,,Es gibt keine merkwürdigen Gegenden [...] Es gibt nur merkwürdige Menschen.'' - Alma (S. 48)
Der zweite veröffentlichte Jugendroman von Ursula Poznanski hat damals, zur Zeit seiner Veröffentlichung, volle 5 Punkte von mir erhalten. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass ich in der Zeit gerade erst intensiv zu lesen begonnen hatte, und dies auch einer meiner ersten Thriller überhaupt gewesen ist. Mit 14 Jahren denkt man eben anders wie mit knapp 28.
Doch Saeculum ist eine sehr positive Überraschung! Denn das Buch ist zwar nicht mehr die Koriphäe, als die Teenie-Sana es idealisiert hat, allerdings immer noch ein solider, spannender Thriller, der geschickt Fantasie mit Realität verschwimmen lässt und nach wie vor einen der realistischsten Twists überhaupt hat. Denn auch wenn einem sämtliche Namen und Details über die letzten 14 Jahre verloren gegangen sind - die Wendung, die alles erklärt, ist immer noch sehr gut im Gedächtnis geblieben, und bleibt - Gott sei Dank! - nun auch beim zweiten Mal Lesen durch die vielen kleinen Hinweise logisch herleitbar!
Hierin geht es um Bastian, einen zwanzigjährigen Medizinstudenten, der vor Kurzem die mittelaltermarktbegeisterte Sandra kennengelernt hat. Da der ruhige Nerd ansonsten nicht viel Spannung in seinem Leben gewohnt ist, lässt er sich vor lauter Schwärmerei von ihr zu einem dieser Mittelaltermärkte mitschleppen und lernt dort auch ihre Freunde kennen. Gemeinsam mit diesen gründet sie eine kleine LARP-Community mit dem Namen Saeculum, die sich jährlich für fünf Tage trifft, um das Leben im 14. Jahrhundert nachzuahmen. Keine Elektronik, keine Kühlschränke, keine richtige Zivilisation - und genau dabei möchte Sandra ihre neue Bekanntschaft mitnehmen! Die anderen sind skeptisch, wie sich der Neuling unter solch extremen Umständen beweisen wird, doch sie nehmen ihn schließlich doch mit auf eine Waldlichtung mitten im Nirgendwo, wo sie die nächste Zeit in einer anderen Welt leben werden. Alle freuen sich - einzig Doro, das selbsternannte Orakel der Gruppe, warnt davor, dass diese Gegend von einem alten Grafen verflucht sei. Doch während sie anfangs jeder für ihren Aberglauben belächelt, geschehen nach und nach merkwürdige Dinge. Dinge, die sich sogar als ziemlich lebensgefährlich herausstellen - doch wie sollen sie Hilfe holen, so fernab jeder Menschenseele und ohne Handys?
Selbstredend hat das Buch einige Mäkel, die zum Teil auch der Zeit ihres Erscheinens geschuldet sind. So fällt immer wieder negativ auf, dass Poznanski dicke Charaktere hauptsächlich auf ihre Liebe zum Essen, ihre Unsportlichkeit und ihr übergewichtiges Aussehen beschränkt, statt ihnen wirklich Charaktertiefe zu geben. Charaktertiefe ist und war auch niemals die Stärke der Autorin, aber besonders bei dieser Art von Figuren sowie solchen wie Doro, die sehr abergläubisch sind, und für deren Beschreibung häufig Worte wie ,,geisteskrank'' oder ,,reif für die Klapse'' benutzt werden, ist es eben besonders negativ auffällig.
Dazu kommen auch noch ein, zwei ziemlich altmodische bzw. negativ behaftete Konnotationen mit bestimmten Krankheiten, die damals schon keine große Sache waren und es heute umso weniger sind. Da bleibt die Darstellung dieser für ein bisschen mysteriöse Shock Value fragwürdig.
Ansonsten ist das Buch in seiner stetig dünner scheinenden Grenze zwischen Realität und Fantasie absolut fantastisch! Als Leser ist man in einer ähnlichen Rolle wie Bastian, der nicht nur eine Einführung in die Mittelalter-Welt bekommt, sondern auch in die Legende, die den Aufenthalt der Spieler auf eine harte Probe stellen wird. Allein dabei wird schon eine dichte Atmosphäre aufgebaut, und während der ersten Spielstunden noch alles normal scheint und man gemeinsam mit Bastian diesen Eskapismus genießt, werden mehr und mehr Details der Sage wahr. Doro als besonders abergläubisches Mitglied der Spielergruppe wird auch nicht müde, immer wieder Vergleiche dazu zu ziehen, weswegen einem die Parallelen auch frisch im Gedächtnis bleiben und man selbst seine Schlüsse ziehen kann.
