Seit dem 11. September, dem Tag des Terroranschlags auf das World Trade Center in New York, steht die Auseinandersetzung mit dem Geschehen und seinen Ursachen auf der Tagesordnung des öffentlichen Diskurses in Deutschland. Zunächst mit ungläubigem Staunen, später mit hellem Zorn, verfolgte Henryk Broder die Äußerungen dieser Debatte, den Stimmungswandel, der mehr und mehr den Amerikanern selbst das Geschehene zur Last legte. Ob auf Stammtischniveau oder in Gestalt politischer und auch philosophischer Analyse, ob in der Form eines plumpen Antiamerikanismus oder unter dem Deckmantel einer naiven Friedensbewegtheit, die Debatte entwickelte sich von ihrem Ausgangspunkt, der Empörung über die Tat, fort zu einer Anklage der USA, ihrer Politik, ihrer Lebensweise, die das eigentliche Geschehen, den terroristischen Angriff auf unschuldige Menschen, ganz aus dem Blick zu verlieren schien.
Broder is known for polemics, columns and comments in written and oral media.
He wrote for the magazine Der Spiegel as well as its online version and the daily Berlin newspaper Der Tagesspiegel.
Since 2010 he writes for Die Welt. He is co-editor of Der Jüdische Kalender (The Jewish Calendar), a compilation of quotes and texts relating to German Jewish culture, published annually.
Ich habe mich damals nicht so für den Anschlag in New York interessiert. Ich wusste nicht mal genau, was Islam ist. Und ich erinnere mich an eine allgemeine Abwehrhaltung der deutschen Öffentlichkeit. In "Kein Krieg, nirgends" dokumentiert Henryk Broder die öffentliche Reaktion auf den Terroranschlag gegen die Twin Towers. Wenn man das Buch heute liest, also 14 Jahre nach Erscheinen, dann läuft es einem ja eiskalt den Rücken runter, wie ignorant und realitätsfremd Deutschland die Situation eingeschätzt hat. Nicht nur, dass man islamistischen Terrorismus als verzweifelten Hungerkampf der 3. Welt gegen die blutsaugenden Amerikaner (und Juden natürlich... Israel wurde von den Deutschen sofort als Schuldiger benannt) und Akt des Umweltschutzes romantisierte, es wurde auch ein Hass auf Amerika deutlich, während eine unterschwellige Sympathie mit den Terroristen herrschte. Einerseits wurde offen ausgesprochen, dass man es den Amerikanern verübelt, dass sie Nazi-Deutschland bombardiert hatten, andererseits herrschte hier noch eine verträumte Vorstellung vom Terrorismus, der sich ja nur gegen Reiche richtet und die haben es doch verdient. Reich sind dabei immer nur die anderen, auch Promis wie Boris Becker oder Wolfgang Joop sehen sich selber natürlich nicht auf der Seite der blutsaugenden Kapitalisten ,sondern zeigen sich verständnisvoll mit den "einfach gekleideten" Terroristen. Rückblickend finde ich, dass sich Deutschlands Abkehr von Amerika und Hinwendung zur arabischen Welt schon andeutet. Es ist wirklich eine interessante Dokumentation, die heute im Rückblick noch schrecklicher wirkt. Damals wusste ich nicht mal, was die Hamas ist. also, es war für die deutschen Medien einfach, gegen die USA Stimmung zu machen, weil -zumindest mir- das Wissen fehlte, um diesen Anschlag realistisch einzuordnen. Während Deutschland damals noch voller Schadenfreude war, fürchten wir uns nun selber vor Anschlägen. Trotzdem hat sich unsere Verbundenheit mit der muslimischen Welt sogar noch verstärkt.