Ich habe schon sehr viele Bücher über das Leid der Menschen gelesen, die durch die Nationalsozialisten verfolgt, misshandelt und getötet wurden. Meist ging es dabei um Geschichten, die im Lager spielten. In diesem Buch erfahren wir, was ein Überlebender nach Ende des Krieges erlebt hat.
Petr Stein hat das Konzentrationslager überlebt. Auf dem Todesmarsch wurde der 17jährige von seinem Vater und seinem Bruder getrennt. Als er unter großen Mühen in Prag ankommt, beginnt ein neues Leben zwischen Hoffnung und Frustration, Einsamkeit und Neuanfang. Er wartet tagtäglich auf die Ankunft seiner Familie, muss feststellen, dass die Wohnung samt dem familiären Eigentum nun jemand anderem gehört und hält mühsam sein Lebenswillen aufrecht.
Er lernt neue Leute kennen, zieht in eine Art Wohngemeinschaft und bekommt Unterstützung von der Repratiierungs Behörde. Die politischen Umwälzungen spielen dabei ebenso eine Rolle wie die Verfolgung eines Deutschen, selbst wenn es sich dabei um Menschen handelt, die von den Nazis nicht als solche behandelt wurden. Auch die Erneuerung der jüdischen community, nimmt ihr einen großen Raum ein. Man traut, wenn überhaupt, nur noch seinen eigenen Leuten. Petr beginnt zu Boxen und seinen Körper zu stärken. Er bewegt sich in einem labilen Kreis von Personen, die ähnliches Leid erfahren haben wie er. Er lernt Ilse kennen und entwickelt Gefühle für sie. Doch Ilse ist deutsch, und sie muss das Land verlassen. Welchen Weg Petr nun geht, müsst ihr selber lesen.
Als ich das Buch aufgeschlagen habe hat mich der Detailreichtum und die zugängliche Sprache sofort in ihren Bann gezogen. Ich habe aber trotzdem sehr lange gebraucht, um das Buch zu beenden. Das liegt nicht nur an den sehr klein und eng bedruckten, fast 700 Seiten, sondern auch an der Ausführlichkeit in der Beneš die Sozialisation seines Protagonisten beschreibt . Auch die Grausamkeiten des Lagerlebens, die er im Rückblick erzählt, haben dazu geführt, dass ich das Buch immer mal wieder zur Seite legen musste. Das hier ist harter Tobak, der sich manchmal ganz plötzlich und unerwartet offenbart Beneš springt manchmal so plötzlich von Absatz zu Absatz in ein vergangenes Geschehen, dass ich ein ums andere Mal überlegen musste, in welcher Zeit ich mich denn jetzt befinde.
Der Autor hat es richtig gut geschafft, die Einsamkeit gequälter und vertriebener Menschen festzuhalten, die eine Heimat, aber kein zu Hause mehr haben. Die Erinnerungen aber keine Familie mehr haben und die sich auch noch so verzweifelt an jede Kleinigkeit aus ihrer Vergangenheit, klammern und sei es nur ein Wasserkocher. Es offenbart auch die egoistische Haltung des Menschen. Es gibt wenig Zusammenhalt in Krisenzeiten. Jeder ist sich selbst der Nächste und kümmert sich erst mal um sich selbst. Nächstenliebe kann nicht überleben, wenn Vertrauen in die Menschheit zerstört wurde.
Sehr drastisch wird auch der Verfall und dessen Rekonvaleszenz beschrieben. Es ist ein sehr körperliches Buch. Es werden aber nicht nur die Brutalität verschiedener Kriegsparteien explizit beschrieben, sondern auch die Liebe entbehrt hier jeder Romantik und dient manchmal nur dazu, sich zu spüren.
Am meisten aber schmerzt die Einsamkeit. Petr ist ein Einzelkämpfer. Auf Basis seiner Erfahrungen und den gegebenen Umständen bleibt ihm gar nichts anderes übrig. Seine Freundschaft zu Iček hat mich sehr berührt und das Ende dieser unfassbar schockiert. Auch sein Warten auf Verwandte, die niemals mehr kommen werden hat, mich sehr mitgenommen. Immer wieder musste ich mir bewusst machen, dass Petr erst 17 Jahre alt ist und die Lebenserfahrung eines Greises hat.
Das Ausführliche an diesem Roman ist zugleich die positive wie die negative Seite dieser Lektüre. Beneš hat mir Orte und Handeln von 1945 sehr nahe gebracht. Man lernt die meisten Figuren sehr gut kennen. Der Detailreichtum mag aber vielleicht den ein oder anderen Leser abschrecken. Wenn man sich aber darauf einlassen kann, dann hat man hier ein monumentales Werk über die Zeit nach dem Lager, wie ich es so noch nie gelesen habe. Eine unbedingte Leseempfehlung für alle die gute umfangreiche Literatur lieben und aus dieser dunklen Zeit lesen mögen.