Vierzehn kreative Mordsgeschichten
Ray Bradbury habe ich bisher nur mit seiner großartig schrecklichen Dystopie „Fahrenheit 451“ und dem SciFi-Klassiker „Die Mars-Chroniken“ in Verbindung gebracht. Dass er Krimi-Kurzgeschichten schrieb, war für mich neu. Wobei mir Krimi im engeren Sinn nicht ganz passend erscheint. Es sind 14 „Mordsgeschichten“ – manchmal phantastisch, vielfach absurd unterlegt. Keine gleicht der anderen. Bradbury hat ein Sammelsurium kreativer Plots zu Papier gebracht.
Jene, die mir am meisten im Gedächtnis blieben, möchte ich kurz anteasern…
1. „Der Tod kommt schnell in Mexico“ („The Candy Skull“): Ein US-Schriftsteller fährt nach Mexiko, um Ideen für sein neues Buch zu sammeln und um über das Verschwinden eines Freundes nachzuforschen. Wie es die Umstände so wollen, trifft er dort ein, als die Feierlichkeiten für den Día de los Muertos, den Tag der Toten, beginnen. Die schöne, selbstbewusste Mexikanerin Celia wirft ein Auge auf ihn. Dem alten Tomás, einst bester Stierkämpfer Mexikos, scheint die Anwesenheit des Yanqui zu missfallen… Schaurige, unheilschwangere Grundstimmung. Der Stierkampf kommt schlecht weg, was ich sehr sympathisch finde.
2. „Ein kleiner Mörder“ (“The Small Assassin“): Bradbury bezeichnet diese Short Story als „eine der besten Geschichten, die ich je geschrieben habe, gleich in welchem Genre“. Eine werdende Mutter hat schreckliche Angst vor dem Kind in ihrem Bauch, da sie glaubt, dass es sie töten will. Die dunklen Ahnungen steigern sich nach der Geburt ins Panische. Schließlich befällt auch den Vater und den entbindenden Arzt der blanke Horror… Ich empfing hier eindeutig „Omen“-Vibes.
3. „Ein Zirkus voller Leichen“ („Corpse Carnival“): 40er-Jahre, USA, ein Wanderzirkus samt Freakshow auf Tour. Eine Trapezartistin liebt die eine Hälfte eines siamesischen Zwillings. Doch was tun mit dem ständig anwesenden, großkotzigen Bruder? Bradbury fand eine Lösung. Wer die Serie „Carnival“ mochte oder „American Horror Story: Freak Show“ sah, wird hier schnell reinfinden.
4. „Gestern habe ich noch gelebt“ („Yesterday I Lived“): Ein Studiowärter in Hollywood ist in die Diva Diana Coyle verliebt. Bei Dreharbeiten wird sie vergiftet. Rastlos macht sich der Fan daran, den Mord aufzuklären und seine Filmgöttin zu rächen.
5. In „Ein Abend für zwei“ („Half-Pint Homicide“) und „Begräbnis für vier“ („Four-way Funeral“) stellt Ray Bradbury seinen Privatdetektiv Douser Mulligan vor. Er versucht mit dieser Figur erst gar nicht, Philip Marlowe oder Sam Spade zu kopieren. Bradbury schlägt einen skurrilen eigenen Weg ein. Sein Douser ist ein Gerechtigkeitsfanatiker und verfügt über eine besondere Gabe: Er überzieht das psychologische Profil der Gangster in Windeseile und sorgt durch Worte wie Nadelstiche, dass sie sich selbst oder gegenseitig außer Gefecht setzen.
Was mir sehr gut gefällt, ist die schöne, fast kitschige Beschreibung diverser Femme-fatales. Kostproben gefällig? „Ich sah ihre dunkel schimmernden Augen im Rückspiegel gefangen, festgehalten wie verrückte, wilde Geschöpfe.“ Oder: „Ihr Haar hatte die Farbe gewachster Kastanien.“ Welch Dahinscheiden hier: „Dann sank sie nieder wie ein seidener Baldachin, dessen Stützen auf einen Schlag weggerissen worden waren. (...) Ihr silbernes Abendkleid bildete einen kleinen Teich um sie. Ihre Fingernägel waren fünf feuerrote Käfer, die schimmernd und tot auf jeder Seite ihres hingesunkenen Körpers lagen.“ Danke für diese poetischen Bilder, Mr. Bradbury.
Zu bemängeln gibt es leider auch etwas: Konten fingiert man, aber man „fingert“ sie nicht (Seite 183). Und was sollen „fühllose“ Beine sein (Seite 245)? Da wurde in der Übersetzung geschludert. Auch des Spanischen war der Übersetzer nicht mächtig. Der in Mexiko traditionelle Tag der Toten heißt „Día de (los) Muertos“, aber nicht „Día de Muerte“ (Seite 286). Und eine Seite später liest man „Buenas días“. Nein! „Buenos días“ wäre korrekt. Mich stören solche sprachlichen Aussetzer, weil sie die an sich sehr abwechslungsreichen und spannenden Kurzgeschichten unnötig beklecksen.