„Oscar ist tot, weil ich ihm beim Sterben zugesehen habe, ohne mich zu rühren. Erdrosselt von den Seilen einer Schaukel, wie die Kinder in den vermischten Nachrichten. Oscar war kein Kind. Mit siebzehn stirbt man nicht so, nicht ohne Absicht. Man drückt sich die Kehle zu, um etwas zu fühlen. Vielleicht versuchte er, so zum Höhepunkt zu kommen. Deswegen waren wir doch alle hier. Wie auch immer, ich habe mich nicht gerührt. So kam das alles.“
Oscar steht eigentlich in der Blüte seines Lebens mit 17 Jahren, ebenso wie Léonard, unser Ich-Erzähler. Das grausame Ereignis trägt sich auf einem Campingplatz im Südwesten Frankreichs zu - am Ende eines Sommers im August. Als Einzelgänger macht Léonard einen Spaziergang, während seine Altersgenossen am Strand feiern, sich verlustieren, knutschen - einfach das Leben genießen. Als er an einem Spielplatz vorbeikommt entdeckt er den gerade Selbstmord begehenden Oscar - oder kann es doch ein Unfall gewesen sein?! Ich weiß es nicht, aber für mich deutet alles auf einen Suizidversuch hin. Was ich aber weiß ist, dass Léonard solange abwartet und nicht einschreitet, bis Oscar unwiederbringlich tot ist. Doch dann erst kommt es zu einer für mich absolut paradoxen und unerklärlichen Reaktion seitens Oscar: Er schleppt den toten Körper seines Kumpels über die Dünen und verbuddelt ihn am Strand. Warum hat er niemandem zu Hilfe gerufen oder versucht Oscar davon abzuhalten oder wenigstens ihn wiederzubeleben?! Dieses Geheimnis nimmt er mit in seinen von extremer Hitze geprägten letzten Urlaubstag am Meer.
„Hitze“ ist das Debüt des jungen französischen Autors Viktor Jestin. Klingt erstmal nach einer fesselnden Coming-of-Age Story, oder?! Doch ist es das auch?!
Der Autor kreiert auf den gerade mal 157 Seiten eine hitzige, fast glühende Atmosphäre in einer puristischen, fast schon nüchternen Sprache.
Für Léonard ist der ganze Urlaub mehr Qual als Erholung, da ihm die ganze Geselligkeit auf dem Campingplatz zuviel ist.
„Eine schreckliche Gegend. Die falsche Ruhe der Pinien, das Rauschen der Wellen, die bekanntermaßen schon getötet hatten und all das Lachen und die Freudenschreie, die zu einem dumpfen Echo verschmelzen, wie in den schlecht beleuchteten Hallen der Wellenbäder voller Chlor und Angst.“
Léonard ist kein Fan der schwitzenden Menschen (egal ob am Pool oder am Strand) - auch nicht des Essengehens mit seinen Eltern, des Partyanimateurs im rosa Kaninchenkostüm und erst recht nicht der bedauernswerten Sexstorys seines Kumpels Louis. Was er aber mag oder vielleicht sogar begehrt ist Luce, ein Mädchen, das seiner kompletten Ausdrucksweise einen lebensbejahenderen, fast schon musikalischen Klang verleiht.
„Ich dachte an sie, ja. An ihre weiße Haut, deren heller Ton lauter war als der Rest. Die zwischen Louis Worten und dem Lärm am Strand klar zu hören war. Durch sie bekam ich Lust aufzustehen.“
Trotz seiner schier unerklärlichen Tat, ist Léonard noch eine kleine Lovestory vergönnt inklusive erster sexueller Erfahrung. Gerade seine in diesem Zusammenhang auftretenden Unsicherheiten und Ängste haben mir ihn als Figur näher gebracht, denn auch ich habe sie in meiner Pubertät durchlebt. Ich denke, genau das beabsichtigt Viktor Jestin auch mit dieser sehr nahbaren Romanfigur - wir bekommen mit Léonards Struggels die Chance, uns in ihn und sein Seelenleben einzufühlen. Durch die ganze Lektüre hinweg hadert der introvertierte Léonard damit, jemand in seine Tat einzuweihen, doch entscheidet sich stets dann doch fürs Schweigen.
Ich habe „Hitze“ in einem Rutsch durchgelesen und empfand es durchaus als süffig, aber mir hat etwas gefehlt und leider sehe ich die durchaus vielversprechende Idee des Romans nicht als ausgeschöpft an. Hier wäre mehr möglich gewesen - sei es an Charakterentwicklung oder Tiefe. Da es sich bei dem Buch um ein Debüt handelt, möchte ich dem Autoren aber gerne noch eine zweite Chance geben und habe mir zu diesem Zwecke schon Nachschub in Form von „Der Tanzende“ besorgt und bin gespannt, ob es mein Bücherherz mehr erwärmen oder viel besser noch „erhitzen“ kann.