Alain Claude Sulzer – Aus den Fugen
Was wurde nicht alles an diesem Buch bemäkelt! Es widerspiegele nur die Welt der Reichen und Schönen, es sei zu handlungsarm im ersten Teil, es sei zu sehr oder zu wenig berlinbezogen. All diese Kritteleien gehen am Ziel vorbei. Als ob die Welt der Reichen kein beschreibenswertes Thema der Literatur sei. Als ob Handlungsarmut nicht auch spannend gestaltet sein könnte. Bei Sulzer ist sie es teilweise auch.
Was aber keiner der Kritiker (FAZ und ZEIT haben das Buch hochgelobt) zu bemerken scheint: Es ist wahnsinnig schlecht geschrieben. Zentralfigur des Romans ist ein weltberühmter Pianist, die Frage nach Schönheit – von Menschen, Schmuck, Kunst, Mode – zieht sich durch das gesamte Buch, da darf man doch schon ein wenig Grazie im Stil erwarten. Eigentlich bin ich gar nicht mal so anspruchsvoll, ich kann auch mit literarischer Hausmannskost leben. Aber bei Sulzer komme ich mir vor wie in einem auf nobel gemachten Restaurant, in dem die Hirschkeule in der Fritteuse gegart wird.
Dabei ist der Aufbau gar nicht mal so übel gestaltet. An einem Abend in Berlin kreist ein knappes Dutzend Charaktere um das Konzert eines Starpianisten. Die Schicksale dieser Menschen berühren sich teilweise oder werden durch das Malheur in der Mitte des Buchs durchgerüttelt. Obwohl es erst in der Mitte des Romans stattfindet, wird das Ereignis, das ich hier verschwiemelt „Malheur“ nenne, ärgerlicherweise in jeder Rezension und sogar auf dem Klappentext des Buchs verraten. Also brauche ich mich auch nicht zu zieren: Der Pianist bricht mitten im Stück das Konzert ab und verschwindet. Warum er das tut, wissen wir nicht und werden es auch nicht wirklich erfahren. Dieses Ereignis löst eine Welle von Verwicklungen aus: Diebstahl, zwei Frauen ertappen ihre untreuen Gatten, ein junges Mädchen öffnet sich ihrer Patentante. Das alles ist in hübschem Rhythmus erzählt. Aber der Rhythmus rettet nicht den furchtbaren Rest des Buchs.
So pflegen sämtliche Charaktere, andauernd über die Angemessenheit von Beschreibungswörtern zu reflektieren. Es beginnt damit, dass Nico „umwerfend aussah. (…) Umwerfend, ein anderes Wort fiel ihm nicht ein.“ Unwillkürlich fragt man sich, ob es nicht Sulzer selbst ist, dem kein anderes Wort einfällt.
- „Das musste Marina sein. Was für ein unpassender Name für ein oberklassiges Geschöpf. Oberklasse, das traf es.“
- Stuck wurde „von bayerischen oder italienischen Meistern appliziert. Appliziert war doch wohl das richtige Wort.“
Sobald Sulzer edle und teure Objekte oder schöne Menschen schildert, verheddert er sich völlig zwischen Klischees, Stereotypen und zusammengesucht wirkenden Einzel-Charakterisierungen. Derselbe Busen ist innerhalb von drei Zeilen erst alabasterfarben und dann milchweiß. Ganz abgesehen davon, wie unwahrscheinlich es ist, dass ein menschlicher Busen diese Farbe aufweist, scheint es, als ginge es ihm nur darum, das hochgestochen wirkende „alabasterfarben“ einzubauen.
Weine sind grundsätzlich „deutsche Gewächse“. Dass der in der Philharmonie servierte, ein pfeffriges Pfirsicharoma habe, muss dann auch noch wiederholt werden: Einmal sagt’s der Autor, dann die Figur. Es wirkt, als müsste der Autor drauf verweisen, dass es Weine mit diesem Aroma gibt, als fühle sich Sulzer selber nicht ganz wohl in dem von ihm beschriebenen Ambiente. Dass jemand den Geschmack eines Weines spezifizieren kann, ist für ihn einerseits ein Moment des Staunens, andererseits möchte er sich mit dem Sprecher gemein machen, kann es aber nicht. Das Resultat ist dann das, was die FAZ als Boulevard beschrieben hat. Das Teure, Wertvolle, hat keinerlei Bedeutung. Ebensowenig der gute Geschmack. Im Zentrum des Buchs steht ein Pianist und wir erfahren so gut wie nichts über die Musik. Es werden die Namen und die Werke genannt, und dabei bleibt es dann auch. Als lese man die Gala werden einem Industrielle und Politiker („der Außenminister“, „der Regierende Bürgermeister“) oder Simon Rattle vorgeführt. Man sieht die Träger des Glanzes und den kaum erreichbaren Reichtums.
Sulzer kennt sich entweder nicht aus oder ist zu faul, über das Klischee hinauszugehen. Jemand soll in ein schickes Restaurant ausgeführt werden – natürlich das Borchardt.
Wenn sich der Erzähler so wenig interessiert für das, was gerade geschieht, sondern nur den Plot im Kopf hat, dann nehme ich ihm auch Kleinigkeiten übel, wie die Annahme, dass „Joy’s Bar“ früher „Helgas Büdchen“ geheißen haben mochte. Büdchen! In Berlin!
Die eigentlich treugläubige Ehefrau kommt nach Hause, der Mann ist nicht da. Da muss sie natürlich sofort vermuten, dass er ein Verhältnis hat. Dass er mal kurz an die frische Luft gegangen sein könnt, kommt ihr (oder Sulzer) nicht in den Sinn. Und dann ruft er sie auch noch (da er sein Handy vergessen hat) vom Festnetz der Geliebten an. Da bekommt der Plot aber Löcher wie ein Schweizer Käse.
Und trotzdem kann man es, wenn man das Buch aus Langeweile, Mangel an anderer Lektüre oder aus Höflichkeit gegenüber der Schenkerin liest, aushalten. Irgendwie will man doch wissen, wie es mit den Charakteren weitergeht. Gelingt der Einbruch? Trifft der junge Nico auf den alten Pianisten?
Und am Ende legt man das Buch weg wie eine Boulevard-Zeitschrift beim Zahnarzt.