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Moor

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Er ist dreizehn und wächst ohne Vater auf. Er stottert und heißt wie kein anderes Kind im Dorf, in der Schule: Dion. Dion Katthusen, Außenseiter unter den Gleichaltrigen, Einzelkind, Libellensammler in einer Moorlandschaft voller Mythen und Legenden. Am Ende seiner Kindheit erzählt er seine Geschichte: von der Sehnsucht nach einer intakten Sprache, vom Verhältnis zu seiner Mutter, einer erfolglosen Malerin, die ihr Scheitern in der Kunst und im Leben mit ihrer grenzüberschreitenden Liebe zum Sohn kompensiert. Doch wie der morastige Boden am Rand des norddeutschen Dorfes, in dem er aufwächst, ist auch Dions Sprache voller Löcher und Spalten. Unfähig, erzählend das Chaos in ihm und um ihn zu ordnen, leiht er seine Stimme einem Gegenüber, das ihm von allen am nächsten scheint: seiner Kindheitslandschaft. Und lässt so das Moor für ihn sprechen.

441 pages, Hardcover

First published September 1, 2013

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Gunther Geltinger

4 books7 followers

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Displaying 1 - 10 of 10 reviews
Profile Image for Stefanie.
102 reviews9 followers
January 14, 2016
Eine erschreckende und faszinierende Mutter-Sohn-Verstrickung - ein Roman von ebenso lyrischer wie realistischer Kraft.
Da ist ein stotternder einsamer Dreizehnjähriger, Dion, der sich den Libellen im Moor stärker verbunden fühlt als den Gleichaltrigen, der sich in Naturbetrachtungen und schaurige Märchenwelten flüchtet und reale Begegnungen mit Phantasien auflädt. Und da ist seine junge, alleinstehende Mutter Marga, lebens- und liebeshungrig, die sich mehr erträumt hat als im Dorf zu stranden, die Künstlerin sein möchte und femme fatale, aber doch nur verzweifelt ist bis zum Wahnsinn und zur Tablettensucht und anschaffen geht.
Wie sie aneinander hängen, wie Marga sich an ihrem Sohn, den sie oft als Klotz am Bein empfindet, tröstet, ihn zum Gefährten machen will in ihrer Wildheit und dabei Grenze um Grenze überschreitet, das erfährt man nur fragmentarisch, und schon das ist beklemmend genug. Wo die Handlung verstörend wird, wo die Sprache versagt, nicht nur die des Stotterers, sondern wo sprachlich Unfassbares geschieht, da löst die Natur in ihrer geballten Ausdrucksstärke die Verstummenden ab, übernimmt die Erzählung über weite Passagen. Das Moor, der Sturm, das Feuer, das Meer, sind nicht bloß Metaphern, sie sind Beobachter, Ratgeber, Akteure, Strippenzieher, die Naturgewalten lenken und erklären dem verwirrten Dion das Geschehen - verborgenen für die anderen Menschen, die nicht hinsehen, allmächtig für den Betroffenen.

Zunächst von der zerbrechlichen Pfarrerstochter Tanja, dann aber doch immer stärker vom älteren, halbstarken Bauerssohn Hannes angezogen, sucht Dion den passenden Empfänger für seine erwachenden sexuellen Sehnsüchte. Der Mann, den Marga irgendwann anschleppt, auf dem kurz die Hoffnungen als Ersatzvater und Glücksretter liegen, kann und will all das, was längst im Argen liegt, nicht aufräumen. Missverständnisse, Abweisungen, Entäuschungen, Verletzungen, Verrat, Gewalt, Unfall, Suizidversuch, dramatische Wendungen allenthalben. So fließend Gunter Geltinger die Grenzen zwischen Mutter und Sohn beschreibt, zwischen Trost und Missbrauch, so undeutlich ist auch die Grenze zwischen Realität und Phantastischem. Welche Szene Angst-, welche Wunschtraum und welche Erinnerung ist, bleibt im Nebulösen. Viel später wird Dion vor alledem flüchten und schreiben, um zu verarbeiten, und dabei selbst das Meiste in Frage stellen.

