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Oh Boy: Männlichkeit*en heute

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Eine Inventur der Männlichkeit
Die sogenannte »Männlichkeit« steckt in einer Krise. 18 mutige Selbstbefragungen von prägenden Autor*innen unserer Zeit setzen sich zu einer vielstimmigen Bestandsaufnahme zusammen. Ein Debattenbuch für alle, die finden, dass es höchste Zeit ist für ein Umdenken.
Ein Mann, der sich die eigene Übergriffigkeit eingesteht. Eine non-binäre Person, die ihr Genital nicht googeln kann. Ein Gefangener zwischen Krieger oder Loser. Diese Texte erzählen von männlichem Leistungsdruck, von Männerfreundschaften, Söhnen und ihren Vätern. Sie ergründen die Kapitalisierung von Männlichkeit, beschreiben Intimität und Verlust. Künden von dem gelernten dröhnenden Schweigen, das sich auflöst, sobald sich diese 18 Erkundungen zusammensetzen und ein Moment entsteht, der etwas ausleuchtet und erleuchtend ist. Die erste Bestandsaufnahme ihrer Art von prägenden Autor*innen der Gegenwart.
Ein Auszug von Mithu Sanyals Text wird bei Spiegel Online erscheinen. Auch Die Republik wird einen Vorabdruck Anfang Juli bringen, ebenso die Printausgabe der Presse in Österreich. Durch die Reichweiten der einzelnen Beiträger*innen (Daniel Schreiber, Dinçer Güçeyter, Kristof Magnusson, Friedemann Karig, usw.) wird »Oh Boy« online sehr präsent sein.
Mit einem Comic-Strip von Joris Bas Backer und mit einem Nachwort von Mithu M. Sanyal.
»Ein literarisches Kaleidoskop heutiger Männlichkeiten, fernab von Klischees und zementierten Rollenmustern.« Tobias Schiller
»Hier geht es nicht um den einen tollen Gedanken, sondern darum, gemeinsam zu denken. Dass so viele tolle Autor*innen das hier tun, macht mich glücklich. Und Glück muss man teilen.« Mithu Sanyal

238 pages, Hardcover

First published July 12, 2023

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About the author

Donat Blum

9 books2 followers

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Community Reviews

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2 stars
19 (23%)
1 star
7 (8%)
Displaying 1 - 19 of 19 reviews
Profile Image for Meike.
Author 1 book5,218 followers
July 10, 2023
Wie der Titel verrät, beschäftigt sich die Textsammlung mit den Auswirkungen des Patriarchats, insbesondere auf Männer, und wartet dabei mit Autor*innen wie Buchpreisgewinner Kim de l'Horizon, Philipp Winkler, Döblin-Preis-Gewinner Deniz Utlu, Bachmannpreisgewinner Peter Wawerzinek, et al. auf - alles in allem eine tolle Auswahl, aber der Berlin-Bubble-Vibe ist schon grenzwertig. Wie Mithu M. Sanyal in ihrem Nachwort ausführt, bieten sich die einzelnen Beiträge an, um gemeinsam zu denken, d.h. obwohl die Qualität sehr schwankend ist ("Mann kann nicht zu seinen Gefühlen stehen"-Geschichten, die ganz sicher Realitäten beschreiben, aber zu unterkomplex sind, um wirklich irgendwie spannend zu sein; die obligatorische "mein Vater ist tot, und wir haben nie richtig gesprochen"-Geschichte etc.), funktioniert das Buch als Ganzes.

Hier die drei aus meiner Sicht interessantesten Beiträge:

- Jayrôme C. Robinet, "Krieger oder Loser":
Der Protagonist hilft einem alten Mann, Wassermelonen zu tragen (!!), und denkt dabei über Gewalt und Geschlechterrollen nach (inklusive Verweis auf King Kong théorie).

- Ozan Zakariya Keskinkılıç, "Er war mein Hans Hansen und ich sein Tonio Kröger":
Ich mag Thomas Mann nicht mal besonders, aber dieser Text, der die Geschichte eines Schülers mit Tonio Kröger überblendet und dabei herausarbeitet, dass Mann eine queere Person mit Migrationshintergrund war, Schulen ihn aber selten so zeigen, ist super.

