Archaische Wutrede allein im dunklen Wald – oder Spengler als populistischer Nietzsche gegen den Rest der Welt
Nach Der Untergang des Abendlandes, Oswald Spenglers historisch-literarischer Durchbruch, beschließt Jahre der Entscheidung Spenglers Gesamtwerk. Der Text erschien 1933, kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in der Weimarer Republik. Es sollte „Deutschland in Gefahr“ heißen, aber Spengler änderte den Titel, um die Schrift nicht unumwunden gegen die aufstrebenden Nationalsozialisten zu münzen. Er wählt lieber indirektere Wege:
Die Föderalisten möchten das ohnehin kleine Land wieder in ein Bündel von Zwergstaaten ehemaligen Gepräges verwandeln und damit fremden Mächten Gelegenheit geben, den einen gegen den andern auszuspielen. Und die Nationalsozialisten glauben ohne und gegen die Welt fertig zu werden und ihre Luftschlösser bauen zu können, ohne eine mindestens schweigende aber sehr fühlbare Gegenwirkung von außen her.
Spengler argumentiert, wie schon in seinem Hauptwerk, dezidiert elitistisch und aristokratisch. Als politisches Pamphlet lässt es sich als Cäsarismus einstufen: die Vision von einzelnen Tatsachenmenschen, die die Weltgeschicke mit ihrem Eroberungsdrang gestalten.
Alle wirklich großen Führer in der Geschichte gehen nach rechts, mögen sie aus noch so großer Tiefe emporgekommen sein: daran erkennt man den geborenen Herrn und Herrscher. Das gilt von Cromwell und Mirabeau wie von Napoleon. Je reifer die Zeit wird, desto aussichtsvoller ist dieser Weg.
Spengler argumentiert individualistisch-physisch, d.h. er sieht einzigartige Menschen in der Geschichte am Werke, einzigartige Kulturen, einzigartige Konstellationen, die glücken oder nicht. Von einer paritären, egalitären Glaubensgemeinschaft will er nichts wissen. Er redet der Hierarchie das Wort, die einen einzelnen und besonderen huldigt, der „Rasse“ und „Form“ besitzt. Herkömmlicher Rassismus verachtet er förmlich:
Aber wenn hier von Rasse die Rede ist, so ist das nicht in dem Sinne gemeint, wie er heute unter Antisemiten in Europa und Amerika Mode ist, darwinistisch, materialistisch nämlich. Rassereinheit ist ein groteskes Wort angesichts der Tatsache, daß seit Jahrtausenden alle Stämme und Arten sich gemischt haben, und daß gerade kriegerische, also gesunde, zukunftsreiche Geschlechter von jeher gern einen Fremden sich eingegliedert haben, wenn er »von Rasse« war, gleichviel zu welcher Rasse er gehörte.
Politisch bleibt damit Oswald Spengler ein enfant terrible. Er sitzt zwischen allen Stühlen. Seine Schrift bezweckt nichts anderes, als zu motivieren, als die wenigen aus den Schneckenhäusern zu locken, um mit der Gestaltung der Weltlage zu beginnen. Leider verbleibt es bei dieser „Motivationsschrift“ – sie liest sich wie ein Flugblatt, wie ein Pamphlet, eine Art cäsarisch-gestimmtes Stammtischgespräch, das schimpft, zetert, aber mit Wucht hinaus, auf die weite See und die Welt erobern will. Leider verbleibt es beim Bierdunst und Biergeruch allenthalben, und die schwülstigen, begrifflosen Ausbrüche, die sich wieder und wieder wiederholen, unterminieren die Wirkung bis zur Komik. Zu unbelegt, zu kartenmischerisch, zu tarotkartenartig und spiritisch gestimmt, um interessante, begriffslogische Verknüpfungen zu erzeugen.
Von Geld, Parteipolitik, von bürokratischen Funktionalismen, systemlogischen Redundanzen, von zirkulären Finanzströmen, Welthandel, Retardationen und Gewinnschöpfungsstrategien, kurzum von der Komplexität, der Technologie, der sich verselbständigenden Interaktionsstrukturen der Moderne überhaupt will er nichts wissen. Schade. Als Interjektion nur teilweise erhellend, lesbar durch aufgeblühte Archaismen und Simplifikationen hindurch.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Stichworte. Für Spengler stellt jedwede demokratische Form der Selbstverwaltung ein Missverständnis dar. Nur einzelne Charaktere gestalten Nationen. In diesem Sinne unterscheidet er nicht zwischen der Sowjetunion und der USA. Niedergang Englands. Selbstauslöschung der Kolonialmächte, Verlust der Seehoheit. Technologietransfer auf Milizen und Söldner des Südens, die so die Technologie kennenlernen, mit denen sie den Norden (als Vertreter des Südens) bekämpfen. Selbstzerfleischung der Industrieländer, lachender Dritter der Rest der Welt, die sich rächen. Selbstauslöschung im Bolschewismus jedweder Art, parteipolitisch, christlich, journalistisch. Dekadenz prangert er an. Das Verschwinden von Handarbeit. Die Lust am Wagemut. Er bedauert, dass Bismarck kaum Zeit hatte, gemeinsam mit Moltke, eine neue Generation zu schmieden. Chance Deutschlands dennoch durch seine Jugend. Noch nicht veraltet wie England und Frankreich. Für Spengler bleibt der Mensch ein Raubtier. Spengler getreuer Nachfolger Heraklits:
Krieg ist aller Dinge Vater, aller Dinge König. Die einen erweist er als Götter, die andern als Menschen, - die einen läßt er Sklaven werden, die anderen Freie.