Ein berührender, erschütternd, wortgewaltiger Sog ab den ersten Seiten. Ein anspruchsvolles Buch mit komplexen Figuren und einer verschlüsselten Handlung, auf das man sich einlassen muss, wenn man es in seinen Tiefen erfahren möchte. Dann schwingt die Lektüre lange nach.
Profile Image for Klaus Mattes.
713 reviews11 followers
December 26, 2024
Ein fiktives Dorf im Moor in Norddeutschland und Hamburg, siebziger und neunziger Jahre. Genre: naturmystisch überhöhtes Sprachgewitter um die problematische Beziehung eines 13-Jährigen zu seiner gestörten Mutter.

Da bin ich nun sehr enttäuscht. Nach Geltingers erstem Buch, „Mensch Engel“, in dem er sich als angestrengter, sich selbst unter Druck, sein Satzbaugenie ausspielen zu müssen, setzender junger Schwuler in Köln vorgestellt hatte, war ich überzeugt, dass er ein Ausnahmetalent ist und auf eine große Karriere zusteuert. Aber jetzt! Man nennt solche Großwerke dann gerne „grandios gescheitert“, bezeugt seinen Respekt vor der unerbittlichen Härte eines Autors gegen sich selbst, bemäntelt allerdings, dass so was eigentlich niemand unumwunden mögen kann. Sagen wir es offen, vor allem geht es uns extrem auf den Wecker!

Man versteht auch nicht, was den am Main und in den siebziger Jahren Geborenen, in Wien zum Filmautor Ausgebildeten, dazu motiviert haben könnte, eine Art norddeutscher naturgeistgesättigter Saga über Mutter und Kind zu weben, die direkt bei der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts ansetzt, bei Friedrich de la Motte Fouqués „Undine“, Storms „Schimmelreiter“, Büchern von Annette von Droste-Hülshoff und Wilhelm Raabe. (Auf die Longlist zum Raabe-Preis wurde er danach gesetzt.) Im Unterschied zu all den Genannten erzählt der Roman aber keine spannende, leicht zu fassende Geschichte, sondern scheint eher einen Vorwand für Geltingers höchst merkwürdige und schwer lesbare Kapriolen mit der deutschen Sprache abgeben zu müssen. Einer, der offenbar auch nicht weiß, was hier geschehen könnte, ist wild entschlossen, per Spracharbeit eine auktoriale Größe zu statuieren, die er vielleicht schlicht nicht hat. Gunther Geltinger schenkt sich nichts. Und dem Leser ebenfalls nicht.

Umkreist werden gut 400 Seiten lang eigentlich immer nur zwei Figuren: der pubertierende Dion Katthusen und seine Mutter Marga, die außerhalb des Dorfs am Rand eines Moors leben, das sich, was so gar nicht möglich wäre, links von der Elbe, in Nachbarschaft zur Strecke des Regionalzugs zwischen Hamburg und Bremen, aber doch 100 Kilometer von Hamburg entfernt befindet. Also so in etwa die geistige Schnittmenge aus Worpswede und den Emsland-Mooren. Marga ist eine Fremde und wird von den Leuten des Orts als Übergeschnappte und Schlampe wahrgenommen. Tatsächlich hat sie, wie wir dann erfahren, lange in einem Hamburger Puff gearbeitet, der sich den Anstrich einer edlen Schneiderei mit besonders zugewandten Näherinnen zu geben pflegte. Dions Vater hat sie dort herausgeholt, geheiratet und ins Dorf mitgenommen. Er ist aber schon lange tot und schon die vor das eigentliche Buch deponierte kleine Sage legt den Gedanken nahe, es könnte ihn nie gegeben haben, vielmehr sei Dion der Ehe von Marga mit dem Geist des Moors entsprungen. Er hat auch sein Wappentier: die Libelle. Und der Erzähler ist niemand anderer als das Moor, das Dion dessen eigene Geschichte erzählt. Darum ist auch das Buch in diesem Du-Ansprache-Ton verfasst, an den ich mich nie gewöhnen konnte. (In „Mensch Engel“ hatte er das partiell; ich hoffe, er lässt es irgendwann.)