- Sascha Rijkeboer, "Camping, Cruising, Cumslut":
Auf einem Campingplatz an der französischen Riviera denkt der*die nicht-binäre transmaskuline Erzähler*in über Identität, Sex, Körperwahrnehmung und Zugehörigkeit nach: "Ich bin behaart, habe eine flache Brust, aber eine Vulva, mit einer großen Klitoris. (...) Ich kann mein Genital nicht googeln. Ich weiß so wenig über mich und meine trans Lebensweise."

Ein spannendes Buch, um mit anderen darüber zu sprechen.
Profile Image for Sebastian.
99 reviews9 followers
August 19, 2023
Nachtrag:

Nachdem ich nun ein bisschen die Debatte um Mitherausgeber Valentin Moritz verfolgt und sein eigenes sowie Donat Blums Statement gelesen habe, muss ich nach unten korrigieren. Sowohl die beiden Herausgeber als auch der Verlag haben offensichtlich gar nichts verstanden. Ich habe ein bisschen Angst vor Statements weiterer Autor*innen. Ein pointierter Kommentar dazu:

https://m.faz.net/aktuell/feuilleton/...

Ursprüngliche Rezension:

Mithu M. Sanyal beginnt ihr Nachwort mit folgender Aussage:

Männer schreiben über Sex und Liebe und das Zerbrechen von Liebe, über das Vaterwerden und ihre eigenen Väter, über das Glücklichsein und das Nichtglücklichsein. Ist das nicht so ca. dasselbe wie 99 % aller Texte, die durch die Literaturgeschichte schwirren? Nein, ist es nicht!


Aber irgendwie ist es das doch schon, finde ich. Nur eben mit ein bisschen mehr (vordergründigem?) Einfühlungsvermögen. Im Großen und Ganzen stehe ich nach der Lektüre ein bisschen ratlos ob der Relevanz dieser Anthologie dar. Es ist mir auf der einen Seite zu viel Selbstmitleid à la: “Wir Männer sind Erwartungen ausgesetzt, die uns unser Leben lang plagen.” I get it, das ist sicher ein Problem, aber wenig produktiv und eigentlich auch schnell auserzählt. Auf der anderen Seite finde ich die Autor*innenschaft bloß auf den ersten Blick divers. In einer anderen Rezension habe ich vom Berlin-Bubble-Vibe gelesen, womit es ganz gut auf den Punkt gebracht wird. Letztendlich merkt man den Texten durchaus an, aus welchem Mikrokosmos sie kommen. Daher habe ich das Gefühl, dass der Großteil der Beiträge mir und sicher ganz vielen anderen Menschen außerhalb dieser Bubble wenig bis kein Identifikationspotenzial bieten.

Was wollen die Herausgeber selbst denn mit dem Buch bezwecken? Auch das habe ich nicht verstanden. Einerseits las ich das Schlagwort “Debattenbuch”, an anderer Stelle, man wolle nicht den Zeigefinger erheben, sondern einfach nur erzählen. Debattiert wird hier meines Erachtens wenig, erzählt dagegen sehr viel, darunter sogar vereinzelt Ansprechendes.

Ozan Zakariya Keskinkılıç erzählt in “Er war mein Hans Hansen und ich sein Tonio Kröger” über das jugendliche Erleben der eigenen Sexualität und die Parallelen zu den beiden Charakteren aus dem Werk Thomas Manns. Mir hat dieser Text sehr gut gefallen und auch zu einem Aha-Effekt geführt. Die brasilianischen Wurzeln des Schriftstellers waren mir überhaupt nicht bewusst und scheinbar legt man in Deutschland auch keinen Wert auf diese Information.

Interessant fand ich auch den Beitrag “Gigolo” von Friedemann Karig, in der er einen Prostituierten seinem Freier über das Verhältnis zum eigenen Vater erzählen lässt. Eigentlich ein Thema, das mich schnell gähnen lässt, weil ich darin selten etwas finde, das mir nicht das Gefühl gibt, es schon tausend Mal gelesen zu haben. Gegen Ende der Erzählung aber knallt uns der Autor einen simplen Fakt um die Ohren, der auch nach dem tausendsten Lesen nicht an Relevanz verliert und mich noch einige Stunden beschäftigt hat.

Gut gefallen haben mir außerdem die Beiträge von Jayrôme C. Robinet und Deniz Utlu. Den Rest empfand ich leider als nicht besonders lesenswert, teilweise gar als verschenkte Lebenszeit.
Profile Image for Ani.
347 reviews37 followers
February 17, 2024
Edit 2024: ich lasse meine Rezi so stehen, mochte das Buch ja eh nicht. Es ist allerdings problematischer als gedacht. Wer mal was dazu hören möchte: im Podcast gestresst und rauschig wird in der gleichnamigen Folge (oh boy) darüber gesprochen.

