Lesenotizen
Titelerzählung: THE SALIVA TREE
Ein interessantes Konzept; Aldiss schreibt eine "historische SF-Erzählung", die in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts angesiedelt ist. Die Ausgangssituation ist angelehnt an HPLs FARBE AUS DEM ALL, zeitlich dem Vorbild jedoch drei Jahrzehnte vorausgehend. Nachdem die klassische SF durch die technische Entwicklung in Sachen "science" ohnehin überholt ist, warum nicht bewusst eine Story ansiedeln in einer Zeit, in der die Elektrifizierung im ländlichen Osten Englands noch Zukunftsmusik ist? Gregory Rolles, der Hauptprotagonist und sozialistischer Naturalist, ist ein junger Mann, der trotz seiner Bildung in vielem naiv wirkt. Er ist ein Bewunderer H.G. Wells, der seine Interessen - Literatur und Wissenschaft - verbindet. Als ein Meteor in einem Teich auf Grendons Farm bei Cottersall, zwischen Marsch und den Fenlands, landet, entzündet sich seine Begeisterung. Stammt der Himmelskörper von einem "sozialistischen Stern", wie Rolles Freund Fox ihn neckt? Besser jedenfalls als von einem, auf dem das Evangelium gepredigt wird, entgegnet Rolles.
Die Dinge nehmen ihren Lauf, wie in der Vorlage von Lovecraft. Es ist klar, dass Aldiss zwar auf einen damals schon jahrzehntealten Stoff zurückgreift, der 1927 im Pulp Magazin AMAZING STORIES veröffentlicht wurde, aber eine andere erzählerische Intention hat, die wahrscheinlich mehr will, als nur ein Pastiche sein. Trotz und vielleicht auch wegen des modernen Ansatzes vermittelt SALIVA TREE nicht den stimmungsvollen Horror des Vorbilds und bleibt deutlich dahinter zurück. Es ist schwer zu sagen, wie beunruhigend die Handlung auf einen Leser wirkt, der DIE FARBE AUS DEM ALL nicht kennt, aber bis Seite 50 zumindest wirkt das Jonglieren mit Lovecraft und Wells nicht wirklich überzeugend.
Auf Seite 61 angekommen gefällt mir die Erzählung immer schlechter. Aldiss greift die Grundidee von Lovecrafts kosmischen Horror auf, dass nämlich die Außerirdischen nicht bösartig handeln, sondern schlicht gleichgültig sind gegenüber Mensch und Tier, die ihnen als Nahrung dienen. Erzählerisch und sprachlich liest sich das aber eher wie ein Groschenroman und verdeutlicht, ein wie guter Autor Lovecraft war.
Um Längen zu vermeiden, geht Aldiss den einfachsten Weg: Als die unmittelbare Bedrohung von Mensch und Tier auf der Farm durch die Aurigans dem Höhepunkt zustrebt, lässt Gregory seine geliebte Nancy dort zurück und macht sich auf den Heimweg, nachdem er sie noch mit gutem Ratschlag versorgt hat. So kann Aldiss komfortabel einen Szenenwechsel bewerkstelligen, aber auf Kosten der Glaubwürdigkeit. Gibt es von Anfang an nur eine sehr oberflächliche Charakterausgestaltung, geraten die Personen zu reinen Pappkameraden und Handlungsträgern. Was man den Pulps der 20er Jahre nachsieht, wirkt bei einem Erneuerer der britischen SF in den 60er Jahren nicht überzeugend. Es stellt sich die Frage, ob SALIVA TREE nicht eine Satire auf Lovecraft ist. In BILLION YEAR SPREE schreibt Aldiss über Lovecraft: "Horror, the abnegation of personality, seems to be his only permanent interest. Although horror can make a good literary seasoning if sparingly used, like salt it makes an indigestible banquet". Ein eigenartiger Befund. Was Aldiss rundheraus als "abnegation of personality" bezeichnet, benennt Dietmar Dath sehr viel reflektierter in NIEGESCHCHICHTE mit "Depersonalisationserlebnissen" (77) und kommt zu ganz anderen Schlüssen bezüglich der Qualitat von Lovecrafts Texten.
Liest man in SPREE weiter, wird Aldiss Geringschätzung, ja Abneigung gegen Lovecraft deutlich und Aldiss ergänzt, dass auch Clark Ashton Smith unlesbar sei, ganz anders als August Derleth! Der Anspruch, den Aldiss an Kunst - auch im Genre - richtet, kehrt sich hier gegen ihn selbst.
Auch das Element des Sozialismus, das wohl auf H.G. Wells verweist, ist nicht aufschlussreich und hat kaum Relevanz für die Story und wartet mit Platitüden auf: Grendon, der Farmer und Nancys Vater, "(...) just isn't imaginative enough to see what he can do but carry on working as hard as possible."