Meine Meinung
Als ich diesen Roman bei vorablesen.de entdeckt habe, war mein Interesse sofort geweckt – ich liebe außergewöhnliche Familiengeschichten und die Kings klangen nach einem ganz besonders faszinierenden Clan.
Der Einstieg in die Geschichte ist mir dann allerding ein bisschen schwergefallen, da es eine Weile dauert, bis die Handlung wirklich ins Rollen kommt. Im Grunde konnte mich der Roman erst ab dem Zeitpunkt, als Protagonistin Cordelia erwachsen ist, richtig fesseln. Der Teil, in dem es um ihre Kindheit auf der Insel geht, hat sich dagegen etwas gezogen. Die Geduld lohnt sich auf jeden Fall, denn am Ende überschlagen sich die Ereignisse, während der Konflikt um Hummerfang-Gebiete mit einer nahegelegenen Kleinstadt eskaliert. Was die Geschichte ausmacht, ist vor allem das komplexe und glaubwürdig dargestellte Verhältnis der Kings untereinander. Sehr berührend fand ich auch die Liebesgeschichte von Cordelia und Kenny. Obwohl dieser Handlungsstrang relativ plötzlich einsetzt, vermittelt der Autor die besondere Beziehung zwischen den beiden wunderbar glaubhaft.
Überhaupt fällt es leicht, Alexi Zentner die leichte Handlungsarmut seines Romans zu verzeihen – angesichts so eines tollen Schreibstils. Der Autor findet starke sprachliche Bilder und schreibt poetisch, ohne ins Blumige abzudriften. Von Anfang an gelingt es ihm, eine mystische Stimmung zu erzeugen und die Magie des Schauplatzes, einer fiktiven Hummerfang-Insel vor der Küste Maines, einzufangen: Eine raue, karge Landschaft von wilder Schönheit. Beeindruckend fand ich, wie wandelbar der Stil des Autors ist, wie leicht er zwischen romantischen Beschreibungen der See und derben Kneipen-Gesprächen wechselt. Gut gefallen haben mir auch die Schilderungen von Brumfitts Bildern, ein Maler, der für seine Gemälde der Insel bekannt ist. Cordelia hat eine besondere Verbindung zu diesen Bildern, daher passt es, dass gerade in emotionalen Momenten oft ein Werk von Brumfitt herausgegriffen und beschrieben wird. Häufig spiegelt dieses Gemälde dann Cordelias Gefühlswelt perfekt wieder – eine außergewöhnliche und im wahrsten Sinne des Wortes kunstvolle Art, Emotionen zu vermitteln.
Protagonistin Cordelia war mir von Anfang an sympathisch. In einer Branche, die traditionell eine Männerdomäne ist, und einer Familie, in der traditionell die Söhne das Sagen haben, hat die selbstbewusste junge Frau gelernt, sich durchzusetzen. Schon früh erkennt Cordelia, dass sie für die See geboren ist – und arbeitet hart, um sich die Anerkennung ihres Vaters und der anderen Hummerfischer zu verdienen. Obwohl er das Erzähltempo wie gesagt verlangsamt hat, war der Einblick in ihre Kindheit ganz hilfreich dabei, mich in sie einzufühlen. Auch alle anderen Charaktere sind gut ausgearbeitet und interessant, selbst den eher unwichtigen Nebenfiguren gibt der Autor etwas Einzigartiges mit.
Fazit
Eine Familiensaga, die mich nach einem eher schleppenden Start für sich begeistern konnte. Der außergewöhnliche Schreibstil und interessante Charaktere trösten über eine etwas handlungsarme Story hinweg.