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Ich glaube, ich kann meine Gedanken zu dieser Textsammlung in einem Wort zusammenfassen: Hä?

Nein, mal ehrlich, wie es solche Anthologien eben so an sich haben, waren manche Texte ganz gut, manche ganz schlecht und einige habe ich einfach nicht kapiert. Vielleicht braucht man ja Abi und 'nen Uniabschluss, um zu verstehen, warum jemand alles klein schreibt, auf korrekte Interpunktion verzichtet, Grammatik neu erfindet oder so schreibt, dass man gar nicht mehr weiß, worum es eigentlich gehen soll. Ich habe jedenfalls beides nicht. Vielleicht bin ich also einfach zu dumm hierfür, aber zumindest kann ich behaupten, dass die meisten Texte nicht sonderlich zugänglich geschrieben sind. Oder es ist große Kunst und ich bin die große Kunstbanausin?

Gerne gelesen habe ich das Buch leider nicht, aber natürlich habe ich mich ordentlich hinterfragt und viel reflektiert. Liegt es daran, dass sich die Schreibenden aus einer männlicheren Sicht äußern? Und dann ist mir eingefallen, dass ich schon mal so eine Textsammlung aus weiblicher Sicht gelesen habe ("Und wie wir Hassen"). Mochte ich auch nicht.

Übrigens bin ich wieder selber Schuld: ich hatte falsche Erwartungen. Aber ich wünsche anderen mehr Freude, Erkenntnisse und Emotionen damit.
Profile Image for Ismar.
2 reviews12 followers
September 10, 2023
I'm giving this book 2 stars, even though some essays definitely deserve more (the ones by O.Z. Keskinkilic and Jayrome Robinet, for example). The reason is that one of the editors chose to ignore the woman he was violent towards and who explicitly asked him not to write about this incident, while the other editor defended him using some pretty right-wing "arguments". It is good when men (incl. trans and queer men, as well as AMAB NB people) reflect masculinity, but I don't think that conversation can be productive unless women (incl. trans and queer women as well as AFAB NB people) aren't part of it. This book is a step in the right direction, but it's a clumsy one.
Profile Image for slava.
40 reviews5 followers
July 20, 2023
Puh, diese integre und gleichzeitig warme Auseinandersetzung mit Männlichkeit hat mich doch überrascht - es ist kein „drauf-hau“-Buch welches antagonisiert, sondern versch. Perspektiven aufzeigt und warmherzig beleuchtet. Starke Beiträge dabei!! Dinçer Güçyeter und Karig hervorgehoben..

Aber bei derart vielen Textverfassern isses natürlich dass nicht alle Beiträge einem gefallen werden.. da schiele ich besonders auf Kim de l‘Horizon. Man würde denken, dass jemand der sich dem „männlich“-Stempel entzieht und darüberhinaus den Deutschen Buchpreis jewonnen hat, dass diese Person wenigstens ein bisschen etwas zu sagen hat.. aber diese offen zugegebene Wort- und Zeichenschinderei um schneller zum Ende zu gelangen einfach nur irritierend
19 reviews
August 9, 2023
Es ist ein Buch, nachdem ich lange gesucht habe. Erhofft habe ich mir eine Zeichnung von progressiven Männlichkeit*en. Tatsächlich ist es aber eher ein Versuch zu erfassen was Männlichkeit ist. Das zeigt aber nur, wie komplex das Thema und wenig fortgeschritten die Gedankenbildung ist.

Um das Patriarchat zu überwinden braucht es Erzählungen von Männlichkeit*en, die CIS Männern eine gesunde Identität geben können. Oder ist das Ziel doch eine vollständige Überwindung von Geschlechtern? Wie realistisch ist das und was können Zwischenziele sein? Ich weiß es nicht und ich hoffe ich finde antworten und weiteren Büchern zum Thema!
Profile Image for Jelka.
1,156 reviews
Read
September 11, 2023
I was genuinely excited to learn more about masculinity and expected a collection of analytical essays engaging with the topic. However, the contributions in this book leaned heavily towards the literary side, featuring predominantly slice-of-life anecdotes and nostalgic childhood recollections. The reader has to infer the authors' perspectives on masculinity themselves.
Profile Image for Sven.
24 reviews
March 29, 2026
Hatte das Buch als Fundsache gefunden und mich erst nach dem lesen mit den Diskussionen nach der Veröffentlichung beschäftigt. Ich finde es einen wichtigen Beitrag zur Debatte über Männlichkeit, dennoch bleibt es zu kritisieren das ein gewisser Text und dessen Autor nicht genug hinterfragt wurde. Wenn ein Konsens zu diesem Text bestanden hätte, wäre es der wichtigste Beitrag überhaupt gewesen.

