Woher kommt Moral und wie zeigt sie sich heute? Moderne Gesellschaften sind Krisengesellschaften: Universelle Werte sind erodiert, eine allgemeingültige Moral scheint für immer der Vergangenheit anzugehören. Doch der Schein trügt: Tatsächlich gibt es universelle Werte, die alle Menschen miteinander teilen.
Hanno Sauer erzählt die Geschichte unserer Moral von der Entstehung menschlicher Kooperationsfähigkeit vor 5 Millionen Jahren bis zu den jüngsten Krisen moralischer Polarisierung. Und er beschreibt, welche Prozesse biologischer, kultureller und historischer Evolution die moralische Grammatik formten, die unsere Gegenwart bestimmt.
Woran können wir uns orientieren? Wie wollen wir leben? Wie können wir miteinander auskommen? Wie ist es uns früher gelungen, und wie wird es in Zukunft möglich sein?
»Dies sind moralische Fragen, und die Geschichte, die ich erzählen will, ist eine Geschichte der Moral. … Meine Geschichte zeichnet die fundamentalen moralischen Transformationen der Menschheit nach, von unseren frühesten, noch nicht menschlichen Vorfahren in Ostafrika bis zu den jüngsten Konflikten um Identität, Ungleichheit, Unterdrückung und die Deutungshoheit über die Gegenwart, die online in den Metropolen der modernen Welt ausgetragen werden.« Hanno Sauer
Moral von Hanno Sauer gelesen dank Netgalley. Eine Geschichte der Moral durch die gesamte Menschheitsgeschichte von den ersten Urmenschenstämmen bis in die Zukunft. Der Autor hat sich da gründlich Gedanken gemacht und verortet die Menschheit als eine Spezies, die sich nur in gegenseitiger Unterstützung weiterentwickeln konnte. Damit dies möglich war, musste sie sich selbst eine Moral „anzüchten“, indem die Personen, die Handeln und Unterlassen der eigenen Gruppe eher schaden aus der Gruppe oder sogar aus der Menschheit entfernt werden. Wer eigenes Recht gegen die eigene Gruppe mit Gewalt durchsetzt muss sauber davon abgehalten werden, notfalls durch Hinrichtung, da sonst mittelfristig das Aussterben der eigenen Gruppe zu befürchten ist. Von dieser Frühform der „Moral“ aus entwickelt sich die Menschheit sich in diversen Stufen zu Gesellschaften, die unterschiedlich komplex Moral oder Gesetz anwenden um miteinander auszukommen. Hierbei wird das Leben bis in die heutige Zeit mit den unterschiedlichen „Moralvorstellungen“ unterschiedlicher Gruppen im realen Leben oder auch in virtuellen Gemeinschaften/social Media betrachtet. Insgesamt ist das Buch vielseitig und gut geschrieben, aber problematisch finde ich den überbordenden Gebrauch von Fremdwörtern auch da, wo es gute und allgemeinverständliche Entsprechungen in Deutsch gibt. Ich verstehe das Buch als ein Werk für die Allgemeinheit, nicht als wissenschaftliche Abhandlung und da würde ich vorziehen, wenn ich nicht zwischendurch recht unbekannte Begriffe nachschlagen muss für die ich eine griffige und verständliche Entsprechung finde. #Moral #HannoSauer #NetGalleyDE! #KathrinliebtLesen #Bookstagram #Rezension
Im Anfang stellt Sauer die Herausbildung größerer menschlicher Gemeinschaften in den Focus seiner Darstellung. Hier zeichnet er die Rolle gruppenbezogener emotional bindender Handlungen (Fell lausen, Berührungen, Koalitionsbildungen etc.) für die Herausbildung von "Moral" nach und beleuchtet die Fragestellung, warum altruistisches Handeln sich innerhalb von Kleingruppen langsam durchsetzt, obwohl aggressive oder egoistische Trittbrettfahrer zweifelsfrei mehr Nutzen aus selbstbezogenen Handlungen ziehen würden. Hier werden Erkenntnisse rekapituliert, die nicht wirklich neu, aber interessant und einsichtig dargestellt sind. Spannend, wie der Autor Ergebnisse spieltheoretischer Überlegungen (z.B. des Gefangenendilemmas) als Erkenntnismittel für die Rekonstruktion der Genese von Moral beschreibt. Daran hatte ich bisher nicht gedacht.
