Neben den derzeit zahlreichen autofiktionalen “Romanen” auf dem Lese-Markt also die Familiengeschichte eines universitären Historikers, Fakten- und Quellen-basiert – sehr gerne gelesen.
Bei allem Historikertum schafft Frie erst einmal einen menschlichen, persönlichen Bezug: Er steigt mit den einzigen drei Familienfotos ein, von 1947, 1960 und 1969, inklusive Geschichte der Aufnahmesituation.
Seine Methodik und die besondere Erzählsituation macht Ewald Frie anfangs transparent: Dass er Teil der Geschichte ist und damit voreingenommen, dass er Distanz zu schaffen versucht durch geschichtswissenschaftliche Techniken, Interviews, Archivrecherchen, Lektüre zeitgenössischer Literatur, Sichtung der Forschung zu dem Thema. Er nennt seinen Text einen „Grenzfall, von Wissenschaft wie Familiensinn“. Und äußert die Hoffnung, „dass er Gutes aus beiden Welten zusammenbringt, um ein besonderes Licht auf die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland zu werfen“.
Das ist ihm gelungen: Genau diese Mischung macht das Buch in meinen Augen so einzigartig und charmant.
Die Struktur, die Frie seiner Erzählung durch Großkapitel gibt:
– “Familie, Bauernschaft und Dorf”
– “Die Jahre meines Vaters” (der deutlich älter als die Mutter war)
– “Die Jahre meiner Mutter”
– “Auszug”
– “Nachwelten”
Vieles in den historischen Beschreibungen des Hof-Alltags sagte mir etwas, zum Beispiel die Fachsprache des Viehhandels – ich habe in meinen Lokalredaktionszeiten Ende der 1980er, Anfang der 1990er immer gerne die Landwirtschaftsspalte verantwortet.
Doch am spannendsten waren für mich die Unterschiede zu dem Wenigen, was ich an landwirtschaftlicher Struktur kenne: Bayern unterscheidet sich völlig von Westfalen. So konnte mich überraschen, dass es im Münsterland einen Unterschied zwischen Hof und Dorf gab: Die titelgebenden elf Kinder wuchsen auf einem von vielen alleinstehenden Höfen auf, kamen kaum in Kontakt mit anderen Familien, ins Dorf musste eigens gefahren werden, und das geschah nur zum Kirchgang am Sonntag. In meinem Bayern waren Landwirtschaft und Dorf deckungsgleich, eine Ansammlung von Höfen ergab ein Dorf, Einsiedlerhöfe waren eine so große Ausnahme, dass sie eine eigene Bezeichnung bekamen. Doch so wie ich das in der Vergangenheitsform schreibe (Dörfer bestehen auch in Bayern nur noch zu einem Bruchteil aus Landwirtschaft), beschreibt Frie eine vergangene Struktur: Schon die jüngeren der elf Geschwister (unter anderem er selbst) mussten dank techni-schem Fortschritt nicht mehr so viel auf dem Hof arbeiten und sein, engagierten sich in Gemeinde und Vereinen, hatten eine Gemeinschaft außerhalb der Familie. Auch war mir nicht bewusst, wie neu die Selbstorganisation der Jugend in Verbänden und Vereinen ist: Sie begann erst im Nachkriegs-Deutschland.
Frie beschreibt und analysiert die strukturellen wie die sozialen Veränderungen seiner Herkunftsgegend, ihre gesellschaftlichen und politischen Ursachen (u.a. hätte ohne die Einführung von BAföG Anfang der 1970er niemand von den elfen mehr als Volksschule und Ausbildung absolvieren können, keiner und keine studieren; ohne staatliche Förderprogramme gäbe es den Frie-Hof seit Jahrzehnten nicht mehr), aber auch die menschlichen und ganz individuellen Auswirkungen auf die Familienmitglieder.
Viel Raum nimmt die sich verändernde Rolle von Frauen auf dem Hof ein, die mir in diesen Details neu war.
Im letzten Kapitel “Nachwelten” denkt Frie darüber nach, ob diese Bildungs-Entwicklung der Kinder einen “Aufstieg” darstellt – er bezweifelt das: Er besitze “kein Land, kein Haus, keine Tiere, keine Apfelbäume, keine Feuerstelle” wie seine Eltern. Und auch nicht das Fachwissen seines Vaters zu Vererbungsqualitäten von Bullen, nicht dessen Ansehen auf DLG-Schauen, könne nicht das Wetter aus dem Zug der Wolken und der Farbe des Sonnenuntergangs ablesen. Sein Vorschlag: “Umstieg statt Aufstieg?”