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„Männlichkeit ist Wettbewerb.

Männlichkeit ist das Abstreiten von Schwäche und das Abwerten von Hilfsbedürftigkeit.

Männlichkeit ist die zelebrierte Unfahigkeit zur Empathie.

Männlichkeit ist Zugehörigkeit, und zugehörig zu diesem Konzept fühlte ich mich nie.

Wobei:

Ich liebte es, als Kind Krawatten und Anzüge zu tragen. Die phallischsten aller Kleidungsstücke. Jedes Weihnachten schenkte mir meine Grossmutter eine neue Krawatte, die ich mir zum Neujahrsbesuch stolz umband.

[…]

Ich liebe es, viel zu reden, fürchte mich nicht, in Gruppen das Wort zu ergreifen, und glaube, eine Antwort auf alles zu haben.
Manche Freundinnen sagen, ich liebe es, zu »besserwissern«. Und wenn es besonders nervt: zu mansplainen.“

- Donat Blum

______

„Später, auf dem Gymnasium, folgte die zweite Aufklärungsrunde. Der Lehrer verdunkelte die Fenster, schob eine Videokassette in den Player, und die Zeichentrick-Show begann:

Ein Mann und eine Frau unter der Bettdecke, that's it. Stift, Farbe und Fantasie reichten damals wohl nicht aus, um auch andere Pärchen im Abenteuer miteinander zu zeichnen. Alles war monogam, alles war Heteropropaganda.

Who knows, wer noch mit mir zusammen darunter litt, ohne dass wir voneinander wussten. Jahre hat es gedauert, bis ich mich davon erholen, mich bisexuell nennen, bis ich poly sagen konnte. Ich musste erst lernen, meine Bedürfnisse gegenüber anderen auszudrücken, ja, zu verstehen, dass andere Liebesbeziehungen und Partnerschaftsmodelle möglich sind, dass ich mehr als eine Person und mehr als nur ein Geschlecht lieben kann, dass die Landschaft unserer Gefühle und Identitäten nicht auf Hetero- oder Homosexualität beschränkt ist. Ich bin bi, soweit ich zurückdenken kann. Menschen wie ich existieren wirklich, wir sind keine Betrüger, keine verwirrten Schwulen und Lesben, die sich und ihre Partner:innen täuschen.

[…]

wer trägt die coolsten Markenkamerten und wer kauft ein bei Kik, wer düst mit dem Roller und wet muss von den Eltern gefahren werden, wer trinkt Bier bis zum Korzen und wer bleibt Stubenhocker, wem wurde einer geblasen und omg: Wer hat geblasen? »Schwuchtel!. Nirgendwo war man sicher vor diesem Schimpfwort, dafür musste kein Verdächtiger anwesend sein. Alle ballerten die Beleidigung wie Kanonenkugeln durch die Schulflure, die Schwimmhallen, über die Dortplätze, sie mussten einander zuvorkommen. damit kein Zweifel daran bestehen konnte, dass sie »es« auf keinen Fall waren.“

