Oliver Wnuk erzählt in seinem Buch „Luftholen“, die Geschichte von Josh, einem gescheiterten Mittdreißiger, der sein Geld als Bademeister in einem Freibad am Bodensee verdient. Seit ihn seine Frau, samt gemeinsamem Sohn, verlassen hat und an der Cote d’Azur ein neues Leben begonnen hat, ist Josh in seinem morschen Alttagstrott festgefahren. Tag ein, Tag aus, fristet er sein Dasein im Schwimmbad und kümmert sich dort um seine Stammgäste, wobei wir keine heitere Freibad-Atmosphäre vermittelt bekommen sondern eher einen skurrilen und amüsanten Einblick in die Geschehnisse des Schwimmbads erhalten. In seiner Präsenz als Bademeister, hat Josh alles unter Kontrolle, aber darüber hinaus, führt er ein sprödes und unspektakuläres Leben und befindet sich in einem planlosen Ausharren.
Die 14jährige Leonie besucht in den Sommerferien täglich das Schwimmbad und freundet sich mit Josch an. Das pubertierende Mädchen schwärmt für den Bademeister und man wirft schon zu Beginn des Romans einen kritischen und fragwürdigen Blick auf die Beziehung, die sich zwischen dem Erwachsenen und dem Kind entwickelt. Man fragt sich wie weit diese Freundschaft geht und welche Absichten Josch wohl hat.
Als eines Tages ein dramatischen Unglück im Freibad geschieht, flüchtet Josch vor seiner Verantwortung und macht sich mit seiner blinden aber lebensfrohen Schwimmbadbekanntschaft Maria auf den Weg nach Südfrankreich, um seinen Problemen wieder einmal den Rücken zu kehren. Gleichzeitig möchte er seinen Sohn besuchen, zu dem er seit Jahren keinen Kontakt mehr hat.
Oliver Wnuk erzählt sehr glaubhaft und in einem besonders lebensnahen Erzählstil. Die Hauptfigur Josch wird sehr authentisch geschildert und erweckte in mir sowohl Sympathie als auch absolutes Unverständnis für seine Pflichtvergessenheit. Josch fühlt sich stehts in einer Opferrolle und trägt in seinen Augen keine Schuld an seinen trüben Lebensumständen. Er schiebt die Schuld seinen Eltern zu, handelt feig und reagiert auf Kritik aggressiv und stur. Der Autor schafft es, einen fesselnden Spannungsbogen aufzubauen. Der Roman beginnt zunächst locker und harmlos, bis das Buch eine dramatische Wendung nimmt. Bis zu Schluss, fiebert man erwartungsvoll Josch Entscheidungen entgegen, und hofft bis zum Ende, dass er das planlose Chaos seines Lebens in den Griff bekommt.
Deutlicher hätte Josch, der Schwimmmeister, nicht werden können. Er findet es eine Schnapsidee, dass Leonie nach ihrem Praktikum im Schwimmbad bei ihm eine Ausbildung beginnen will. Die Vierzehnjährige ist dem mehr als doppelt so alten Mann wie eine herrenlose Katze zugelaufen und gewährt ihm seitdem das Privileg, ihr bester Freund zu sein. Leonie kreist wie ein Planet um ihr Idol, flirtet mit Josch und nutzt ihn als Mentor, wenn ihr in einer fantastischen Welt angesiedeltes Buchmanuskript nicht vom Fleck kommen will. Gegen Leonies Schreibhemmung hilft angeblich nur ein nächtlicher Tauchgang im geschlossenen Schwimmbad. Josch hat keine Qualifikation als Tauchlehrer. Leonie weiß das, dringt verbotenerweise doch ins Bad ein und verunglückt dabei tödlich. Dass Josch sich damals beim ersten verbotenen gemeinsamen Tauchgang nicht gegen Leonies Gequengel duchsetzen konnte, wird er sein Leben lang bereuen. Leonies schwärmerische Tagebucheinträge lassen Josch blöd dastehen; die zu vermutende enge Beziehung zwischen einem Erwachsenen und einem ihm anvertrauten Kind wirkt mehr als sonderbar. Der Unfall erregt erhebliches Aufsehen, dem Josch sich durch Flucht entzieht. Wie wir auf seiner abenteuerlichen Reise entdecken werden, ist Josch vor Forderungen bisher immer nur geflüchtet. Josch trägt nie Schuld an Geschehnissen, im Gegenteil, die Dinge verschwören sich stets gegen ihn. Zusammen mit der blinden Maria macht Josch sich auf den Weg zu seinem 15-jährigen Sohn nach Südfrankreich, zu dem der Kontakt abgerissen ist und für den er seit Jahren keinen Unterhalt mehr zahlt. Maria hat Josch im Schwimmbad kennengelernt, als sie forsch den Gegenverkehr im Sprungbecken verscheuchte - bevor sie selbst vom Sprungturm sprang. Marias selbstbewusstes Auftreten entspricht kaum Joschs Vorstellung von einem behinderten Menschen. Zusätzlich ist Wnuks Held schüchtern und vermeidet deshalb, mit Maria über ihre Behinderung zu sprechen. Der körperlich unversehrte Mann ist so stark mit sich beschäftigt, dass für Maria in diesem Leben kaum Platz bleibt.
Schade, dass Josch nicht intensiver über seine Beziehung zu Leonie nachgedacht hat. Als Jammertyp, in dessen Leben von Anfang an die Eltern an allem Schuld sind, hat Oliver Wnuk seinen chaotischen Bademeister gut getroffen. Joschs ungewöhliche Beziehung zu Leonie, die er wie alles andere einfach erleidet, markiert den starken Auftakt eines Romans, der anschließend dem planlosen Chaos seiner Hauptfigur folgt. Wer Lust auf ein Roadmovie mit einem völlig verpeilten Helden hat, sollte hier zugreifen.