Die Steampunk-Erotics frönen der Ästhetik harter Schwengel, dampfender Kessel und leben den Beat pumpender Kolben in gut geschmierten Buchsen. Tanya Carpenter, Kerstin Dirks, Erik Hauser, Antje Ippensen, Aimee Laurent und Thomas Neumeier entführen Sie in die Welt der speziellen Feuer, zu einem Ritt auf der Maschine und zu ausschweifenden Exzessen an Bord des Luftschiffs Prominence I. "Wenig später vereinigten der Lord und die Agentin ihre Geschlechter. Yolanda wollte auf ihn steigen, doch Wedderburn dirigierte sie rücklings auf das Kanapee, schob ihre Beine beiseite und drang dann hektisch, als würde man ihn anpeitschen, in sie ein. Sie stöhnte auf, und der Earl begann, wie ein Kolben in ihr zu arbeiten." Aus “Die Secret Intelligence Ihrer Majestät” von Thomas Neumeier Steampunk-Erotik vom Feinsten!
Dieser Band hat die Neugier des Rezensenten geweckt. Erotik und Phantastik ist ein noch nicht häufig beackertes Feld, wenngleich Alicia Bionda als Herausgeberin im Fabylon Verlag recht rührig ist, dieses zu ändern. Aber die Mischung ist noch recht jung. Zwar gibt es schon einige Versuche, mehr oder weniger romantische Liebesgeschichten mit dem Retro-Flair und der Phantastik zu verbinden, doch da ist Rezensent nicht sicher, ob da die Steampunk-Welt wie in „Steamed – 30° West 100° Liebe“ von Katie MacAllister nur als Kulisse für die letztendlich ewig gleichen Geschichten um Man und Frau benutzt wird. Wie verhält es sich nun mit den Erzählungen in dieser Anthologie? Tanya Carpenters Geschichte „Dieses Verlangen“ ist eine deftige Kriminal-Schmonzette, bei der kein Klischee ausgelassen wird. Standards der erotischen Literatur werden verwendet, und für das Steampunk-Universum drum herum hat sich die Autorin ein paar eigene Ideen ausgedacht. Die Handlung ist schnell erzählt, eine Reihe junger Frauen wird tot aufgefunden. Die Spur führt zu einem Traummann, der einerseits ein Womanizer, andererseits durch seine Erfindungen sehr reich gewordener Ingenieur. Die ermittelnde Polizistin kann da nicht unbeteiligt gehen, der Fall geht buchstäblich unter die Haut. Auch bei „Der Secret Intelligence Ihrer Majestät“ von Thomas Neumeier sollte man sich nicht viel Gedanken machen. Die Geschichte hat keine Ansprüche, ihre Freizügigkeit hat den Geschmack einer erzählten Männerphantasie. Agenten werden eingeschleust, um auf einem Luftschiff der britischen Flotte, das nicht nur militärische Funktionen hat, den Mord eine jungen Adeligen aufzuklären, die hier erotische Abenteuer mit den ebenfalls recht unmilitärischen Passagieren suchte. Bei dem Luftschiff handelt es sich also eher um ein Lustschiff. Während der Agent sich unter die frivole Gesellschaft mischt, muss sich eine andere als Lustobjekt der Sache auf den Grund kommen. Man mag an James Bond-Film in einem SP-Mäntelchen denken, aber außer den zwischenmenschlichen Konflikten gibt es wenig Dramatik und Action. Die Auflösung des Falles geschieht am Ende viel zu schnell. Fazit, keine sonderlich gute Geschichte. Und da das der Teil eines Romans sein soll, kann ich nur hoffen, dass sich der Autor steigern wird. Erotik und Sex in der Zeitschleife bietet „Deja-Vu“ von Kerstin Dirks. Eine junge Frau fühlt sich von den mechanischen Spielzeugen und auch deren attraktiven Konstrukteur sehr stark hingezogen. Sie entwischt der Obhut ihrer strengen Tante um ihn heimlich zu besuchen und erlebt ein heftiges erotisches Abenteuer, das sich immer wieder wiederholt. Das SP-Element dient als Vorwand für die Wiederholung der Szenen. Die melodramatische Vorgeschichte bleibt mit der erotischen Begegnung des Paares seltsam unverbunden, weil diese Sex relativ unromantisch geschildert wird. Sex als Phantasie im Gegensatz zur konventionellen Ehe bietet „Die Frau des Uhrmachers“ von Aimee Laurent. Bei dieser kurzen, aber durchaus atmosphärischen und doppelbödigen Geschichte ist der Schwachpunkt, dass die SP-Elemente leider nur aufgesetzt sind. Erik Hausers Erzählung „Der Ritt auf der Maschine“ ist von einem anderen Kaliber. Hier ist die Erotik viel variabler und humorvoller eingesetzt. Der Leser erlebt, wie ein kaiserlicher Wachsoldat vor dem Stützpunkt Nordholt schwer auf die Probe gestellt wird, als er die Kutsche eines Offiziers kontrollieren will und der junge Gardeleutnant in dessen Begleitung sich sehr verführerisch verhält und sehr, sehr weiblich wirkt. Dann erfährt man, dass ein englisches Luftschiff von einem bisher unbekannten Flugobjekt abgeschossen wurde, dass zweifellos diesem Labor entwickelt worden ist. Es sind so genannte