Das alles liest sich gut, aber den Höhepunkt des Buches bilden die Passagen, in denen der Inhalt einer Studie wiedergegeben und einsichtig erläutert wird, die die Zerstörung von Erbschafts- und damit von Familienbeziehungen durch die katholische Kirche (Zölibat, Klosterleben, Stiftungen außerhalb des Familienverbandes) für die Herausbildung des westeuropäischen Individualismus verantwortlich macht. Die Mentalität von Menschen, die über 1500 Jahre lang derart sozialisiert wurden, wird als "seltsam" bezeichnet, insofern sie andernorts (nicht einmal in Ost- oder Südeuropa) keine Entsprechung hat. Die Auflösung von Clanstrukturen durch das auf Cousinen und Cousins ausgeweitete Inzestverbot und eben den Erbschaftsabfluss an familienexterne Adressaten (Kirche, Stiftungen) zersetzt die Großfamilie und die so erfolgte Freisetzung des Menschen wird nicht als Resultat, sondern Ausgangspunkt und Ermöglichung von Kapitalismus gesehen, der dann diese Tendenzen dynamisiert und alternativlos macht. Soweit, so einsichtig. Aber dass damit auch die Herausbildung des analytischen (im Gegensatz zu holistischem) Denken einher geht, ist eine vieles erklärende Einsicht. Man kann in der Assoziationskette Hase- Katze- Möhre den Hasen mit der Katze unter der analytisch- theoretischen Kategorie "Säugetiere" versammeln, was Westeuropäer tun, oder das eher anschauliche, holistische, weil auf Beobachtung gegründete Paar Hase- Möhre (nur Hasen, aber keine Katzen fressen Möhren) bilden, was für alle anderen Menschen einsichtiger wäre. (Nach 32 Jahren Unterrichtserfahrung in Osteuropa kann ich die Probleme meiner Schüler/innen mit Abstraktionen nur bestätigen.) Moralisch entspricht dem der Gegensatz von Scham (bei Übertretung von Fremdregeln) und schlechtem Gewissen (bei Übertretung von internalisierten Regeln). Aus Beschämung können Trotzreaktionen aus gekränkter Ehre etc. erwachsen, was noch für Sizilianer (Mafia- FAMILIEN) gilt; auch das im Clan- Milieu angesiedelte Blutracheprinzip (so wie du mir, so ich dir) stammt daher. Das Gewissen ist hingegen Voraussetzung für gelingende Handelstransaktionen, da es grundsätzlich Vertrauen in Fremde möglich macht, ohne das kein Kapitalismus (Vertragshandlungen) möglich wäre. So gesehen schafft der Kapitalismus auch die Voraussetzungen für "moralischen Fortschritt", da er - universalistisch ausgerichtet - eine Ausweitung persönlicher oder gruppenspezifischer Moralvorstellungen auf größere Einheiten (Nation, Menschheit) möglich und notwendig macht. Die universalistische, auf "den" Menschen bezogene Moralphilosophie der Aufklärung hat hier ihren Ursprung. Negativ gewendet gründen hierin aber auch die Arroganz und der Missionseifer, mit dem "wir" den Rest der Welt über unsere (!) Menschenrechte belehren wollen. Freilich sind die zukunftsweisend und im Sinne einer Überlebensstrategie für die Menschheit notwendig, aber sie sind eben nicht selbstverständlich und für Menschen aus Kulturen, in denen man schon Schwierigkeiten hat, sich mit einer Nation zu identifizieren (Stammeskulturen Afrikas z.B.), ziemlich unbegreiflich. Was die aus unserer Arroganz folgende Beschneidung z.B. des Familiennachzugs für derart geprägte Menschen bedeutet, für die "Familie" Lebenssinn und einziger (!) Halt zugleich ist, kann die Politik hier nicht begreifen, weshalb auch der Zusammenhang von gruppenbezogener Aggressivität, Messerstechereien etc. mit dem Fehlen der Mütter, Schwestern und Frauen, der Onkels und Tanten usw. unbegriffen bleibt. Das können "wir" auf uns selbst zurückgeworfene Menschen, die statt einer Großfamilie einen Psychiater oder Analytiker haben, nun mal nicht nachvollziehen (oder wir wollen das erst gar nicht, weil wir ja so fortschrittlich (krank) sind).