- Ozan Zakariya Keskinkılıç

______

„Frauen gegenüber fällt es mir so viel leichter, Schwächen und Fehler einzugestehen oder intime Peinlichkeiten anzusprechen.
Warum? Warum erzähle ich nur meiner Exfreundin davon, als ich zum Urologen gehe, weil ich mich auf einer Autofahrt unkontrolliert eingepisst habe? Warum berichte ich einer guten Freundin, die zugleich die Partnerin eines engen Kumpels ist, dass ich Angst habe, mich mit HPV angesteckt zu haben - nur um von ihr zu erfahren, dass er das Gleiche schon durchgemacht hat, mir aber nie davon erzählte? Warum würde ich meinem Vater nur dann von meiner Therapie erzählen, wenn meine Mutter dabei ist, obwohl ich weiß, dass vor allem sie sich Sorgen macht? Und warum ist das Gespräch mit der Frau an meiner Seite (ihr Streicheln meiner heißen Stirn, meiner verspannten Schultern, wenn wir im Halbdunkeln beieinanderliegen und es endlich aus mir rausbricht) der einzige Rahmen, innerhalb dessen ich diese Fragen äußern kann - warum bleibt es ihr und anderen Frauen über-lassen, meine Lasten mitzutragen?
Verschweigen meine männlichen Freunde mir gegenüber ebenfalls ihre schlimmsten inneren Zerwürfnisse? Weil sie gelernt haben, dass Männer keine Angst voreinander zeigen dürfen? Weil sie nicht als Versager dastehen wollen? Oder ganz einfach, weil sie nicht wissen, wie - ohne dafür ihr Selbstbild komplett in Frage gestellt zu sehen? Gibt es etwas, worüber auch Jan schweigt, weil er mein Urteil fürchtet? Schweigen wir beide, weil wir demselben miesen Trick auf den Leim gegangen sind? Und wenn das stimmt:
Können wir den Teufelskreis durchbrechen? Indem wir anfangen, einander von den Dingen zu erzählen, die uns zerfressen - die uns zerfressen, weil wir nicht von ihnen erzählen.“

- Valentin Moritz

_____

„Mein Vater war kein kalter Mann - und kein kalter Vater. Sein Sinn für Humor, seine Sensibilität und seine Lebensfreude zeichneten ihn aus. Sie waren womöglich die markantesten Merkmale seiner Persönlichkeit, wie die Erinnerungen an ihn bestätigen, die viele Leute auf seiner Beerdigung teilten. Mein Vater erzählte ständig Witze: dämliche oder politisch völlig unkorrekte oder etwas schlüpfrige und dadurch - jedenfalls für uns, den Rest der Familie - peinliche Witze. Manche waren tatsächlich lustig. Es wäre keineswegs übertrieben zu sagen, dass sich etwa in jedem vierten seiner Sätze ein Witz versteckte, den er in unmöglichen Radiosendungen gehört, von einem anderen Scherzbold geklaut oder sich selbst ausgedacht hatte.

[…]

Mein Vater und ich, wir konnten uns ohne jegliche Berührungs-ängste fest umarmen. Wir begrüßten uns mit einem Kuss auf die Wange. In den seltenen Fällen, wenn ich allein - ohne meine Mutter - mit ihm sprach, oder bei unseren fürchterlichen Trennun-gen, konnten wir uns liebevolle Dinge sagen: Ich habe dich lieb, Ich vermisse euch sehr, Wir werden uns wiedersehen...
Und doch fühlte ich zwischen uns immer eine gewisse Dis-tanz, eine gegenseitige Gehemmtheit. Ich kann mich an kein »tie-feres« Gespräch erinnern, bei dem wir beide unverkrampft über etwas redeten, das nicht eher oberflächlich war: das Wetter, die Pläne für den Tag, das Ergebnis eines Fußballspiels. Sogar über seine zunehmenden Gesundheitsprobleme konnten wir nur mit einer Art Pragmatismus sprechen: Ich fragte, er berichtete, ich sagte etwas Aufmunterndes, er bedankte sich.

In lerzter Zeit frage ich mich, was in uns war, in unserer Erziehung, unserer Sozialisierung als Männer, das es uns so schwer machte, offen und persönlich miteinander zu sprechen.
Mit meiner Mutter habe ich immer gut reden können, selbst über sehr persönliche, ja, intime Dinge. Warum nicht mir meinem Vater? Warum diese Zaghaftigkeit, uns auch durch Worte näherzukommen?
Diese Unentspanntheit in unserem sprachlichen Austausch kam mir als Kind und dann als junger Mann überhaupt nicht merkwürdig vor. Es war doch die Ordnung der Dinge, wie ich sie seit eh und je kannte. Doch in den Jahren vor seinem Tod wurde mein Bedürfnis immer stärker, über das Leben und die Gefühle meines Vaters mehr zu erfahren.“

