Sofi Oksanen erzählt in ihrem Debüt die Geschichte der 1977 in Finnland geborenen Anna, deren Mutter Estin und deren Vater Finne ist. Diese Daten stimmen mit Oksanens Leben überein, es soll sich um einen autofiktionalen Roman handeln, dessen Anteil an Fiktion aber hoch ist. Anna entwickelt eine Bulimie mit Phasen von Anorexie, die in der Entstehung und im Verlauf eindringlich beschrieben werden. Diese Darstellung fand ich sehr gelungen (man sollte aber beim Lesen nicht essen), die sich entwickelnde Sucht, bei der Therapien ohne einen starken Willen der Patientin und ohne Betrachtung der Ursachen ohne Erfolg bleiben müssen, die körperlichen Folgen und wie die Sucht den Alltag bestimmt. Gelungen fand ich neben dem Krankheitsverlauf die komplexe Darstellung der Ursachen. Es ist eben nicht nur das schlechte Vorbild in einer Fernsehsendung, sondern eine Fülle von Gründen, angefangen von dem Gefühl, die Herkunft der Mutter verheimlichen zu müssen, über die fehlende Wärme zu Hause, die Eheprobleme der Eltern, das Glücksempfinden bei der Großmutter, das auch im Zusammenhang mit Essen entsteht, Schul- und Beziehungsprobleme u. v. m.
In zeitversetzten Kapiteln erfahren wir neben Annas Erzählung aus der Ich-Perspektive einzelne Episoden aus dem Leben der Mutter Kateriina und Großmutter Sofi, die vom Ende des 2. Weltkriegs über die Besetzung durch die Sowjetmacht bis in die 1990er Jahre reichen. Es sind Familientraumata, wie es sie in vielen Familien gab und wie sie in vielen Familien totgeschwiegen wurden, aber trotzdem in den nachfolgenden Generationen nachwirken. Schweigen über erlittenes Unrecht konnte überlebensnotwendig sein, aber ist ebenso die Ursache psychischer Krankheiten nachfolgender Generationen.
An den Stil, der in oft sehr kurzen Kapiteln durch die Zeit und die Orte der Handlung springt, musste ich mich erst gewöhnen, aber dieses puzzleartige Zusammenfügen der Teile brachte nicht nur Verwirrung, sondern an vielen Stellen ein tieferes Begreifen, z. B., wenn ein Kapitel mit Fressorgien einem Kapitel mit schlimmstem Hunger gegenübersteht. In beiden Kapiteln werden Lebensmittel aufgezählt, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten.
Was mich störte, war die einseitige Darstellung der Finnen und ein wenig auch der Russen. Während die Esten als sehr heterogen beschrieben werden und alle Namen tragen, bilden die Finnen und Russen Gruppen, denen negative Eigenschaften zugeschrieben werden und die meist keine Namen tragen (nicht mal Annas Vater). Das mag als Annas Sicht so durchgehen, es ließe sich auch argumentieren, dass es in diesem Buch nicht darum geht, aber gerade angesichts aktueller Ereignisse halte ich eine Zuschreibung von Eigenschaften, gebunden an eine Nationalität, für gefährlich.
Insgesamt überwiegen die positiven Eindrücke, besonders, da es ein Debüt ist. Ich kann es empfehlen für alle, die sich für die Entwicklung und mögliche Ursachen einer Essstörung interessieren. Wer vorrangig etwas über estnische Geschichte erfahren möchte, findet hier zu wenig, um Entwicklungen zu verstehen.