Hier hättest du etwas sagen müssen. Erzählen, dass sie das Zeug schon seit Jahren schluckt und wie es auch dich schon hat schwanken und kippen lassen. Doch in deiner Kehle kein Wortstau, nicht einmal ein quersitzender Konsonant, nur die Zunge stocherte in der Zahnlücke, als du unter Anwendungsgebiete noch einmal die Gründe gelesen hast, warum Marga mit allem hat Schluss machen wollen, und fast erleichtert gewesen bist, dass dort jetzt nicht dein Name stand, doch auch das eher eine Idee von heute als der tatsächliche Gedanke des Kindes, der hilflose Versuch eines Schlaglichts in einem Tunnel aus Stummheit und Angst.


Nein, ich kann nicht trösten! Es ist im Grunde immer so, gut über 400 Seiten lang. Man sieht schon hierbei die Länge und Verschlungenheit von Sätzen, mit denen man sich wird abfinden müssen. Und nein, es wird nie was deutlicher, wenn es zum allerersten Mal auftaucht. Man muss sich das ständig zusammenreimen, aber nach zig Seiten, wenn man sie nicht gleich vergisst, kommt natürlich etwas Zusatzinfo zusammen, sodass ich jetzt weiß, dass die „Anwendungsgebiete“ aus einem Beipackzettel stammen, weil Marga, die eine bipolare Störung hat, schwer medikamentenabhängig ist. Und sie wird ihren Suizid fast vollenden und somit die Absicht an den Tag legen, ihren Jungen allein im Moor zurückzulassen, bzw. ihn ihm zurückzugeben. Der große Unfall – und anschließend brennt dann noch das Moor ab – passiert allerdings erst, nachdem sie den 13-Jährigen gezwungen hat, in ihrer Hand zu ejakulieren – und ihn sich nackt ins Bett zwischen sich und den Künstler aus Hamburg gelegt hat, den sie der Galeristin abspenstig gemacht hat.

Marga malt seit Jahren verzweifelt und komplett erfolglos. Fast immer nackte Kinder im Moor, also den Sohn Dion. Dion liebt sie zwar, merkt dann aber auch mal geschlechtliche Lust und die bezieht sich zuerst auf ein Mädchen mit Glasknochenkrankheit, dann auf seinen Cousin Johannes, einen Mofa-Fahrer, wir sind in den siebziger Jahren, der ihn seinerseits als Schwuli abkanzelt und schlägt.

Wie die Freskenmaler in „Tagwerken“ scheint Geltinger in fast immer etwas mehr als eine Druckseite umfassenden Abschnitten gearbeitet zu haben, zwischen denen es schon mal auch einfach nur weitergehen kann, meistens aber springt es herum. Das Buch spielt nämlich auf zwei Zeitebenen, in der zweiten, den neunziger Jahren, ist aus Dion ein schwuler Schriftsteller geworden, der aus dem Drama seiner Mutter einen erfolgreichen Roman gemacht hat. Die Mutter, aus der Stationären und den ihr folgenden Therapien entlassen, ist schwammig geworden, zurück nach Hamburg gegangen und hat dort eine Art inzestuöses Nachspielen ins Werk gesetzt. Sie findet einen wesentlich jüngeren Mann, der auf viel ältere Frauen steht und erst mal gar nicht kann mit ihr, weil sie noch so jung wirkt. Nach Jahren klappt es dann doch noch, als sie sich in die Omakleidung einer sterbenden Nachbarin hüllt.

