Tatsache ist: Am 18. Dezember 1973 gegen 5.40 hat die Hauswartsfrau Greta Gramke beim Schneeschippen beobachtet, wie der alte Ernst Kutte auf dem glatten Bürgersteig ausgerutscht und hingefallen ist. Sicher ist auch, daß Ali Itir, illegal in Kreuzberg lebender Türke und auf dem Weg zum ‚Sklavenhändler,' dem alten Kutte hat aufhelfen wollen. Aber der hat irgendetwas von Polizei gemurmelt, und bei diesem Wort hat Ali ‚seine Fußsohlen geölt’ und sich aus dem Staub gemacht. Keine Zeugen hingegen gibt es dafür, daß Brigitte, Friseurlehrling und Tochter von Frau Gramke, Ali Itir vor einer Kneipe angesprochen hat und mit ihm (für zwanzig Mark) in die Wohnung von Ibrahim Gündogdu gegangen ist. Was hat ein ‚illegaler‘ Türke mit einem Rentner zu tun und was eine sechzehnjährige Friseure mit einem wildfremden Ausländer? Warum will die Marktfrau vom Eierschulze mit Frau Gramke über Ernst Kutte tratschen, und warum gibt ein Kreuzberger Abgeordneter im Pückler-Eck eine Lokalrunde aus? Eine verzwickte Geschichte. Eine fast alltägliche Kriminalgeschichte, in der Leute vorkommen, die in den Wahl- und Sonntagsreden der Politiker nie vorkommen: Arbeitsvermittler, illegale Ausländer, Massagegirls, Tätowierer und Hauswarte – die sogenannten kleinen Leute, die Parterre wohnen oder im Hinterhof, mit Klo auf halber Treppe; Menschen, die in Bildern aus dem Kino oder dem Versandhauskatalog träumen, weil die Aussicht nach oben vernagelt ist durch die Verhältnisse, in denen sie leben.
Aras Ören wurde 1939 in Istanbul geboren. Er war von 1959 bis 1969 als Schauspieler und Dramaturg an verschiedenen Bühnen seiner Heimatstadt angestellt. 1962 arbeitete er als Schauspieler an der „Neuen Bühne“ in Frankfurt am Main. Nach dem er seinen Militärdienst in Ankara abgeleistet hatte, startete er 1965-1967 den Versuch, eine Theatergruppe für die türkischen Arbeiter in der Bundesrepublik und West-Berlin zu gründen. 1966-1969 kehrte er für ein Schauspielengagement nach Istanbul zurück, bis es ihn 1969 wieder nach West-Berlin zog. Dort war er Mitglied der Berliner Künstlervereinigung „Rote Nelke“. Seit 1974 arbeitete er zunächst als Redakteur und ab 1996 dann als Leiter in der türkischen Redaktion des Senders Freies Berlin (SFB).
Im Winter 1999 hatte er eine Poetik-Dozentur an der Universität Tübingen inne. Für sein poetisches Werk erhielt Aras Ören 1980 den Förderpreis des Bundesverbandes der Deutschen Industrie und 1983 die Ehrengabe der Bayrischen Akademie der Schönen Künste. Im Februar 1985 wurde er (zusammen mit Rafik Schami) mit dem damals erstmals vergebenen Adelbert-von-Chamisso-Preis für Literatur in Deutsch als Fremdsprache ausgezeichnet. Er zählt zu den bekanntesten türkischen Autoren in der Bundesrepublik Deutschland. Aras Ören schreibt nach wie vor in türkischer Sprache, seine ersten in der Emigration entstandenen Texte wurden zunächst nur in deutscher Übersetzung publiziert. Mittlerweile liegen zum Teil auch die türkischen Orginalausgaben vor.