Schauplatz ist das von lauter schrägen Figuren bevölkerte jüdische Armenviertel von Budapest während der Nachkriegszeit. Ungerührt und schonungslos, jedoch nicht ohne Witz schildert Krisztina Tóth die Verhältnisse, in denen Tante Edit, Onkel Jóska, die schwachsinnige Edu mit den tätowierten Zahlen am Arm und das Adoptivkind Vera hausen. In der Zimmer-Küche-Wohnung werden noch zwei Zirkusleute als Bettgeher einquartiert. Es riecht nach Schimmel, Feuchtigkeit, Kohlsuppe und Katzenpisse.
Der Text transportiert ausschließlich die Wahrnehmung seiner Protagonistinnen (sic!). Das Dasein ist beschissen, aber es ist wie es ist und wird nicht hinterfragt. Entscheidend ist das eigene Überleben, das von Tag zu Tag organisiert werden muss. Um in dieser Welt zu bestehen braucht es Schläue, wohldosierte Hintertriebenheit und vor allem größtes Misstrauen, sowohl den Nachbarn als auch jeglicher Obrigkeit gegenüber. Der Blick richtet sich aufs Kleine, auf die Details, auf die täglichen Bedürfnisse und Ärgernisse, auch große Gefühle haben keinen Platz, egal ob Freude oder Trauer.
"Nach der Revolution ging alles im alten Trott weiter."
So lakonisch wie hier der Ungarnaufstand 1956 werden zeitgeschichtliche Bezüge gerade einmal angedeutet. Politik existiert in dieser Welt der Armut nicht, Politik ist etwas für Wohlhabende. Ein andermal erfährt man ganz beiläufig, dass Jenö, der sich den ganzen Tag am Markt herumtreibt, damals als 17-jähriger von Uniformierten angeleitet wurde, eine Reihe Menschen im Nachthemd zu erschießen. Den Bezug zu den Massakern an Juden durch die Pfeilkreuzler am Ende der Belagerung Budapests 1945 muss der Leser selbst herstellen.
Vera, das Adoptivkind, wächst in der Zeit des Gulaschkommunismus zur Frau heran, blondiert sich die Haare, heiratet unglücklich und führt ein erbärmliches Leben. Schläge und Demütigung erträgt sie ohne aufzubegehren oder sich zu wehren. Nur ganz versteckt in ihrem Bewußtsein träumt sie von Amerika, von Flucht, von irgendeinem guten Leben, das sie sich gar nicht vorstellen kann, weil ihr dazu schon die Worte fehlen.
Da wird klar, wie Sprachlosigkeit diese Verhältnisse befestigt, obwohl es einen gewissen materiellen Fortschritt gibt. Vera ist unfähig, ihr Unglück und seine Ursachen zu benennen und deshalb außerstande, irgendetwas daran zu ändern. Die neue Zentralheizung und die hygienischen Resopalplatten ändern nichts am Elend, das sich im Geist seit der Kindheit festgefressen hat. Die rein formale Gleichstellung von Geschlechtern, Ständen oder Ethnien reicht nicht, um Haltungen zu ändern. Ganz allgemein hat mein Verständnis manch sozialer Phänomene der Gegenwart, nicht nur in Ungarn, durch diese Erzählung einige wichtige Anregungen bekommen.
Krisztina Tóth, eine mir bis dato unbekannte Autorin aus Ungarn, ein Blurb auf der Verlagsseite, der ganz interessant klang, da dachte ich, das ist einen Versuch wert, und dieser hat sich gelohnt. Aquarium ist ein zutiefst politisches Buch, indem es soziale Verhältnisse einfach beschreibt ohne klug zu erklären, aber durch minimale Interventionen den Leser zur Reflexion (und/oder Recherche) herausfordert.
Die glasklare und schnörkellose Schilderung macht betroffen, ist aber dank der vielen skurrilen Figuren und originellen Einfälle zugleich auch witzig, was die Tragik der Lektüre wieder ins Komische kehrt. Die episodische Form wird durch das Aquarium gekonnt geklammert, mit dem alles beginnt und das am Ende noch als Requisite für eine parabelhafte Schlußszene herhalten muss: die Prinzessin, die nicht vom Prinzen erlöst wird - mehr sei nicht verraten ...
Ich bin überrascht und begeistert - unbedingte Empfehlung!