Dabei sind zwar weder die Rätseleien noch geheimen Botschaften, die die Gruppe bekommt, großartig ausgeklügelt. Das Highlight des Buches ist die Situation selbst, die einem sozialen Experiment gleicht: Wie lange kann eine zivilisierte Gesellschaft des 21. Jahrhunderts bei klarem Verstand bleiben, wenn Ressourcen nach und nach weniger werden und es plötzlich ums nackte Überleben geht? Wie sehr ist man unter solchen Umständen um rationale Lösungen bemüht, wenn doch alles darauf hinzudeuten scheint, dass dieser Fluch wahr ist? Wie modern und aufgeklärt ist der Mensch noch, wenn man ihn all seiner modernen Errungenschaften beraubt und der puren Ohnmacht aussetzt?
Es ist hochspannend zu beobachten, wie sich Machtverhältnisse verändern, Grüppchen bilden, ganz andere Seiten der Spieler offenbar werden, und wie leicht man doch dazu geneigt ist, an etwas Übernatürliches zu glauben, wenn man ohne Behausung und unendliches Essen und Trinken im Wald sitzt! Obwohl mir persönlich die Lösung noch im Gedächtnis war, kann ich mich noch lebhaft daran erinnern, wie doch immer wieder Zweifel daran hochkamen, ob es wirklich eine logische Lösung für all das gibt, und hatte auch bei diesem Mal Lesen Anflüge davon.
Daher wirklich eine Art Meisterklasse in puncto Sozialwissenschaften, die einen nicht nur mit Erschrecken feststellen lässt, wie schnell der Mensch wieder zu einem Wilden werden kann, sondern auch, wie unglaublich dankbar wir für unser Zeitalter sein können. Denn alleine bei Bastian taucht aufgrund seiner Kurzsichtigkeit ein Problem auf, das viele Autoren leider dadurch umgehen, dass die meisten ihrer Figuren nie Brillen tragen: er muss seine für das LARP abnehmen. Und kann daraufhin kaum mehr etwas erkennen. Es ist fast schon traurig, dass dieses Buch so viele Jahre später immer noch das einzige ist, in das dieses Problem mit eingewoben ist!
Wie bereits erwähnt, ist der Plot dieses Buches so gut durchdacht, dass man immer wieder Hinweise auf die Lösung des Rätsels findet. Ob andere Leser es jedoch auch so erleben werden, dass manche der Figuren durchaus früher hätten drauf kommen können, kann ich, weil ich die Lösung noch wusste, leider nicht sagen. Allerdings kann ja jedes Auf-dem-Schlauch-stehen auch durchaus durch Stress erklärt werden. Gut ist jedoch wie gesagt, dass man es nachverfolgen kann, und so sowohl die Enthüllung als auch, was die Konsequenzen davon sind, sowohl realistisch als auch heftig als auch im Nachgang bittersüß sind.
Außerdem ist dieses Buch vermutlich dasjenige, das noch die tiefgründigsten und ausgebautesten Charaktere mit sich führt, die Poznanski sich je hat einfallen lassen. Bastian ist zwar ein ziemlicher Normalo, beweist mit seinen Handlungen jedoch viel Grips und ist einer der wenigen, der trotz des ganzen Drucks noch rational mit der Situation umgehen kann. Auch Elsbeth, Paul und Sandra tragen interessante Hintergrundgeschichten mit sich rum, die gut in die Story hineingewoben wurden.
Der absolute Star jedoch ist Iris, die sich nicht nur zu einer von Bastians engsten Vertrauten mausert, sondern auch hinter ihrer mysteriösen Ausstrahlung viel Geschichte hat. Diese scheint auch enger mit dem derzeitigen Szenario verknüpft zu sein, als sie zunächst annimmt, und lässt sie ziemlich viel Distanz zu Menschen wahren. Sie hat nicht nur einen schnippischen und angenehmen Humor, sondern erweist sich auch als sehr loyal und tatsächlich auch als eine der stärksten Figuren dieser Story.
Alles in allem ist das Buch in ganz kleinen Dingen schlecht gealtert, ist jedoch ansonsten noch immer total spannend und interessant! Poznanski hat es einfach drauf, eine dichte, gefährliche Atmosphäre zu erschaffen, in der Menschen von Heute mit plötzlichen Umständen von Damals konfrontiert sind und mit jedem vergehenden Tag dem Glauben an einen Fluch mehr zugeneigt sind. Einige der Figuren sind durchaus etwas vielschichtig, packen einen in ihrer Interaktion mit der Gesamtgruppe jedoch am meisten! Es hat einen sich stetig aufbauenden, hohen Spannungsbogen, der meisterhaft Hinweise und Mysterien ausstreut, und am Ende schwungvoll ohne lose Enden zusammenführt. Man spürt die Verzweiflung und prekäre Lage der Spieler so sehr, dass man über sich selbst ins Zweifeln kommt, und ab und an schwankt, ob etwas Übernatürliches nicht doch für alles verantwortlich sein könnte. Bei manchen Aspekten wäre etwas mehr Skepsis der Charaktere sicherlich realistischer gewesen, allerdings kann man selbst nie wissen, wie intelligent man noch ist, wenn man in eine solche Notlage gerät. Nichts Außergewöhnliches, aber für das, was es ist, wirklich gut, unterhaltsam und aufregend! Auch nach so ,,langer'' Zeit eine klare Empfehlung.
Gesamtwertung: 3,5/5 Punkte