- Hernán D. Caro

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„Am ersten Kindergartentag meines Sohnes kam mich eine Freundin besuchen, die ich lange nicht gesehen hatte. Meine Tochter bezauberte sie mit selbstgemalten Bildern und der Fähigkeit, die Plots aller Fernsehserien nachzuerzählen, die sie gerne schaute.
Mein vier Jahre jüngerer Sohn raste durch die Wohnung - völlig aufgekratzt durch den Wechsel von seiner kleinen bekannten Kita in den großen Kindergarten voller fremder Drei- bis Sechsjähriger - und bemühte sich ebenfalls um die Beachtung meiner Freundin. Da sie ein wohlerzogener Mensch ist, schenkte sie ihm einen halben Kleinkindsatz lang ihre Aufmerksamkeit und wandte sich dann wieder meiner Tochter zu. Also schleppte er Spielzeug an, um es ihr zu zeigen, indem er sich dazwischen drängte - vergeblich -, bis er schließlich meiner Tochter mit einem Schaumstoff schraubenzieher auf den Kopf klopfte. Woraufhin meine Freundin erst ihm und danach mir erklärte, dass sie Gewalt nicht mochte und vor allem keine Gewalt von Jungen gegen Mädchen. Die Publizistin Antje Schrupp hat einmal den unvergesslichen Satz gesagt:
Wir überschätzen unsere Fähigkeit, Menschen gleich zu behandeln.

Und zwar von der ersten Sekunde an. So befragte der Psychologe Terrence Real Eltern nach dem Gewicht und der Lebendigkeit ihrer neugeborenen Babys. Diese beurteilten durch die Bank die jungen als robuster und stärker als die zarteren und sensible. ren Mädchen - abwohl die Säuglinge exakt gleich viel wogen.!

Um zu untersuchen, welche Auswirkungen das auf den Umgang mit Kindern hat, machte die BBC ein «Experiment», das sie in dem Dokumentarfilm «No More Boys and Girlse aus-strahlte. Das Experiment bestand darin, die Kleidung zweier Kleinkinder zu tauschen. Marnie - in England ein Mädchen-name, so wie in Hitchcocks «Marnie» - bekam die graue Hose und das blaukarierte Herd von Edward, der dafür ihr Blüm-chenkleid und ihre orange-pinke Strickjacke erhielt. Oh, und Marnie wurde, nein, nicht Edward, sondern Oliver genannt, und Edward Sophie. Daraufhin lud der Leiter des Experiments.
Dr. Javid Abdelmoneim, eine Gruppe von Erwachsenen ein, mit den Kindern zu spielen. Überraschung, Überraschung, «Sophie» wurde am häufigsten die pinke Puppe angeboten, während •Oli-vers den Roboter und das Spielzeugauto in die Hand gedrückt bekam.* Dr. Abdelmoneim erklärte: »Wenn Kinder viel mit Spielsachen wie Autos spielen, die räumliche Wahrnehmung fördern, ändert sich ihr Gehirn innerhalb von drei Monaten messbar«', und während ich noch darauf wartete, dass der neuronale Gewinn von kommunikativen Toys wie Puppen ebenfalls ausgeführt wurde, begann bereits die nächste Szene. Komm zurück, Dr. Abdelmo-neim! Du bist gerade selbst in die Genderfalle getappe!

In diesem Fall hieß das: Spielzeug für Mädchen ist weniger wertvoll, deshalb sollen Mädchen die tollen räumlichen Wahr-nehmungssachen bekommen, um genauso fähig zu werden wie die Jungen. Dabei wurde komplett übersehen, dass Puppen nicht nur pinkstinkige Propaganda des Patriarchars sind, sondern soziale Skills wie Empathie, Kommunikation und emotionale Ausdrucksfähigkeit fördern, die ja ebenfalls (zwar nicht von Grund auf gelernt werden müssen, denn Kinder bringen das ganze Set an emotionalen und motorischen Fähigkeiten mit, sodass natürlich auch Jungs sprechen und Mädchen laufen ler-nen, aber doch) trainiert werden müssen. Was wir stattdessen trainieren, sind genderkonforme Reaktionen. Zu diesem Schluss kamen die Psychologen John und Sandra Condry, nachdem sie 204 Erwachsenen Videoaufnahmen eines weinenden Babys gezeigt hatten. -Einigen wurde gesagt, das Baby sei männlich, anderen, es sei weiblich. Die Probanden empfanden das weinende »Mädchen•-Baby als verängstigt, doch wenn sie dachten, sie würden einen Jungen beobachten, beschrieben sie »ihn= als wütend. «• Wer daraus schließt, dass »ängstliche« Babys cher auf den Arm genommen werden als »wütende» und dass sie mehr gestreichelt und länger beruhigt werden ... hat recht. Terrence Real bestätigt: »Studien zeigen, dass mit Jungen von Geburt an weniger gesprochen wird als mit Mädchen, sie weniger getröstet und weniger bemuttert werden.«?

