"Der Balkan", soll Winston Churchill bemerkt haben, "produziert mehr Geschichte, als er verarbeiten kann." Ganz unterschiedliche Reiche, Religionen und Sprachgruppen haben den Raum zwischen den slowenischen Alpen, dem Schwarzen Meer und der Ägäis über Jahrhunderte geprägt. Dadurch ist eine einzigartige ethnische, religiöse und kulturelle Vielfalt entstanden. Bis heute sind Konflikte über Staaten, Grenzen und nationale Identitäten ungelöst, wie sich zuletzt bei der blutigen Auflösung Jugoslawiens gezeigt hat.
Die renommierte Südosteuropa-Expertin Marie-Janine Calic führt in die ebenso faszinierende wie wechselhafte Geschichte der Region ein und hilft dabei, Mythen und Legenden von Fakten zu unterscheiden. Denn ohne Kenntnis der Vergangenheit lassen sich die Länder des Balkans nicht verstehen.
Marie-Janine Calic is Professor of Eastern and Southeastern European History at Ludwig Maximilian University in Munich. She was previously a senior research associate at the German Institute for International and Security Affairs (SWP) in Ebenhausen and Berlin. On secondment from the SWP, she served as a political adviser to the Special Coordinator of the Stability Pact for Southeastern Europe in Brussels and for the UN Special Representative for the Former Yugoslavia in Zagreb. She is the editor of the journal Südosteuropa. She has published and lectured extensively about the Balkans and is a regular commentator on Balkan affairs for the media. Her main areas of research include the modern history of Southeastern Europe in the 19th and 20th centuries, the break-up of Yugoslavia, and European Balkan politics.
Ich habe die Auflage von 2023 gelesen. Das Buch zeigt auf wenigen Seiten, wie sich der sogenannte „Balkan“ über die Jahrtausende entwickelt hat. Direkt am Anfang gibt es auch einen Einstieg in die Forschung zum Balkan und was unter diesem verstanden werden kann.
Insbesondere der Unterschied zwischen Jugoslawien und der UdSSR sowie die Zusammenfassung des 19. Jahrhunderts hat mir gefallen. Etwas zu kurz kamen allerdings Slowenien und grafische Darstellungen, was immer hilft, Geschichte nachvollziehen zu können.
„‚Der Balkan’, soll Winston Churchill bemerkt haben, ‚ produziert mehr Geschichte, als er verarbeiten kann.’”
Marie-Janine Calic ist eine renommierte Historikerin, die sich auf Südosteuropa spezialisiert hat. In ihrem Buch „Geschichte des Balkans" bietet sie eine kompakte Darstellung der historischen Entwicklung dieser Region, die von den antiken Zeiten bis in die Moderne reicht. Sie beleuchtet dabei die komplexen politischen, kulturellen und sozialen Entwicklungen auf dem Balkan und analysiert die Auswirkungen auf die heutige Zeit.
Calic vermittelt ein tieferes Verständnis für die vielfältige Geschichte des Balkans, die von verschiedenen Völkern, Religionen und politischen Systemen geprägt ist. Zudem berücksichtigt sie die Wechselwirkungen zwischen den Ländern und Völkern auf dem Balkan sowie deren Einbindung in größere geopolitische Zusammenhänge.
Da Winston Churchill wohl nicht ganz unrecht hat und auf dem Balkan im Verlauf dieser erheblichen Zeitspanne viele Ereignisse stattgefunden haben, ist das Buch ohne Vorwissen an einigen Stellen nicht unmittelbar verständlich. Ebenso werden viele Fachbegriffe nicht näher erläutert. Dies liegt daran, dass Calic versucht, die komplexen Zusammenhänge in verkürzter Form darzustellen. Bereits in der Einleitung betont sie die Notwendigkeit einer selektiven Herangehensweise aufgrund der begrenzten Seitenzahl. Das ermöglicht es zwar, die Geschichte kompakt darzustellen, allerdings finde ich, dass manche Aspekte nicht ausreichend erläutert wurden.
Besonders bedauerlich ist, dass Calic an einigen Stellen unkommentiert problematische Begriffe verwendet, wie das Z*Wort (S. 43) oder ein Zitat mit dem Begriff „Rasse”. Hier hätte ich mir eine sensiblere Sprachwahl oder mindestens eine kritische Auseinandersetzung mit solchen Begriffen gewünscht. Zusätzlich vermischt sie gelegentlich Religionszugehörigkeit und Ethnie (Bsp. S. 86). Dabei wäre eine präzisere Analyse, um Missverständnisse zu vermeiden und eine korrekte historische Einordnung zu gewährleisten, gerade aufgrund des akademischen Charakters erforderlich gewesen.
Wer auf wenigen Seiten erfahren will, wieso der Balkan oft als „Synonym für Rückständigkeit, Irrationalität und Ethnogewalt” verwendet wurde und sich für die Geschichte interessiert, findet sie in Calics Buch prägnant zusammengefasst.