Lilienthals, also Flugzeuge, die sich mit Flügeln in der Luft halten und hier offensichtlich ferngesteuert werden. Geleitet wird dieses Labor von dem Oberstleutnant von Reeder und dem Wissenschaftler Dr. Never. Die Agentin, die dort hingeschickt wird, um dies auszuspionieren, hat der Leser schon in der ersten Episode kennengelernt, das wird schnell klar. Ebenso den deutschen Offizier, der sich gerne von einer Domina unterwirft. Dr. Never (guter Name) ist ein waschechter mad scientist. Der nutzt seine genialen Erfindungen auch, um seine Lust zu befriedigen, und die Agentin Mila Anacovic kommt ihm dabei gerade recht. Doch die Agentin erweist sich als sehr widerständig. Die Geschichte nimmt geschickte Wendungen und ist sehr eindrücklich. Auch sprachlich weiß sie zu überzeugen. Sie nimmt sich selbst nicht richtig ernst, der Humor tut gut. Aber hier ist die Erotik und Steampunk eine wirklich gute Symbiose eingegangen. Hier wirkt nichts aufgesetzt. Sexualität und SP-Hochtechnologie sind hier immer wieder sehr gut aufeinander bezogen, die unterschwellige erotisch aufgeladene Bedeutung von Maschinen, die in den vorangehenden Geschichten immer wieder zum Ausdruck kommt, ist hier wirklich sehr befriedigend auserzählt. Antje Ippensen „Die Perle der Unschuld“ Larice, eine junge schöne Frau wird gefangen gehalten, und kommt in ihrem Verließ erst langsam zu sich selbst. Als ein Lord Ephraym sie aufsucht, und sich mit ihr beschäftigt, wird erkennbar, dass die Schmerz ihr zugleich auch Lust bereiten und dass sie dies auch schon früher gemacht hat. Sie ist ein Stroma, eine Prostituierte, die sich der „zartbitteren Wollust verschrieben hat, wie es im Viktorinanismus hieß. Lord Ephraym ist ein Meister des Quälens, ein Topsado und ist auch mit Leidenschaft dabei, sodass Larice bald leidenschaftliche Gefühle für ihn empfindet. Gleichzeitig will sie ihre Freiheit wiedergewinnen, zu ihrem Kind zurück. Der Lord ist aber nur ein Mittelsmann, der Larice für einen höheren Kunden vorbereitet. Die andere Hauptfigur ist der indische Waisenjunge Rajil, der sich aus einem von einer bösen alten Dame geleiteten Waisenhaus befreien und ein Job als Edelpage ergattern kann. Diese Passagen erinnern ein wenig an den großen Erzähler des viktorianischen Englands, an Charles Dickens. Auch er träumt von einem besseren Leben. Im Palast der Herzogin von Wales, der Stellvertreterin der Queen treffen sie aufeinander... Im Lauf der Erzählung tritt die SM-Erotik zurück und die Steampunk immer deutlicher hervor. Der Leser, die Leserin muss selbst entscheiden, ob er dies bedauern oder sich darüber freuen soll.. Dieses London weist die Steampunk typischen Elemente, Luftschiffe und viele Erfindungen auf, die zuweilen leider den Charakter einer deus ex machina, im wahrsten Sinne des Wortes haben. Das lässt die Geschichte unausgewogen erscheinen, so als hätte sich die Autorin erst an den Steampunk heranschreiben müssen. Dabei kommt der Erzählung immerhin das Verdienst zu, ihre Erotik gut in die viktorianische Zeit eingebunden zu haben. Eine Zeit, in der die Sexualität durch die herrschende Moral unterdrückt und tabuisiert wurde. Umso heftiger trieben die Menschen es die Menschen im Verborgenen, wurden auch die dunklen Seiten der Sexualität ausgelebt. Die Geschichte mit Schwächen, wenngleich spannend und routiniert erzählt.
Eine sehr durchwachsene Anthologie. Als Pluspunkt ist die graphische Gestaltung von Crossavalley Smith. Das Cover bereitet den Leser schon auf den Text vor. Und auch die Illustrationen am Beginn jeder Geschichte passen und tragen mit zur Erregung bei, wobei sie auch durchaus ästhetisch überzeugen können. Die Geschichten vermögen meistens mit drastischen und detailierten Schilderungen des Geschlechtsverkehrs zu erregen, was man eben von erotischer Literatur erwartet. Allerdings werden deren Stereotype und (sprachlichen) Klischees auch gleich übernommen. Weniger wird da die Phantasie des Lesers oder der Leserin angesprochen, von erotischer Atmosphäre ist auch wenig zu finden. Literarisch gesehen und als Steampunk-Geschichten sind sie weniger befriedigend. Hauser und Ippensen zeigen jedoch, dass Steampunk und Erotische Literatur sich gegenseitig etwas geben können, dass Liebeslust und Erotik im SP-Umfeld sowohl die erotische Literatur als auch dieses spezielles Subgenre der Phantastik bereichern können - und die LeserInnen sowieso. Ich gebe der Herausgeberin gerne eine zweite Chance, es besteht Entwicklungspotential, diese Anthologie stellt hoffentlich erst einen Anfang dar.