Und so weiter und so fort. Es ist andauernd was los in diesen überladenen, flackernden Sätzen. Es wirkt, als habe er sich jeden Tag ein bisschen mehr zur Ausgangslage hinzu erfunden. Man fragt sich, wie er das nach Monaten überhaupt noch zusammenhalten konnte, stellt auch einen merkbaren Rückgang der Sprachabenteuer bei gleichzeitiger Zunahme des Storycharakters nach gut 200 Seiten fest. Mal redet das Du sagende Moor im Präsens, mal im Präteritum. Es tut sich immer wieder was. Aber meistens so was wie die in der Lücke stochernde Zunge (oben im Zitat) oder die in der Kehle blockierten Konsonanten. Dion ist Stotterer. Sie sind beide so dermaßen das Außenseiter-Paar. Das Blech des Gepäckträgers schneidet die Haut entzwei, die Zweige peitschen ins Gesicht. Und immer so weiter. Es ist viel los. Immer werden sie gehetzt, diese Einsamen, dennoch scheint es 400 Seiten lang nie wirklich von der Stelle zu kommen und eine Art Stilübung zu bleiben. Wieso lese ich so was? Ich wusste es schließlich wirklich nicht mehr. Durchhaltewille offenbar, wie beim Autor. Ich habe so viel schon geschafft, da werde ich doch jetzt nicht aufgeben!

Dabei hatte ich mich bald nach dem Anfang schon gefragt: Was soll das je noch werden? Eine Sache, die in einem bestimmten Land und einer bestimmten Zeit spielt, nämlich der BRD der siebziger Jahre. Genauso aber ganz woanders sein könnte, weil es vor allem auf den Mythos-Aspekt ankommt. Wie Kirke und die zu Schweinen verwandelten Männer. Wie Merlin und das aus dem Stein ragende Schwert. Nein, keine Russen, Bundeswehr, Zonengrenze, Kaufhäuser, InterCitys, Atomkraftwerke, Milky Ways, Friedenszeichenanhänger, Wildlederfransenjacken, wahre oder betrogene Liebe, keine Schießereien und Sexpuppen, keine Spliffs, sondern: Mythos, Pathos, Größe, Donner. Natur und Tod und Mutterschaft als Verzweiflung, schwul Werden als Passion eines von der vergötterten Mutter missbrauchten Knaben. Was sollte das noch werden? 21. Jahrhundert und eine Fantasie über einen Jugendlichen und seine mental beschädigte Mutter! Das geht nie und nimmer auf, dachte ich schon da.
Und am Ende dachte ich das leider noch immer.
Profile Image for Gavin Armour.
614 reviews128 followers
July 13, 2016
Wer je William Faulkners "Schall und Wahn" las, weiß, wie es ist, wenn man als Leser in eine Sprachsuppe geschmissen wird, die über nahezu einhundert Seiten sich nicht an Chronologie, Zeiten, Zeitabläufe oder auch nur daran hält, wer spricht und zu wem. In Gunther Geltingers Roman MOOR werden wir auf den ersten (und vielleicht doch entscheidenden) Zweihundert Seiten mit genau einer solchen Sprachsuppe konfrontiert. Der dreizehnjährige Dion begegnet uns, der mit seiner Mutter im Moor irgendwo um Hamburg herum lebt, der Vater tot, von den Dorfbewohnern schief angesehen. Dion stottert, und zwar schwer. Er ist ein Kenner des Moores, er ist vor allem ein Kenner der Libellen und ihres Lebens, ihrer Fortpflanzung, ihrer Ernährung, ihres Zyklus, der etwa ein Jahr umfasst, inklusive des Larvenstadiums. Dion weiß um ihre Augen, die als Facettenaugen nicht nur die Welt tausendfach fragmentiert sehen, sondern auch eine vollkommen andere Zeitwahrnehmung suggerieren. Und so wird das Buch formal gestaltet von diesen Parametern: Zeit und Blickwinkel können sich ununterbrochen ändern, neu ausrichten, gedehnt oder verdichtet werden. Dion, so erfahren wir anfangs des Buches, soll ein Referat über diese Insekten halten und er weiß, daß er es nicht wird halten können, aufgrund seiner Sprachstörung. Und als er vor der Klasse Tanja trifft, die unter Osteogenesis imperfecta - also der Glasknochenkrankheit - leidet, weiß diese schon aus seinem Blick, daß er die Schule fliehen wird. Und seine Mutter, die ununterbrochen mit dem eigenen, verpfuschten Leben als nicht anerkannte Künstlerin beschäftigt ist, wird ihm keine Hilfe sein.

