Die Debatte um die Gestalt einer Wissensgeschichte des neuzeitlichen Europa bedarf der Korrektur. Es ist an der Zeit, endlich auch die prekäre Seite zu beleuchten: die Unsicherheit und Gefährdung bestimmter Theorie- und Wissensbestände, den heiklen Status ihres Trägermaterials, die Reaktion auf Bedrohung und Verlust, das Risiko häretischen Transfers. Martin Mulsow begibt sich auf die Spur dieses prekären Wissens mit dem Ziel, es in seiner Bedeutung für den Prozess der europäischen Wissensgeschichte zu rehabilitieren. In materialreichen Fallstudien, die den Zeitraum von der Renaissance bis zur Aufklärung umspannen, präsentiert er die Taktiken, die Intellektuelle ersonnen haben, um mit diesen Fährnissen leben zu können, ihre Rückzugsgesten, ihre Ängste, aber auch ihre Ermutigungen und Versuche, verlorenes Wissen wieder zurückzugewinnen. »Prekäres Wissen« handelt nicht von den großen Themen der Metaphysik und Epistemologie, sondern von Randzonen wie der Magie und der Numismatik, der Bibelinterpretation und der Orientalistik. Es geht nicht nur um Theorien, sondern auch um Furcht und Faszination, nicht um die großen Forschergestalten, sondern um vergessene und halbvergessene Gelehrte. Es ist ein Buch voller spannender Geschichten, eine andere Ideengeschichte der Frühen Neuzeit und zugleich der ambitionierte Versuch, den Begriff des Wissens selbst im Zeichen des »material turn«, des »iconic turn« und der Kommunikations- und Informationsgeschichte neu zu denken.
A dense history of what the author refers to as the "precariat," intellectuals identified with or committed to the preservation of "precarious"--often forbidden or politically risky--knowledge. Through a sequence of case studies intended to triangulate around, rather than resolve or develop a thesis concerning the concerns, Mulsow examines situations in which knowledge could be put at risk or sometimes lost. Some involve the physical form of the knowledge, some its transmission through unreliable networks, some the difficulty of maintaining the cultural literacy needed to decode masked statements. The emphasis is on European, primarily German, cases, but the ideas resonate broadly with my interests in African American and indigenous cultures. Provocative more than definitive, but I'll keep it in my mix.
Weniger eine Ideengeschichte, als eine Geschichte der Voraussetzungen von Ideengeschichte.
Im Fokus stehen vorwiegend Gelehrte aus Deutschland vom Ende des 17. Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts, deren Ideen im Gegensatz zur kirchlichen Orthodoxie und der Schulphilosophie standen. Dabei vermischen sich in die Zukunft weisende rationalistische Ansâtze wie historische Kritik mit gnostischem und mystische Gedankengut. Grundkenntnisse dieser Ideen setzt Mulsow jedoch voraus, denn im Fokus stehen Wege der Kommunikation, Fragen des Veröffentlichen ü d Verbergen, Verfolgung und wirtschaftliche Unsicherheit, und nicht zuletzt die "Rollen" in denen die Protagonisten agierten, um Unsagbares doch sagen zu können. Ein weiteres wichtiges Thema ist die Bedeutung von Bildern für das Denken, ein Aspekt der Mulsow zufolge zugunsten einer eindimensional Ausrichtung auf Texte vernachlässigt wurde. In diesem Zusammenhang steht einer Ausflüge aus dem engeren deutschen Kontext, nämlich die Widerspiegelung metaphysischer Spekulationen in den Werken des venezianischen Malers Pietro della Vecchio. Der andere geographische Exkurs betrifft die Anfânge der Numismatik unter Ludwig XIV.
Leider ist das Einstiegskapitel über intellektuelle Rollenspiele völlig konfus geraten, Theoretisches, allgemein Historisches und Verweise geraten durch einander. Zwar erschließt sich manches bei der späteren Lektüre, das entschuldigt die verwirrende Gestaltung jedoch nicht. Ein weiteres Manko: Zuweilen begnügt Mulsow sich mit Namedropping statt theoretische Positionen darzustellen. Beide Aspekte trüben das Gesamtbild jedoch nur wenig.
Leider hat das Buch keine Literaturliste, vollständige bibliographische Angaben finden sich nur in der ersten Endnote (und Endnoten sind eh eine Unsitte).
Die Gedanken sind frei. Und: Wer kann sie erraten. Rückblickend stellt sich uns häufg nur ein Ausschnitt dar, das, was wir sehen wollen oder vor uns andere sehen wollten. Ein etwas anderer Blick auf die Geschichte der frühen Neuzeit und auf die Übermittlung von "Wissen", insbesondere von "prekärem Wissen", aso Vermittlung von Inhalten jenseits der zeitgenössischen Hegemonien und unter den damaligen infrastrukturellen (!) Bedingungen, bietet dieses Buch. Unbedingt lesenswert.