Kurzmeinung: Interessant, einmal einen Blick in die russische Exilliteratur zu werfen.
Russische Exilliteratur. Ein Zeitzeugnis.
Mark Aldanow (1886 in Kiew-1957 in Nizza), ein Schriftsteller, dessen Werke man unter die russische Exilliteratur rechnet, hat mit dem erstmals in deutscher Fassung vorliegenden Roman „Der Anfang vom Ende“ einen sozialpolitischen Roman geschrieben, der sich kritisch gegenüber dem Kommunismus/ Bolschewismus in der Sowjetunion ausspricht und auch gegen den deutschen Nationalsozialismus ins Feld zieht. Als der Roman 1943, mitten im Krieg, in New York unter dem Titel „The Fifth Seal“ erschien, wurde er vielbeachtet und bekam ihn frenetisch feiernde Rezensionen. Für die damalige Zeit sprach Mark Aldanow offene Worte.
Zum Inhalt:
Vier alternde Männer ziehen Resümee, philosophieren, politisieren und denken über ihre Vergangenheit nach und vage an ihre Zukunft, da ihnen schwant, dass davon nicht viel übrig bleibt. Kangarow ist ein Diplomat, der sein Mäntelchen nach dem Wind hängt und mit unklarer Order von Moskau nach Paris geschickt wird. Gleichzeitig fungiert er als Botschafter in einem nicht näher erklärten, daher fiktiven kleinen Königreich. Im Ausland liest er in den französischen Zeitungen mit Entsetzen von den in Moskau begonnenen stalinistischen „Säuberungen“, die nicht vor Lenins einstigen Kampfgenossen haltmachen.
Auch Wislicenus, ein Berufsrevolutionär, von dessen Revolutionsgeist nicht viel übrig geblieben ist, um nicht zu sagen gar nichts, fürchtet, von diesen Säuberungen erwischt zu werden. Doch Tamarin, ein alternder General, weiß, dass der Soldat beziehungsweise das Militär immer gebraucht werden wird, ganz gleich, welche politischen Ziele oder Ideale die obersten Heeresführer im Sinn haben mögen. Ihn verschlägt es in einer letzten Mission in das vom Bürgerkrieg erschütterte Spanien.
Ein in Paris gockelnder alter Schriftsteller, weit in seinen Siebzigern, Monsieur Vermandois, einst berühmt, muss jedem nach dem Mund reden, um seine nicht mehr so beliebten Schriften unters Volk zu bringen, er muss mit den Wölfen heulen, um seinen Lebensstandard aufrechterhalten zu können. „Wenn man unter Wölfen ist, muss man mit den Wölfen heulen“, das ist eigentlich der Leib-und Magenspruch des Diplomaten Kangarow, aber er trifft viel mehr auf den Schriftsteller zu. Denn verlegt, veröffentlicht und bezahlt zu werden hängt nicht nur mit der Qualität seines Schaffens zusammen, wie er wohl weiß, sondern vor allem mit seinem sozialen Status. Eine letzte Lesereise ist ein Fiasko, er scheint finanziell am Ende, da erhält er ein verlockendes Angebot aus Russland.
Der Kommentar und das Leseerlebnis:
Die geneigte Leserin braucht eine geraume Zeit, um im Roman richtig anzukommen und mit den Figuren warm zu werden. Sie erscheinen eben doch aus einem anderen Jahrhundert, daher gestelzt und geziert in ihrem Auftreten und ihrer Redeweise und sie haben den Blick stets auf sich selbst gerichtet; außerdem sind sie sich überraschend ähnlich und verfügen über wenige individuelle Züge. Sie sind auch nicht als Charakterbilder gedacht, sondern stehen für ihren Stand. Militär. Politiker. Berufsrevolutionär.
Mark Aldanow flicht in die Reden und Diskussionen der alten Herren gefühlt flächendeckend die französische und russische zeitgenössische Kultur ein, wovon zahlreiche Fussnoten zeugen. Wer sich also in der Kultur/Literatur des 19. Jahrhunderts und des gerade angehenden 20. Jahrhunderts zu Hause fühlt, wird viele alte Bekannte treffen oder, wenn er sich dort nicht auskennt, viele Hinweise erhalten, denen er bei Bedarf nachgehen kann. Diese Verweise und Fußnoten finde ich interessant. Dem damaligen Leser waren diese Bezüge freilich aus dem Effeff bekannt. Er brauchte keine Fußnoten, die Zeitgenossen verstanden jede Anspielung. Vorteil oder Nachteil? Leider doch ein Nachteil für den heutigen Leser.
Der Roman ist eigentlich handlungsarm und spult sich undramatisch ab. Der Fokus liegt auf den politisch-philosophischen Diskussionen aller mit allen, wobei der Schriftsteller Vermandois derjenige mit den klarsten und erhellendsten Gedanken ist, aber auch derjenige, der die längsten Monologe hält. Er erklärt dies sich selbst und seiner Zuhörerschaft damit, dass er schließlich zu den gesellschaftlichen Events eingeladen wird, um zu parlieren, er ist also eine Art Gesellschafter. Zu den heutigen Partys lädt man ein oder zwei extrovertierte Spaßvögel oder Ulknudeln ein, die Stimmung machen, damals jemanden, der geistreich parlieren kann – und das tut Vermendois: er kaut mir ein Ohr ab.
Das Undramatische, Unaufgeregte hat zwar auch einen gewissen Sog, aber das Gedankengut der vier Herren allein kann heute keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervorlocken. Wir wissen heute eben all das, was Mark Aldanow damals kaum zu denken und auszusprechen wagte.
Ich bin deshalb geneigt, „Mehr Drama, Baby“ hineinzurufen in den Roman, weiß aber, dass meiner Aufforderung kaum Folge geleistet werden wird. Oder vielleicht hat Aldanow aus der Zukunft meinen Ruf doch gehört, denn er schreibt eine Mörderposse in den Roman. Ein sehr junger Mann plant den perfekten Mord. Obwohl man mir sagt, dass diese „Novelle“ im Roman spezifisch russisch ist, eine Hommage an Dostojewski, der beschriebene Attentäter soll ein Aldanowscher Raskolnikow sein, bleibt dieser Mord plus Prozess meines Erachtens ein Fremdkörper im Text. Dostojewski ist sowie so nicht mein Fall.
Zu meiner großen Überraschung erweist sich am Ende der eitle Gockel Vermandois als einziger Held, fast wider Willen. In einer Gemengelage von Trägheit, Dummheit, Scharfsichtigkeit und Idealen, ist er der einzige, der fast ständig gegen seine eigenen Interessen handelt und endlich sogar die Fahne der Tugend hochhält. Vivat auf die Literatur! Ob sich Aldanow mit Vermendois identifizierte?
Das Vorwort des Romans ist wuchtig, das Nachwort informativ. Aber ich bewerte den Roman, nicht sein Zubehör.
Der Roman „Der Anfang vom Ende“ ist ein hochwertig komponierter Roman, das schon, der jedoch aufgrund seiner plakativen Figuren und seiner rein auf die Vergangenheit bezogenen politisch-philosophischen Dialoglastigkeit, heute nicht mehr punkten kann und quasi überholt ist. Sowohl über den Nationalsozialismus wie auch über den in der Sowjetunion praktizierten Kommunismus, wissen wir schließlich Bescheid. Auch die Handlungsarmut und der weitgehende Verzicht auf dramatische Effekte sind unmodern. Als literaturgeschichtliches Zeitzeugnis bleibt der Roman jedoch zeitlos und wertvoll.
Kategorie: Exilliteratur.
Verlag: Rowohlt, 2023