Ich gestehe, dass ich bis jetzt kein Buch von Håkan Nesser gelesen habe. Im Nachhinein betrachtet ist das vielleicht sogar von Vorteil gewesen bei diesem Buch. Ich weiß, dass er eigentlich als wichtiger Krimiautor gilt, aber diese Geschichte ist kein Krimi und auch kein Thriller. Es steht ja auch Roman drauf. Unter dem Schutzumschlag steht sogar etwas ganz anderes, sodass ich kurz dachte, ich hätte das falsche Buch in Händen! Da steht STEVEN G. RUSSELL »Bekenntnisse eines Schlafwandlers«. Ein Blick auf dem Buchrücken bestätigt, dass ich doch das richtige Buch habe.
Das Buch ist in 6 ungleich lange Teile aufgeteilt. Die Hauptfigur ist der 70 jährige Leonard Vernim. Er ist an Krebs erkrankt und weiß, dass seine Tage schon gezählt sind. Es gibt aber in meinen Augen eine zweite Figur, die eine Hauptrolle spielt; Lars Gustav Selén. Im zweiten Teil des Buches verfolgen wir ausschließlich diese beiden Personen in der Zeit von 1968 bis 1971. Das Buch beginnt im Jahr 2010 und Leonard erzählt aus der Ich-Perspektive. Es gibt eigene Kapitel mit einem »Gelben Notizbuch«. Dieses Buch hat Leonard in der Zeit ab 1968 geschrieben, also auch aus seiner Perspektive.
Wir verfolgen aber auch verschiedene andere Personen; Maud, die Lebensgefährtin von Leonard; Irina und/oder Gregorius, die Zwillinge von Maud und »Stiefkinder« von Leonard; Milos Skrupka aus Manhattan, Carla und natürlich Lars Gustav Selén. Jede Figur hat seine eigenen unverwechselbaren Charakterschwächen, sei es als Sauberkeitsfanatiker, als Alkoholiker oder mit der Unfähigkeit sich sozial zu integrieren. Die Ereignisse um diese Personen werden aus der Perspektive des Erzählers geschildert. Wir springen in der Zeit von 2010 zurück in die späten 60er bzw. frühen 70er Jahre.
Das Lesen dieses Buches erfordert schon einiges an Konzentration, wenn man den Faden nicht verlieren will. Manches passiert parallel, vieles passiert 20 bis 40 Jahre in der Vergangenheit. Die Geschichte ist anspruchsvoll, intelligent aufgebaut und entbehrt nicht einem gewissen Wortwitz. Es ist sehr mystisch und rätselhaft. Bei gewissen Figuren kann man sich schon das eine oder andere denken, bei anderen Figuren rätselt man sehr lange, weil kein erkennbarer Zusammenhang besteht. Jeder, der im Jahr 2010 in London ankommt, liest irgendwann ein Artikel über den »Watch Killer« in der Zeitung. Er mordet munter weiter während dieser zwölf Tage bis zur Geburtstagsfeier von Leonard.
In diesem Buch wird viel gelesen und viel geschrieben! Die Spannung hält sich meistens in Grenzen, da und dort steigert sie sich, aber nie so, dass man das Buch nicht weglegen könnte. Es ist kein actiongeladener Agententhriller, sondern ein geheimnisvoller, rätselhafter Roman. Manche Kapitel sind sehr philosophisch angehaucht und etwas zu langatmig. Das merke ich daran, dass meinen Gedanken abschweifen und ich den Absatz ein zweites Mal lesen muss. Wie ein Film mit überflüssigen Szenen zieht sich das Ganze etwas zu sehr in die Länge für meinen Geschmack.
Ich hatte schon vorher bereits einige Rezensionen gelesen und gemerkt, dass viele Leser sehr enttäuscht waren. Da kommt mein Vorteil, noch kein Buch von Nesser gelesen zu haben, ins Spiel denke ich. Ich hatte keinerlei Erwartungen an den Autor und konnte somit nicht enttäuscht werden. Wie gesagt, es steht nicht Kriminalroman oder Thriller auf dem Buch, sondern nur Roman. Am Ende des Buches habe ich zwar herzhaft gelacht, aber das Ende selbst als unspektakulär empfunden. Keine uneingeschränkte Leseempfehlung.