Kurz, diese Teile fassen den Forschungsstand großartig zusammen und eröffnen vielfältige Möglichkeiten, die Konsequenzen weiterzudenken. Aus meiner Sicht hätte der Band damit enden bzw. sich auf ein paar weiterführende Ausblicke beschränken können. Zwar ist die Aufgipfelung der "Seltsamkeit" seltsamer Menschen, die im Moralisieren endet, der korrekte und nachvollziehbar hergeleitete (vorläufige) Endpunkt (west-)europäischer Moralgeschichte, aber die Kritik daran haben Philipp Hübl und andere auch für ein breiteres Publikum bereits stichhaltig formuliert. Sauer teilt die Kritik im Wesentlichen, weil für ihn zutreffend alle Formen von Identitätsgehabe einen Rückfall in den Tribalismus und damit gruppenbezogene Feindseligkeiten zur Folge haben, aber für meinen Geschmack hätte er das stärker pointieren und weniger verständnisvoll darstellen sollen. Völlig richtig ist, dass man das Anliegen, das sich hinter Wokeness usw. verbirgt, verstehen und würdigen sollte. Es darf selbstverständlich keinen Rückfall in Sachen Frauen- oder Schwulenrechte geben und die LBTQ- Gemeinde ist in ihren Menschenrechten ernst zu nehmen. Aber gerade die Darstellung Sauers macht klar, wie sehr die Stabilisierung menschlicher Großgemeinschaften einer integrativen und niemanden (also auch keine alten weißen Männer) ausschließenden Moral bedarf. Neue interne Gräben gerade in der westlichen, notwendig für eine Vorreiterrolle in Sachen Klima-Schutz, Welt- Frieden usw. prädestinierten Gesellschaft, sind nicht nur lästig und unproduktiv, sondern auf eine gefährliche Weise schädlich (!), die man sich klar machen muss. Wenn das stimmt, was Sauer hier referiert (er ist wesentlich Popularisator und kein Wissenschaftler), und es hat alle Evidenz, dann stimmt auch, dass unser Versagen bei der Schaffung einer den Welt- Problemen angemessenen Welt- Moral Konsequenzen für das Überleben der Menschheit als Gattung haben wird. Wichtiger als die eingeforderten Entschuldigungen für koloniales Unrecht und Forderungen nach Entschädigungszahlungen (die sich dann ohnehin die schon am Kolonialismus beteiligten afrikanischen und asiatischen Eliten in die eigenen Taschen stecken) ist die aktive Entschuldigung durch Übernahme von Verantwortung für alle Menschen auf der ganzen Welt. Nicht missionarisch, sondern anknüpfend an Gesellschaftsprozesse und Bildungshorizonte, wie sie sich überall auf der Welt durch den Eintritt der Völker in die Moderne eröffnen. Da haben wir zu liefern und zu leisten, statt uns in Identitätsdiskussionen zu verlieren, an deren Ende sich schwarze und weiße Frauen nicht mehr als "Kampfgemeinschaft" verstehen und alte weiße Männer (z.B. Manager!) von der Lösung globaler Probleme von vorneherein ausgeschlossen werden. Das Buch zeigt, dass nur (!) dieser Weg der Weg weiterer erfolgreicher Evolution ist. Alles andere führt zur Selbstauslöschung des Menschentiers, das in der Masse immer noch nicht an ein Denken in abstrakt- analytischen Kategorie wie "Menschheit", "Welt" usw. gewöhnt ist. Vor diesem Hintergrund ist der aktuelle, vom Internet angeheizte Moralismus nichts als gefährliche Dummheit und das hätte am Ende dieses Buches noch deutlicher als es da steht herauskommen müssen. Aber immerhin: Man kann den Text lesen und am Ende die skizzierten Schlussfolgerungen selbst ziehen. Das bleibt großartig. Mit Hanno Sauer ist also ein neuer populistischer Autor erschienen, der im besten Sinne die Popularisierung wissenschaftlicher Erkenntnisse betreibt, indem er sie einsichtig darstellt und Ergebnisse verschiedener Einzelstudien gekonnt und überzeugend miteinander verbindet. Das Prädikat "Spiegel- Bestseller" geht so gesehen in Ordnung.
