Ein vollkommen unerwarteter Anruf am Sonntagnachmittag reißt den 30-jährigen Ich-Erzähler, der ein literarisches Alter Ego von Grégoire Bouillier ist, aus der Lethargie, in die er gefallen ist, seit ihn einige Jahre zuvor seine Geliebte verlassen hat; als wäre nichts Außergewöhnliches daran, ruft eben sie den Liebesversehrten an und lädt ihn ein, als Überraschungsgast auf der Feier der „bekannten zeitgenössischen Künstlerin“ Sophie Calle zu erschienen. Überrascht über sich selbst sagt der Erzähler zu und hat nun allerhand Anlass, auf kauzig-humorvolle und bisweilen neurotische Weise die beiden Problemfelder zu reflektieren, die sich aus dieser Einladung ergeben: bedeutet der Anruf für ihn, der seit der Trennung gleichsam als Wundverband die ihm zuvor immer so verhassten Rollkragenunterziehpullover trägt, neues / altes Liebesglück? Und welches Geschenk des selbst überraschten Überraschungsgastes ist angemessen, was kann er Sophie Calle schenken?
Die Situation ist schwerst bedeutungsgeladen, überall sieht er Zeichen: Gerade ist Michel Leiris gestorben, derweil man in Deutschland die Wiedervereinigung feiert und im Kino „Stirb langsam II“ läuft. Erwartet ihn neues Glück oder neues Leid? Aber vielleicht steht ihm ja auch etwas ganz anderes bevor, denn die Raumsonde Ulysses schickt sich an, das Sonnensystem zu verlassen. Überzeugt ist er allerdings davon, dass es die Kraft der Liebe ist, die ihm diese Zeichen beschert, und nicht sein Unterbewusstsein: „(…) ich erfinde nichts, dafür habe ich viel zu viel Phantasie.“
DER ÜBERRASCHUNGSGAST ist vom Verlag Nagel & Kimche nicht mit einem Gattungsbegriff versehen worden, und das ist gut so. Denn jede Einengung, die mit einer solchen Bezeichnung einherginge, würde den Lesespaß mindern. Biografisch angeregte Kurzprosa, literarisch durchgestaltet – das klingt doch eher sperrig, oder? Besser, man lässt sich vorurteilslos ein auf den Bericht des Erzählers, der auf sympathische Weise und in zuweilen ausufernden Sätzen alle möglichen Töne anschlägt, vor allem selbstironische und humorvolle; aber auch melancholische Unterströmungen sind zu verzeichnen, wenn er seine hochfliegenden Hoffnungen von der Gravitation des Alltags unerwartet niedergedrückt findet.
Ein wunderbares Vergnügen, Freude an eleganten Sätzen und eigenwilligen Reflektionen vorausgesetzt! Ein wenig habe ich beim Lesen an Genazino gedacht, ansonsten ist diese leichtfüßig elegante und zugleich anspruchsvolle Erzählweise, in der sich Kunst und Realität treffen, die Domäne französischer Autoren und hierzulande eher Mangelware.