Das heißt nicht, dass wir uns alle geirrt haben und Männer die eigentlichen Opfer von Sexismus sind, sondern dass der Sexis-mus, den sie erleben, für uns als Gesellschaft häufig unsichtbar ist. Umso wichtiger ist es, dass wir als Gesellschaft über Gender und Männlichkeit*en sprechen. Und zwar anders, als wir das bisher run.“

- Mithu Sanyal

This entire review has been hidden because of spoilers.
Profile Image for janasbuecherwelt.
304 reviews22 followers
July 20, 2023
Rezension zu „Oh Boy! Männlichkeit*en heute“.

Die Textsammlung befasst sich wie der Titel sagt um Männlichkeit:en mit den Auswirkungen des Patriarchats.
Dabei haben mir manche Texte richtig gut gefallen, mit manchen konnte ich eher weniger anfangen. Aber ist das nicht meistens so bei einer Textsammlung, in der verschiedene Autor:innen zur Sprache kommen?

Generell habe ich das Buch, und auch jeden einzelnen Text gerne gelesen. Konnte auch für mich vereinzelt Punkte mitnehmen, denke aber im Großen und Ganzen werden die Texte nicht lange im Kopf bleiben.

Buchdetails: erschienen am 12.07.2023 im Kanon-Verlag | gelesen als eBook | 238 Seiten | 22,00€ (hardcover)
Profile Image for Vika.
104 reviews1 follower
January 6, 2025
Es ist ein Buch, von dem ich nicht wusste, dass es das braucht, aber für das ich schon froh bin, es gelesen zu haben. Das Nachwort von Mithu Sanyal fasst es wunderbar zusammen: wir (ich) sind uns oft bewusst um die negativen Auswirkungen des Patriarchats auf Frauen, trans* und nicht-binäre Personen. Aber über toxische Maskulinität und die negativen Auswirkungen auf die Psyche sowie Statistiken zu Gewalt an cis Männern hinaus, beschäftigen wir (ich) uns gefühlt doch eher weniger mit den erlebten Realitäten von Männern, solchen die so sozialisiert worden oder als solche gelesen werden. Es war wirklich unheimlich spannend (und traurig), verschiedene Essays, Geschichten, Erzählungen von verschiedenen Menschen zu lesen und zu lernen, was es mit einem macht, so sozialisiert aufzuwachsen - vor allem, wenn man nicht dem gängigen Männlichkeitsbild entsprechen kann und will.

Anzumerken ist jedoch, wo wir schon bei toxischer Maskulinität sind, dass ich noch die erste Auflage des (E-)Books hatte, in der auch die Story vom Herausgeber Valentin Moritz zu finden war. Viele werden es sicherlich wissen, aber in Kürze hat es sich nur mit einem faden Beigeschmack lesen lassen, wie er in einer "fiktiven" Geschichte die Grenzen einer (Ex)Freundin überschreitet und sich dafür zum einen maßregelt und zum anderen rechtfertigt. Was das Ganze schlimmer macht, ist vor allem die Tatsache, dass er für das Teilen dieser Geschichte nicht den Consent der Person hatte, die er real verletzt hat - und somit die Grenzen erneut missachtet hat.