“İnsanın ilk köklü ahlaki dönüşümü genel anlamda ahlakın keşfiyle gerçekleşmiştir.” Ahlak, iyi ve kötü gibi kavramlar tarih içerisinde nasıl bir dönüşüm geçirmiştir? Bugün evrensel bir ahlak anlayışından bahsetmemiz mümkün müdür? Hanno Sauer Ahlak kavramının, 5 milyon yıl önce henüz daha atalarımızın insana özgü işbirliği yapma -ahlaki dönüşümün ilk belirleyici özelliği işbirliğinin ortaya çıkışıdır- yeteneklerinin olmadığı dönemden günümüz modern toplumlarında ahlaki kutuplaşmanın en üst düzey olduğu zamana kadarki biyolojik, kültürel ve tarihsel evrimini anlatıyor. 2020 yılında Hollanda’da genç akademisyenlere verilen en önemli ödül olan Hollanda Kraliyet Bilimler Akademisi Ödülü’ne layık görülen Hanno Sauer çalışmasında kendi deyimiyle “etik - ahlak felsefesi”nden çok “moral- ahlak evrimi” ile ilgileniyor. Yedi bölümden oluşan eserde ilk bölüm 5 Milyon Yıl : Soykütüğü şeklinde başlayıp, sonlarından bir sıfır atılarak beş yıla kadar gelen ve sonuç bölümünde geleceği ele alan bir zaman yolculuğu gibidir. Darwin, Kant, de Waal, Nietzsche, Adorno, Aristoteles, Diamond, Foucault, Hegel ve burada sayamacağım kadar değerli pek çok filozof ve bilim insanının görüşlerine yer veren çalışma akademik olmasının yanında enteresan örneklerle zenginleştirip okurun ilgisi hep en üst seviyede tutulmuştur. Antropoloji, biyoloji, sosyoloji, genetik, tarih, teoloji ve etimoloji gibi bilimler arası diyalektik ahlakın evrim sürecinde esere dahil edilmesi Hanno Sauer’in ne kadar derin ve titiz araştırmalar yaptığının basit bir göstergesi olarak görülebilir. “Bizi birleştiren ahlaki değerler sandığımızdan daha çok, bizi bölen siyasi uçurumlarsa sandığımızdan daha az derindir.”
Wunderbares Buch Hanno Sauer hat in seinem Buch eine schöne Geschichte unserer Moral skizziert. Angeeckt bin ich mit dem Punkt des Kolonialismus und der Sklaverei in den USA. Es wird u.a. argumentiert, dass Plünderungen keinen Mehrwert erzeugen würden (S.220-224), was global gesehen erst einmal stimmt, doch bringt enteignetes Gut aus einer Kolonie, dem Mutterland mehr Wohlstand und generiert zudem durch dessen Verarbeitung ebenfalls mehr Wohlstand. Auf selben Seiten steht, das die Sklaverei kein Wirtschaftstragender Faktor gewesen sei, welchen ich prinzipiell widersprechen würde, da die Sklaverei mehr Nutzen als Kosten hervorbrachte, vor allem als die innerhalb eines Länder durch Reproduktion und Reselling stattfand und man die Überfahrt nicht Länger zahlen musste. Doch der Vergleich des Nordstaaten mit den Südstaaten um dessen wirtschaftliche Kraft finde ich fehl am Platz, da die Nordstaaten mehr Bewohner hatten und ehemalige Sklaven aktiv als Konsumenten in den Wirtschaftskreislauf integriert wurden. Wachstum vorprogrammiert. Das Fazit, das gesehen werden soll, dass Eliten jeder Länder, Arme jeder Länder ausbeuten würde ich dennoch teils unterstreichen. Sonst ein hervorragendes Buch!
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Sehr spannend, greift viele verschiedene Aspekte der Thematik auf, wie Biologie und Kultur. Einen Stern Abzug, weil sehr schwer zu lesen und viele Fachbegriffe. Am Ende etwas zu politisch und nicht neutral.