Ich musste bei der Lektüre immer wieder an das Buch "Akenfield: Portrait of an English Village" von Ronald Blythe denken, denn Bierbichlers Roman hatte für mich eine ähnliche Funktion: Durch die Erzählung der Familiengeschichte eines Land- und Gastwirts im fiktiven Ort Seedorf am Starnberger See vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis etwa in die 1980er erlebte ich grundsätzliche gesellschaftliche, technische, politische Veränderungen. Die Dynamik zwischen Familienmitgliedern war am Ende nicht mehr dieselbe wie vor 100 Jahren, ebenso wenig das Verhältnis zwischen Chefs und Angestellten, die Kirche spielte eine andere Rolle. Das transportiert Bierbichler in einer lakonisch kraftvollen und rhythmischen Sprache, die ich als authentisch empfand, weil sie sich mit meinen Erfahrungen ländlicher Gebiete in Oberbayern vor allem in der Vergangenheit deckte. In diese oberbayerisch gefärbten Mündlichkeit baut Bierbichler auch mal neue Wörter, um etwas besonders treffend auszudrücken.
Mir gefielen die immer wieder durchscheinenden menschlichen Beobachtungen, sei es der Einfluss der Sommerfrischler*innen auf die Dorfjugend schon in den 1920ern, zur Entwicklung von Dorfgemeinschaften, zur Desillusion einer Elterngeneration, deren Kinder eigene Lebenswege gehen wollen, sei es die Stellung der Vertriebenen in der portraitierten Gesellschaft oder die Verdrängung schlimmer Erlebnisse, die Überleben erst ermöglicht. Erzähltechnisch bedient sich Bierbichler bei vielen Gattungen, seine im Ganzen lineare Geschichte setzt sich aus verschiedenen Flecken zusammen, mal blicken wir in die Gefühlswelt eines Internatsschülers, mal sehen wir in einem Sparkassenbüro der 1970er eine Szene wie im Bauerntheater. Sein Material hat Bierbichler aber immer im Griff, es ergibt ein stimmiges Gesamtbild.
Interessant finde ich, dass ich erst jetzt auch an Oskar Maria Grafs autobiografischen Roman "Das Leben meiner Mutter" denke, obwohl der mit seinen fast deckungsgleichen Schauplätzen und nur wenige Jahrzehnte früher angesiedelt als Vergleich näher läge.