PROUSTS MANTEL ist eine Geschichte voller Zufälligkeiten und erzählt von der Aura & Poesie der Dinge.
Lorenza Foschini interviewt Piero Tosi, den Kostümbildner Luchino Viscontis. Als das Interview eigentlich schon beendet ist, bringt sie das Gespräch auf Proust. Tosi erzählt, wie er bei Recherchen für Visconti zufällig den Parfümfabrikanten und Büchersammler Jacques Guerin kennen lernt. Guerin ist im Besitz zahlreicher Gegenstände, die einstmals Proust gehörten. Wie es dazu kam, strapaziert den Zufall bis an die Grenzen der Glaubwürdigkeit.
Guerin wurde von Prousts Bruder Robert operiert. Als Robert starb, besuchte Guerin die Witwe und erlebte, wie Prousts Homosexualität tiefe Spannungen in der bürgerlichen Familie verursacht hatte, die dazu führten, dass sich seine Schwägerin seines Nachlasses komplett entledigte.
"Die Homosexualität umgab Proust wie eine unsichtbare, aber unüberwindliche Mauer. In dieser Familiengeschichte aus Unverständnis, das sich in Groll, und aus Schweigen, das sich in blindwütigen Zerstörungswahn verwandelte, um mit verbrannten Papieren und verramschten Möbeln zu enden, in diesem komplizierten Beziehungsgeflecht zwischen Sohn und Eltern, Bruder und Bruder, Schwager und Schwägerin, Onkel und Neffe, im verschämten Austausch von Sätzen, in denen das Unausgesprochene grell hervorsticht, stößt man immer wieder gegen diese drohende, uneinnehmbare Mauer."
Bücher, Manuskripte und Notizen Prousts wurden zu großen Teilen verbrannt, Möbel und Gegenstände des täglichen Lebens wanderten zum Trödler. Eben diesen Trödler lernte Guerin durch einen weiteren unwahrscheinlichen Zufall kennen. Er erfährt, wie Prousts Schwägerin nach dem Tod ihres Mannes handschriftliche Widmungen und Manuskripte verbrannt hat und es blutet einem das Herz. Nicht nur Kriege zerstören Unwiderbringliches, auch Familie.
Durch die dem Sammler eigene Beharrlichkeit gelingt es Guerin, Teile von Prousts Nachlass aufzukaufen, bis ihm der Trödler schließlich Prousts legendären Mantel beschämt schenkt; er hatte ihn von der Schwägerin bekommen, um sich beim Angeln zu wärmen.
"Oft trug Marcel seinen Mantel, wenn er ins Ritz kam. Er schritt durch das elegante Foyer des berühmten Hotels an der Place Vendome und den Flur entlang, der zum Speisesaal führte. Dort angekommen, bahnte er sich mit seiner unbeholfen wirkenden Langsamkeit einen Weg zwischen den Tischen, gefolgt von den neugierigen Blicken der Gäste. Es war ihm stets bewußt, dass er beobachtet wurde. Im gewohnt ironischen Ton schrieb er an Philip Sassoon, den Enkel des Barons Gustave de Rothschild: "Einer ihrer berühmtesten Landsleute hat mich hoch geehrt, als er bemerkte: "Der größte Eindruck, den meine Frau und ich aus Paris mitnehmen, ist die Begegnung mit Mr Proust." Das hat mich sehr gefreut, doch leider zu früh, denn er fügte hinzu: "Wir haben nämlich noch nie zuvor einen Mann im Pelzmantel essen sehen." "
PROUSTS MANTEL ist ein wunderbarer Essay, der mir etliche Gänsehaut-Momente beschert hat.