Die Unterteilung des Buches verläuft in Herbst - Winter - Frühjahr - Sommer, also etwa einem Libellen-Lebenszyklus folgend, wobei das Auftaktkapitel "Herbst" den Großteil der Erzählung einnimmt, die nachfolgenden Teile - etwas zugänglicher geschrieben - wie Fußnoten, Nachschübe, Epiloge wirken (und der abschließende, nur wenige Seiten umfassende Teil "Sommer", auch wirklich nur noch als Epilog zu lesen ist). Jedes dieser Kapitel wird von einer zentralen Szene bestimmt, wobei es, wie im ersten, lediglich der morgendliche Badegang der Mutter im Moorteich sein kann, den Dion begleitet. Aus der geschilderten Szene leiten sich dann lange Gedankengänge, Reflektionen, Erinnerungen und Beschreibungen ab, die uns weit und tief in das Beziehungsgeflecht dieser beiden - Mutter und Sohn - hineinführen, und je tiefer wir dort hineingezogen werden, desto mehr verlieren wir den Grund unter den Füßen, gerade so, als suchten wir uns einen Weg durch sumpfiges, morastiges Gelände. Und sumpfig-morastig ist das, worauf wir stoßen allemal. Da wird uns berichtet von einer Dorfgemeinschaft, in der Außenseiter wenig zu lachen haben, berichtet wird uns in raunendem Ton von einer Mutter-Sohn-Beziehung, die durchaus bis ans Inzestuöse heranreicht, berichtet wird uns, wie Verletzte und Beschädigte auch in ihrer Verletztheit und der Beschädigung nicht bereit sind, einen menschlichen Blick auf die anderen zu richten. Fast jeder hier schaut auf andere nur aus dem Blickwinkel dessen, der Bestätigung sucht, oder einen Moment der Ablenkung, ein Spiel oder Anerkennung. Und mitten in diesen Dramen der Wirklichkeit, des Alltags, versucht Dion, erwachsen zu werden, versucht zu verstehen, was mit ihm geschieht, versucht seine Träume und Wünsche (einmal richtig sprechen, einmal eine richtige Familie, einmal eine verlässliche Mutter) im Zaum zu halten. Und sich seiner Sexualität bewußt zu werden, die sich einerseits auf die zerbrechliche Tanja fokussiert, andererseits auf seinen Cousin Hannes, der diese Tanja freien darf. Und die eigentlich Besitz seiner Mutter ist, die ihn wieder und wieder malt - nackt, anstelle eines Genitals eine aufragende Libelle - ihn verführt, berührt und damit auch versucht, eine Unschuld wieder zu erlangen, die ihr der Job in einem "besseren" Bordell im Hamburger Rotlichtbezirk aufs Grausamste längst genommen hat.

Dion will uns berichten und wir erfahren lapidar von einer viel älteren Mutter in einem der späteren Kapitel, daß ihm das in einem Buch, also im Schriftlichen, auch gelungen ist. Doch um uns, den Lesern dieses Buchs, von seinem Leben zu erzählen, überantwortet er die Sprache einem vermeintlich "objektiven" Erzähler, einem Erzähler, der daliegt, ewiglich, unbeeindruckt von allem, was um ihn herum oder gar IN ihm passiert - dem Moor. Und das Moor ist ein Erzähler ohne Gnade, Mitgefühl oder zeitlicher Auffassung. Das Moor erzählt alles und alles zugleich, denn in ihm sind die Dinge meist in Sedimenten übereinander gelagert, nicht nach- oder hintereinander. So hat man es als Leser hier mit einem Textkonvolut zu tun, das sperrig ist, wenig Interesse an einer spannenden Geschichte oder einzelnen Szenen, gar Dialogen hätte, sondern das teils assoziativ, springend, teils sich ergänzend in zeitlich weitauseinanderliegenden Begebenheiten berichtet, distanziert gegenüber den geschilderten Schicksalen und letztendlich auf einen Kulminationspunkt hinauslaufend, der wahrscheinlich seit Mitte des Buches feststeht und unumgänglich gewesen sein wird. Doch ist es diesem Textgewinde weniger um Story, Charaktere oder Szenerie zu tun, mehr um Atmosphäre und ein Gespür für die Landschaft, sowohl die des Moors selbst, als auch die inneren Landschaften dieser darin Lebenden, ihr Leben Fristenden.

