Grass' "Aus dem Tagebuch einer Schnecke" ist so etwas wie ein Etikettenschwindel: Folgt man dem Klappentext und den meisten Beschreibungen hier, so gewinnt man den Eindruck, es ginge um Grass' Wahlkampfkampagne zu Gunsten von Willy Brandt in den Jahren 1968/69. Tatsächlich ist der Wahlkampf nur das Hintergrundrauschen, der zeitliche Kontext, vor dem die eigentliche Handlung spielt. Das Buch gliedert sich in kurze Passagen, teils auch Aphorismen und Gedichte, zwischen denen zwanglos von Thema zu Thema gesprungen wird. Grass behauptet, die Form sei Lichtenbergs Sudelbüchern nachempfunden, was so nicht stimmt.
Die erste Ebene ist der Dialog zwischen Grass und seinen Kindern, die ihn nach seinen Erlebnissen auf den Wahlkampfreisen fragen. Hier berichtet er wenig über Wahlkampf und viel über Skatspielen in der deutschen Provinz und die Liebesabenteuer seiner studentischen Mitstreiter, wenig über den eigentlichen Wahlkampf und - erstaunlicherweise nichts über Brandt.
Die zweite Ebene, die den Schwerpunkt des Buches bildet ist die Frage seiner Kinder, was er gegen Kiesinger hat. Er berichtet hier die Geschichte der Danziger Juden von Anfang der 1930er Jahre, bis 1939 am Beispiel eines nichtjüdischen Lehrers (Ott genannt "Zweifel"), der zunächst da er sich nicht mit den Nazis gemein machen wollte zur jüdischen Schule wechselte und mit Kriegsbeginn in der Kaschubei untertauchte, den Krieg über versteckt wurde und nach dem Krieg mit der ihn versteckenden Frau nach Deutschland zog. Grass behauptet, dies sei eine Adaption der Lebensgeschichte von Marcel Reich-Ranicki. Daraus konnte ich mir keinen Reim machen, da dessen Lebens doch so ganz anders verlaufen ist.
Die dritte Ebene handelt von Augst, einem desillusionierten Altnazi, der sich nach einer Wortmeldung bei einer Posiumsdiskussion auf dem Kirchentag, bei der Grass auf dem Posium saß, in aller Öffentlichkeit selbst umbrachte und dem Nachspüren der Mative bei Augsts Familie.
Die vierte Ebene betrifft die gedankliche Auseinandersetzung mit Dürers Melancholia I anlässlich einer von Grass zu haltenden Rede im Dürerjahr. Diese ist mit den vorgenannten Ebenen verwoben. So trägt Zweifel eine Postkart der Melancholia mit in seinen Keller, Grass erläutert sie seinen Kindern und fragt sich am Beispielsfall Augst, wie weit die Schwermut trägt.
Was hat das ganze mit Schnecken zu tun? Nun Ott/Zweifel ist Schneckenexperte und der Wahlkämpfende Grass verweis gegenüber APO Studentend darauf, dass der Kampf um eine gerechte Welt - mit Bebel - der langsame aber kontinuierliche Gang der Schnecke, nicht der sprunghafte der Revolution sei.
Trotz des Etickettenschwindels - ich bekam durch den Wahlkampf Lust das Buch zu lesen - ein Buch voll interessanter Gedanken, das aber - wie so oft bei Grass - an der Form krankt.