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Das Handbuch der Inquisitoren spielt kurz vor und nach der Nelkenrevolution, mit der das rechtsgerichtete Salazar-Regime 1974 entmachtet wurde. Im Mittelpunkt des Romans steht ein Minister des Salazar-Regimes, den alle nur Herr Doktor nennen. Er genießt viele Privilegien und besitzt ein Landgut, das Ausdruck seine Macht ist.
Im Buch kommen die Personen zu Wort, die unter dem Minister zu leiden hatten. Zu Wort kommen u.a. sein Sohn, der vom Vater als Trottel hingestellt wurde, Köchin und Kindermädchen schildern von der beklemmenden Atmosphäre auf dem Landgut, äußern aber auch unverhohlen verblendete Begeisterung für den mächtigen Mann. Alle leiden -- vor allem die untersten weiblichen Angestellten, die er als sexuelles Freiwild betrachtet, vergewaltigt und schwängert. Gegenüber einem anonymen Interviewer berichten die Personen monologisch und getrieben von unbewältigten Erinnerungen an diese Zeit. Ihre Berichte sind quälend, ihre Schilderungen haben oft fragmentarischen Charakter und werden immer wieder unterbrochen von Wortfetzen, Bemerkungen des Herrn Doktor, die zeigen, wie viel Macht das Grauen auch Jahre nach den Ereignissen noch über sie hat. Das Landgut des Herrn Doktor ist ein Mikrokosmos der gesellschaftlichen Verhältnisse. Unmerklich ensteht das Bild des alltäglichen Lebens inmitten der Diktatur, ein Leben der Rechtlosigkeit, dessen Grundstimmung durch blitzschnell und unerwartet hereinbrechenden Terror gekennzeichnet war.
Das Handbuch der Inquisitoren ist ein grollendes und packendes Wutfurioso, geschrieben mit der eisernen Hand einer kritischen Entrüstung, ein leidenschaftlich gezeichnetes Opfergemälde, ein literarischer Blick von unten. Die Monologe, mit denen die Menschen die Verhältnisse unter der Diktatur beschreiben, treiben sie um wie eine offene Wunde, zerrissen beschwören sie immer wieder mit Erinnerungsfetzen die unbewältigte Zeit, wiederholen einmal geäußerte Gedanken, als ließe sich der erlebte Schrecken durch mehrmaliges Aussprechen bewältigen, unterbrechen sich selbst. Wie Bomben fallen Worte des Doktors, Ausrufe oder Befehle in diese Erinnerungen ein.
Lobo Antunes erzählt in Handbuch der Inquisitoren mit einer unglaublich wuchtigen und virtuosen Sprachklaviatur, mit wenigen Worten kann er eine ganze Bilderwelt erschaffen. Seine Sprache ist voller wirklich eindrucksvoller Metaphern, die den Leser schnell in seinen Bann ziehen. Das Handbuch der Inqusitoren ist die engagierte Aufarbeitung verdrängten Schreckens, geschrieben mit einer flammenden Raserei, die manchmal wie ein Fieber wirkt. --Christoph Steven
456 pages, Broschiert
First published January 1, 1996
(I must have been fifteen or sixteen years old because the new garage next to the beech trees was being built, the tractor rumbled beyond the vegetable garden, and the metal blades of the windmill creaked in the heat)
when I heard murmurs and whispers and steps in the chapel, not the sounds of chickens or turtledoves or magpies but of people, perhaps the gypsies from Azeitão making off with the
Virgin Mary and the carved candlesticks
(women in black skirts, men blowing on flames under coffeepots, sad scrawny mules)
and I grabbed one of the canes from the stoneware umbrella stand in the foyer and trotted across the dining room where the chandelier sprinkled glass shadows onto the tablecloth, I leapt over the flower bed with birds-of-paradise, I leapt over the petunias, the chapel door was open, the candles fluttered under the arches, but I didn’t find the Gypsies from Azeitão
I found the cook lying flat out on the altar, her clothes all tousled, with her apron around her neck, and my father beet red, cigarillo in his mouth and hat on his head, holding on to her hips and looking at me without anger or surprise…
I never went more than two or three times to the farm in Palmela, I don’t like cows, I don’t like pigs, I don’t like the smell of manure everywhere you turn, and I didn’t like my father-in-law eyeing me from head to toe as if he’d never seen me, as if I hadn’t already been his daughter-in-law for ten years
“A skinny hothead without hips, you don’t know how to pick out a heifer, João”
eyeing me without the slightest hesitation, shame, or scruple, indifferent to the housekeeper, to the maids, to our kids, and to the broad with a lapdog who sat next to him on the sofa, a sinister, incredibly tacky broad in her fifties, dressed up at five in the afternoon as if for a baptismal ceremony in Algés or some other nouveau-riche suburb, the widow of a small-town pharmacist or civil servant who liked to call me dear and touch my arm when she talked to me, I hate to be touched, and the old broad would grab my arm…