- Grober (politischer) Überblick von versch. Epochen
- Viele Stichwörter werden erwähnt, die man nicht kannte und unter denen man genauer bestimmte Dinge recherchieren kann.
negative Punkte:
- Akademisch hohe, für manche unzugängliche Sprache (vor allem wenn man vorher nichts über das Thema weiß)
- Schreibstil generell: wirklich sehr zusammenfassend, es liest sich wie eine 120 Seiten lange Zusammenfassung, die schwieriger durchzugehen ist, als Wikipedia Artikel.
- Es gibt verschiedene Kulturen im Balkan: je nach Zeitraum wurde gefühlt zufällig gewählt, über wen man jetzt am meisten spricht.
- Es wird vor allem am Anfang seltener über die normale Bevölkerung informiert. Stattdessen erfahren wir was politisch passiert (hatte hier vlt auch einfach andere Erwartungen)
- Das Buch ist ein "Sachbuch", also ohne eigene Meinung, aber dadurch, wie ausführlich versch. Themen behandelt wurden, hatte ich das Gefühl, dass trotzdem eine Bewertung stattfand. Zum Beispiel zum Thema Fremdherrschaft: Zu Byzanz gibt es 2 Sätze dazu, dass die ursprüngliche Bevölkerung vertrieben und versklavt wurde. (s. 22-23) Beim Osmanischen Reich gibt es ein ganzes Kapitel, das "unter fremder Herrschaft" genannt wird. Es ist bei älteren Quellen natürlich schwieriger ausführlicher zu werden, aber ich fand es schon komisch, dass die Autorin das so gewählt hat, wie sie's hat. Vor allem weil dann wieder zur Annexion Bosniens durch Österreich-Ungarn EIN SATZ (s.78) geschrieben wurde. Dass es offensichtlich Kämpfe dort gab, wird ausgelassen, auch wenn auf der selben Seite weiter oben ausführlich Kämpfe durch Osmanische Hand geschildert werden. Die Autorin hat also nicht alles gleich intensiv behandelt, was vlt unbewusst war, aber zumindest bei mir keinen guten Eindruck hinterlassen hat.
- Die Autorin benutzt abwertende Begriffe, ohne sie einzuordnen. Das hat schon eine andere Rezension gesagt, aber z.b. das Z-Wort oder "der kranke Mann vom Bosperus". Sie sagt zwar teilweise dann auch "xy sagte zu ihnen sie seien blabla."(benutzt also wenigstens den Konjunktiv) aber dann lässt sie das so im Raum stehen. Das ist gefährlich, vielleicht übernehmen deshalb manche Leute schlimme Begriffe.
- Ich war "gespannt", was zum G*nozid in Srebrenica geschrieben sein würde. Immerhin benennt sie ihn als G*nozid, aber sie verbreitet die Misinformation, dass nur Männer und Jungen ermordet worden seien, was nicht stimmt. Sie nimmt die UNO-Blauhelme auch in Schutz: "Personell und waffentechnisch schwach ausgerüstet, mussten sie HILFLOS mit ansehen, wie bosnisch-serbische Streitkräfte im Juli 1995 Srebrenica stürmten." (s. 120) Es mag nicht viel sein, aber die Benutzung des Wortes "hilflos" und wie die Autorin danach ausdrückt wie "schockiert" die UNO gewesen wäre, ist so ziemlich die intensivste Benutzung von Adjektiven auf dieser Seite. Beim Lesen hatte ich das Gefühl, sie beschreibt den G*nozid weniger wertend als die Reaktionen aus dem Ausland.
- Ich hab das Buch unter anderem gekauft, weil die Autorin selbst Wurzeln im Balkan hat und erhoffte mir eine Insider-Perspektive. Die habe ich nicht bekommen. Wie bei meinem Punkt von oben, hatte ich das Gefühl, dass (vor allem zum Ende hin) die Sichtweise vom Rest der Welt stärker geschildert wurde und wichtiger war, als die Sichtweise der Balkan-Leute selbst.
Abschließend: es ist halt schon sehr schwer ein Buch über eine so diverse Region zu schreiben, die sich so krass geändert hat. Also dafür Credit an die Autorin, aber vieles störte mich am Buch. Ich weiß nicht, ob/wie sehr andere Bücher besser wären. Das ist das.
Das Buch beschreibt die Geschichte des Balkans sehr kompakt und für mich als jemand mit wenig Vorwissen gut nachvollziehbar und interessant. Dadurch, dass es nicht so viele Seiten hat und die Geschichte der Staaten und Völker Südosteuropas seit der Antike erzählt wird, wirkt es auf mich aufgrund seiner hohen Informationsdichte allerdings teilweise etwas überladen. Nichtsdestotrotz beinhaltet das Buch nachvollziehbarerweise eher einen groben Überblick über die Entwicklung des Balkans als eine detaillierte Aufschlüsselung der Geschichte einzelner Staaten. Für ein besseres Verständnis wären mehr als drei Karten hilfreich gewesen.