n einem schneelosen Winter, der kein Ende nehmen will, dessen Tage nicht länger und Nächte nicht kürzer werden, sondern zu einem einzigen Grau verschmelzen, verwischen sich manchmal auch andere Grenzen. Patrik lebt in einer verlassenen Fabrik, zusammen mit 9 Kindern. Sie tauchten eines Tages, als er glaubte im Sterben zu liegen, bei ihm auf und blieben. Woher sie kamen, weiß er nicht, sie beantworten nie Fragen. Die 9 Kinder und eine verrückte Obdachlose versorgen den im Rollstuhl sitzenden Mann, bis das geschieht, was Patrik immer befürchtete: Eines der Kinder verschwindet. Die restlichen Mädchen, sich so ähnlich wie Spiegelbilder, versuchen es zu verheimlichen. Viktor Winter, ein renommierter Wissenschaftler, findet eines Morgens eine Kinderleiche in seinem Büro. Sie erinnert ihn mit Erschrecken daran, dass es einmal 9 Mädchen gab, die ihm ihre Existenz … und ihren Tod zu verdanken hatten. Ein Schatten erwacht. Er ist eine Gestalt des kollektiven Unterbewusstseins, er ist der Rattenfänger, der Wanderer, der Schwarze Mann und er ist auf der Suche nach den Kindern. Wie bei einem fehlerhaftem Programm, dass seinen Zweck schon lange verloren hat, “programmiert” sich die Wirklichkeit in der Nähe des Schattens um. Die Grenzen zwischen “Real” und “Märchen” werden neu gezogen.
Jacqueline Spieweg, Malerin, Grafikerin und Autorin wurde 1966 in Berlin geboren. 1986 begann sie das Studium der Visuellen Kommunikation an der Universität der Künste, Berlin. 1992 wurde sie dort zur „Meisterschülerin“ ernannt. Als Grafikerin legte sie ihren Schwerpunkt in die Magazingestaltung, unter anderem arbeitete sie 10 Jahre für den Egmont Ehapa Verlag, zuletzt als Art Direktorin des Micky Maus-Magazins. Mit dem Malen hat Jacqueline Spieweg angefangen, bevor sie laufen konnte und einfach nie damit aufgehört. Das Schreiben folgte etwas später. Im Alter von 16 Jahren gründete sie mit Freunden die „Teeparty“, eine Gruppe junger Autoren, um Texte zu schreiben und zu besprechen. Die meisten Mitglieder der „Teeparty“ sind heute noch als Autoren aktiv. Ihr Roman „Rattenauge“ ist alles andere als ein Schnellschuss. Die erste Fassung schrieb sie bereits 1991. Seitdem wurde er an die 15 Mal grundlegend überarbeitet, jeder Satz kam auf den Prüfstand und jedes Wort wurde infrage gestellt, bevor „Rattenauge" zur Veröffentlichung bereit war.
Patrik sitzt im Rollstuhl und lebt in einer verlassenen Fabrik. Bei ihm sind 9 Mädchen, die sich ähneln wie Spiegelbilder und eines Tages einfach auftauchten. Er weiß nicht, woher sie kamen und fürchtet den Tag, an dem sie ihm weggenommen werden. Als eins der Kinder verschwindet, versuchen die restlichen Mädchen, es vor ihm zu verheimlichen. Der Wissenschaftler Viktor Winter findet in seinem Büro eine Kinderleiche, welche ihn an 9 Mädchen erinnert, die ihm ihre Existenz aber auch ihren Tod zu verdanken hatten.
An dieser Geschichte hat mir als erstes die dichte und wechselhafte Atmosphäre gefallen, die mich auf eine leise Art fasziniert hat. Die Sprache ist manchmal poetisch und transportiert viele Dinge. Bilder, Gefühle, Stimmungen. Auf eine ganz eigene Art und Weise, sehr intensiv. Es gibt unzählige Realitäten, die sich verändern und überschneiden. In diesem Ausmaß war das eine neue Erfahrung für mich, sowohl von der Anzahl als auch den unterschiedlichsten Sichtweisen her. Eine Erfahrung, die mir sehr gefallen hat, auch weil mein Kopf schön beschäftigt war und ich einfach in ganz unterschiedliche Richtungen denken konnte.
