Soeben hatte ich ein Buch beendet, dass mich mit seiner Authentizität beeindruckte; ich las von Irina Liebmann „Berliner Mietshaus“, da war für mich klar das nächste Buch sollte darin verbleiben, die Lebensbilder von Menschen zu zeichnen, die mir aufgrund meiner Herkunft nicht fremd sind und aufgrund der Tatsache, dass viele Jahre vergangen, bereits jüngste Zeitgeschichte verkörpern.
Ich lieh per Onleihe das Buch von Nellja Veremej „Berlin liegt im Osten“ und las es an zwei Abenden durch. Die Handlung des Debütromans von Nellja Veremej rankt sich um zwei Hauptfiguren. Zum einen ist dort Lena, mit stark autobiographischen Zügen der Autorin versehen, und ihre kleine Familie, die Tochter und der geschiedene Ehemann. Als Spätaussiedlerin fasst sie in Berlin Fuß , arbeitet als Altenpflegerin. Die zweite wichtige Figur ist Herr Seitz, ein Intellektueller, mit äußerst tragischer Familiengeschichte. Beiden gemeinsam – trotz ihres Altersunterschieds – ist, dass die Orte, in denen sie sozialisiert wurden, in denen sie aufwuchsen, die für sie von Bedeutung sind, einen kompletten gesellschaftlichen Wandel erfuhren.
Das Buch vermittelt auf unglaublich ehrliche Weise in die Gefühlswelt aller Protagonisten. Obwohl viel traurige, melancholisch stimmende Einzelheiten beschrieben werden, der Handlung liegt ein Grundoptimismus unter. Ein gutes Buch, um die Unzulänglichkeiten der Menschen, ihr Handeln in Mangel- und Überflussgesellschaft zu begreifen. Ein Buch, das uns klar macht, der Mensch braucht Wurzeln, das Alter braucht mehr als denn je Heimat und Kindheitserinnerung. A. v. Chamisso schreibt am Ende seiner Reise um die Welt, dass dem Menschen in seiner Jugendperiode Flügel wachsen, die er später ablegt, um als Raupe von dem Blatt zu zehren, auf welches er beschränkt ist.