Was ist Bildung? Zweifellose hat "Bildung" mit "Wissen" zu tun, weswegen Schwanitz im Eingang seines Buches die Faktenhuberei der Schule kritisiert, da Wissen eben nicht alles ist, um dann all die Fakten zu vermitteln, ohne die es nichts wird mit der Bildung. Dabei folgt er leider dem "Fächerschema" der Schule, insofern Literatur von Philosophie und Kunst und Sprache usw. getrennt vermittelt wird. Hier liegt ein krasses Defizit des Buches, da die beabsichtigte "Wiederherstellung der großen 'Erzählung'" nur geht, indem man die inneren Beziehungen unter den Wissensbestandteilen heraus stellt, also genau das macht, was Schule nicht leistet. Man kann sogar die Verunsicherung der Literatur durch die Physik (Relativitätstheorie!) darstellen und man muss das tun, weil die Schule das eben nicht tut! (Aber damit hätte Schwanitz Probleme, da seiner Absicht nach die Naturwissenschaften nicht zur "Bildung" dazu gehören, eine Sichtweise, über die man trefflich streiten könnte!) An dem Widerspruch zwischen notwendiger Wissensvermittlung und der Art, in der daraus "Bildung" wird, krankt das Buch, in dem ergo der eigene Anspruch nicht eingelöst wird. Beim Lesen hatte ich das Gefühl mein Germanistik- Studium (noch ein philologisches Vollstudium aus Literatur- und Sprachwissenschaft, Philosophie, Geschichte und Kultur- und Kunstgeschichte) zu wiederholen. Ich darf stolz behaupten nur ganz wenige der vorgestellten Werke nicht zu kennen. Das sage ich, um das Problem zu verdeutlichen: Dahinter stehen 12 Jahre Schul"bildung" mit einem ausgeprägten Leseinteresse und 5 Jahre Studium unter der Ägide "1000 Seiten pro Woche, sonst brauchen sie mit diesem Studium gar nicht anzufangen" (Prof. R. Opitz, Russist) zzgl. einer mittlerweile 35- jährigen Lese- Theater- etc. Erfahrung. Bin ich nun "gebildet"? Wenn Bildung das ist, was vom Wissen, das man vergisst, übrig bleibt, dann... Ja, was dann?? Dann wäre ich gebildet, weil ich unglaublich viel von dem, was ich einst wusste oder konnte, vergessen habe! Aber jetzt kommt im Theaterfoyer die Situation, wo man von den "Physikern" zu der Frage kommt: Wie hieß noch mal der Gejagte in "Besuch der alten Dame?" - "Äh... Hab ich vergessen." - "Was? Sie als Germanist?" ... Man sieht das Problem: Jetzt bin ich "ungebildet", weil das Wissen weg ist. - Schwanitz schwant das Problem natürlich, weswegen er am Ende auf die Fähigkeiten zur Konversation, auf die Sprache, auf Weltläufigkeit und Ähnliches zu sprechen kommt. (Weltläufigkeit erwirbt man allerdings kaum beim Lesen! - Was hier z.B. fehlt, ist die Rolle des Reisens, sind die Orte, die man gesehen haben muss und wie man sie sehen sollte...) Aber das bleibt wie ein Appendix und steht nicht in einem organischen Zusammenhang mit dem Vorigen. Witzig ist hingegen ein Definitionsversuch von Bildung über das, was man nicht wissen darf (!), um als gebildet zu gelten. Das Beispiel von Schwanitz gefällt mir, denn er meint, die dynastischen Beziehungen der Habsburger und Bourbonen im 18. Jh. zu kennen, ist "Bildung"; über die dynastischen Probleme heutiger Königshäuser Bescheid zu wissen, zeigt "Unbildung". Das ist wohl so. Fußball ist das andere Thema. ;-) Was aber ist nun "Bildung"? Am zutreffendsten wird Bildung bei Schwanitz beschrieben, wenn er "Bildung" auf den (Bildungs-)Roman des eigenen Lebens bezieht. Meint, "Bildung" ist eine Lebensaufgabe und hängt vor allem auch mit den Ereignissen und Vorfällen des Lebens zusammen, in denen sich Wissen als Bildung bewährt. Von daher ist "Alles, was man wissen muss" kein Kompendium von Bildung, würde man es auswendig lernen, hätte man das Buch ohnehin nicht verstanden, sondern so etwas wie ein Leitfaden, anhand dessen diejenigen, die am Anfang ihres Lebens verunsichert nach "Bildung" suchen, ein paar Handläufe finden, an denen sie sich entlang hangeln können und die sie vielleicht am Ende ihres Lebens nicht mehr brauchen. Vor allem Kinder aus bildungsfernen Haushalten oder die Nachkommen von Immigranten fallen mir da ein. Ihnen sei das Buch empfohlen. Für alle anderen ist es entbehrlich.