Wo es so viele verschiedene Realitäten gibt, sind natürlich auch einige Figuren zu finden. Anfangs musste ich da schon ein wenig aufpassen, um auch alle zuordnen zu können. Aber da jede ihre ganz eigene Geschichte, individuelle Gedanken und Gefühle hatte, klappte das recht gut. Da gab es zu jeder Figur eine Verbindung, keine war mir gleichgültig. Später wechselt die Erzählperspektive dann auch öfter mal absatzweise, womit sicher nicht jeder klar kommt. Mir hat gefallen, dass dem Leser dort auch etwas zugetraut wird – und es hat Spaß gemacht, die Perspektiven so “ungeordnet” zu wechseln und manche Szenen aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu erleben.
In dem Roman gibt es auch viele Verbindungen und Hinweise auf Märchen. Die eingestreuten Märchen-Aspekte sind ein fester Bestandteil und tragen zum besonderen Charme dieser Geschichte bei. Dabei geht es nicht nur um den Rattenfänger, der auf der Suche nach den Kindern ist. Es geht um viele Märchen und jeder entdeckt da wohl ganz unterschiedliche Hinweise. Auch aus der nordischen Mythologie taucht eine Figur auf, diese war mir zwar etwas zu weit weg, aber ich habe die Andeutungen doch sehr genossen.
Im Verlauf der Geschichte fragt man sich immer öfter, was real und was Einbildung, Wahn oder Märchen ist. Die Grenzen verschwimmen, alles verbindet sich und wird miteinander verwoben, um es später wieder zu trennen. Das Ende kam für mich gefühlt plötzlich, aber nachdem sich mein Kopf eingeschaltet hatte und etwas sortiert hat, wirkt es auf mich dann doch rund. Nur wegen einer Figur grübele ich noch etwas…
“Rattenauge” ist sicherlich keine Geschichte für jeden, aber alle, die tiefe Geschichten mit verschiedensten Realitäten, Märchenmotiven und einem gewissen Anspruch mögen, sollten es sich auf keinen Fall entgehen lassen! Ein spannender phantastischer Roman, der mich nicht nur fasziniert sondern auch noch länger beschäftigt hat.
Rattenauge war ein Buch, das ich wirklich fasziniert gelesen habe. Einerseits erzählt die Autorin einen knallharten Krimi, andererseits viele uns bekannte Märchen auf einmal.
Was muss man sich darunter vorstellen?
Die Autorin verwebt verschiedene Handlungsebenen und Handlungstragende miteinander. Dabei entsteht ein kühner Mix aus "realer Handlung" und "märchenhafter Erzählung". In Erscheinung tretende Personen oder auch Gegenstände, finden sich in beiden Welten, der realen und der Märchenwelt wieder, erst nach und nach gelingt es beim Lesen, den Märchenfiguren ihr reales Gegenstück zuzuordnen und in Kombination mit den realen Informationen auch die Märchenhandlung in einen nachvollziehbaren Kontext zum geschilderten Verbrechen zu setzen, um so das Gesamtbild zu erkennen. Diese Handlungsstränge gehen fliessend ineinander über, immer wieder wechselt man als Leser zwischen den Welten hin und her. Diesen Ansatz fand ich sehr interessant und auch mutig.
Zur Geschichte: Grob gesagt, geht es um ein grauenvolles Experiment, das 9 tote Mädchen zur Folge hatte. Wer daran beteiligt war, aus welchen Gründen und in welchem Ausmaß, was genau passierte, das erfährt man durch eben den abenteuerlichen Mix, den ich oben zu beschreiben versuchte.
Ich fand das Buch toll und möchte es darum auch weiterempfehlen. Von mir bekommt Rattenauge die volle Sternzahl