Nach meinem letzten Wissensstand wurde dieses Kapitel entfernt in weiteren Auflagen und ich kann Interessierten nur ans Herz legen, das Buch nicht komplett zu discarden, da die Geschichten der anderen Schreibenden doch sehr lesenswert und wichtig sind für den Diskurs rund um das Patriarchat und dessen Auswirkungen auf alle.
12 reviews1 follower
August 20, 2023
Angesichts der unterirdischen und scheinheiligen Auseinandersetzung des Herausgebers Valentin Moritz und des Kanon Verlags mit Moritz' Täterschaft kann ich dem Buch nur 1 Stern geben. Die anderen Beiträge lassen sich gut lesen, ich finde es allerdings höchst erstaunlich, wie für so einen Band nicht darüber reflektiert werden kann, was damit anderen angetan wird. Ein Nein heißt nein, was weder in Moritz' Beitrag benannt wird ("ich hätte ahnen könne, dass sie das nicht möchte", wtf, sie hat versucht, sich zu befreien) noch in Bezug auf die Veröffentlichung gewahrt wurde. Einfach ekelhaft. Eine Stellungnahme von Moritz und dem Kanon Verlag kam verspätet und erst nach großem öffentlichen Druck - es ist schade, traurig und bestürzend, dass es den dafür brauchte (vorher wurde es abgetan).
Profile Image for Adrian Leo.
37 reviews
December 4, 2024
Zunächst habe ich einige Beiträge zu dieser Anthologie gelesen, die mir sehr gefallen und mich auch in Teilen zur Reflektion meiner eigenen Männlichkeit bewegt haben. Allerdings gab es auch viele Einträge, die kritikwürdige Aussagen beinhalten, zu komplizierte Sprache benutzen oder so wirken, als seien sie nur artsy geschrieben, um artsy zu sein. Der größte Negativpunkt ist allerdings die Kontroverse, sowie das generelle Veralten von Mitherausgeber Valentin Moritz, der weder aus seinem Verhalten gelernt, noch überhaupt die Debatte um ihn verstanden zu haben scheint. Allein deswegen würde ich jedem:r potenziellen Leser:in davon abraten, dieses Buch zu kaufen.
Profile Image for Vivus_007.
31 reviews
September 22, 2024
Hab erst während des Lesens von der Kritik erfahren. Hatte das Buch schon seit Ewigkeiten im Regal stehen.
Alle anderen Texte fand ich auch so semi überzeugend. Es gab einzelne sehr gute Texte.
Profile Image for Jane.
1,026 reviews33 followers
September 27, 2025
Eine tolle Sammlung! Wann und wie wurde männliche Sozialisierung erlebt. So offen und reflektiert, vielfältig in der Darstellung und den Hintergründen der Beiträge. Eine absolute Empfehlung!
Profile Image for Nikolaj Tange Lange.
Author 7 books72 followers
August 15, 2023
Okay, actually I enjoyed that way more than three stars would suggest. And some texts really did hit me hard. At the same time, it also felt too uneven for four stars. Bur if you're curious enough to be reading reader reviews here, I'd definitely recommend you to give it a try.
Profile Image for BetweenLinesAndLife.
455 reviews7 followers
August 16, 2023
4.5 Sterne

Ein Buch, das durch seine Vielfältigkeit an Stimmen glänzt.
Oh Boy funktioniert als Anthologie einzelner Texte, für mich persönlich aber noch stärker als ein Text mit vielen Perspektiven.
Einige Texte blieben für mich auf einer guten Basis, entfalteten ihr Potenzial aber besonders darin, Teil dieser Anthologie zu sein, in dem sie ihre ganz eigene Perspektive in die vorliegende Diskussion über Männlichkeiten einbrachten.
Die Motive der schweigenden Männer und abwesenden Väter waren stark vertreten, was man anfänglich als klischiert lesen kann, jedoch vor allem die Versuche darstellt darüber zu sprechen, wirklich zu sprechen und es nicht zur Symbolik verkommen zu lassen, und dadurch das Männlichkeitsbild, das von emotionsarmen, schweigenden und abwesenden Männern bestimmt wird, zu überwinden.
Besonders schlüssig wurde das auch durch das Nachwort von Mithu Sanyal

Meine persönlichen Lieblingstexte:
A Song of Silence and other Scheiss (Kim de l'Horizon)

Mein Bro Ahmet, bau dir keinen Thron auf deine Eichel (Dinçer Güçyeter)


Fragen an meinen Vater (Hernán D. Caro)
Profile Image for Tatjana Sebben.
43 reviews1 follower
February 19, 2024
Ich habe Vielfältigeres und Konkreteres erwartet vielleicht? Es hatte neue Gedankengänge dabei, auf jeden Fall, ich mochte was ich als Poesie bezeichnen würde in den Texten von: Deniz Utlu, Ozan Keskinkilic und Dincer Gücyeter. Ich kann dennoch nicht mehr als 2 Sterne geben - ja, auch wegen der Sache mit Valentin Moritz (Ich habe die 1. Auflage gelesen), andererseits aber auch, weil ich nicht so empfunden habe, wie Mithu M. Sanyal es im Nachwort beschreibt "...denn hier geht es nicht um den einen tollen Gedanken, sondern darum, gemeinsam zu denken." - Ich hatte wirklich eher das Gefühl, dass es oft um den einen tollen Gedanken ging. Ich wäre sehr neugierig, wie die Entstehung dieses Kanons war - ob sich diese Autor:innen tatsächlich zusammengesetzt und ausgetauscht haben.
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