichts mehr. Dazu Ego-Shooter und Der Herr der Ringe in 3D - was schockt da noch? Und so richtig neu ist schon seit Adam nichts mehr.
Trotzdem können die Menschen es nicht lassen: Sie lieben spannende Geschichten! Und ich liebe es, sie zu schreiben. Ein Autor kann Träumen nachlauschen, einen Mondaufgang beobachten, einen Dialog vor sich hinbrabbeln und sagen: "Ich arbeite." Er kann seine Schizophrenie in Charaktere transformieren und dabei ein klein wenig Abstand vom eigenen Größenwahn und Weltschmerz gewinnen. Er muss - wie wertvoll: ein Müssen bei all der Schriftstellerfreiheit! - ein Handwerker sein, der sägt und feilt, bis er einen stimmigen Text in den Händen hält. Und das ist fast so befriedigend wie ein glattgeschliffener Tisch, der nicht wackelt. Aber dann der Clou: Der Autor muss nicht die Werkstatt auskehren, ein Knopfdruck und -