In diesen Beschreibungen, so der zunehmende Eindruck während der Lektüre, sind das eigentliche Thema dieses Buches. Sprachlich in das scheinbar Un- oder Vorsprachliche vorzudringen, sprachlich das Blubbern des sämigen Moorwassers, das Aufsteigen der Sumpfgase, das Schwirren der Insekten, sprachlich die Stille über der sumpfigen Weite zu erfassen - das sind die Anliegen dieses Buches. Man muß sich einlassen auf diesen Text, er ist schwierig, er ist sperrig, er ist das Erzählte, er offenbart wenig Geheinisse, wenig Plot, keine Spannung. Er legt sich selber offen, Seite für Seite, Zeile für Zeile, Wort für Wort.

Trägt das? In den deutschen Feuilletons tobte im Winter und Frühjahr 2014 ein Streit darüber, wie deutsche Literatur sei - nämlich provinziell, mittelständisch, ohne echte Relevanz - und wie es seien sollte - nämlich politisch, gegenwartsbezogen und eben dies: relevant. Geltingers Text ist sicherlich ein umfangreiches Argument für jene, wie Maxim Biller, die die Gegenwartsliteratur als selbstverliebt angreifen. Hier ist sich die Sprache genug, hier wird wenig Bezug genommen auf irgendeinen Wirklichkeit (anhand einiger Textmarkierungen wissen wir zumindest, daß dies alles VOR der Einführung des Euro spielt, das ist allerdings vollkommen irrelevant für das Verständnis des Textes), dafür raunt und wispert diese Sprache oft genug und läßt uns natürlich an Droste-Hülshoffs "Knaben im Moor" denken und daran, daß Moor, Sumpf und Heide dem Menschen schon immer eine Heidenangst eingejagt haben. Daß da immer etwas unter der Oberfläche schlummert, das wir nicht greifen können, daß uns immer etwas bedroht, immer und jederzeit an die Oberfläche stoßen und uns mit einer Vergangenheit oder Teilen unserer selbst konfrontieren kann, das wir lieber versteckt gehalten hätten. Das Moor wird uns so oder so zu einer perfekten Metapher, vielleicht gerade für jene Jahre der Adoleszenz, die uns schrecklich und bedrückend anmuten. Doch muß man auch kritisch genug sein und anmerken, daß das alles eben nicht über 440 Seiten trägt. Irgendwann merkt der Leser, daß auch diese Figuren eben Probleme haben, wie wir sie tausendfach kennen, aus unserer Wirklichkeit ebenso, wie aus der Literatur. Und an dem Punkt, an dem der Leser dies gewärtigt, bekommt der Text ein Problem, denn mit einem Mal ist man sich nicht mehr so sicher, ob das hier eine besondere Form des Erzählens ist oder eine besonders raffinierte Form, zu verbergen, daß man eigentlich nicht viel zu erzählen hat? Doch bevor diese Frage zu drängend wird, hat einen schon der nächste Satz, die nächste gewundene Sprachverwicklung tiefer in das Geflecht des Unterholzes, die Stille des Moors, in den gesplitterten Blick der Libelle hineingezogen.
38 reviews
July 18, 2023
Ein moderner Klassiker!

Ich habe von diesem Buch über ein Youtube Book Haul erfahren und es mir eigentlich nie gekauft, hätte mich die Inzest-Thematik nicht so sehr angesprochen.
Das Buch ist jedoch so viel mehr als nur seine skandalösen Themen.
Die tragische Handlung wird so wortgewaltig erzählt, so habe ich es bisher leider in keinem Buch gelesen. WOW. So müssten meiner Meinung nach Bücher geschrieben sein.
Sehr metaphorisch, künstlerisch und dennoch mit einer Prise Witz erzählt uns der Autor die Geschichte von Dion und seiner Mutter aus der Sicht des Moors. Dieses scheint wie Gott über den Dingen zu schweben, sie zu beobachten und ihr Schicksal zu beeinflussen.
Die Handlung schreitet nur sehr langsam voran, eben weil sich immer wieder in Naturbeschreibungen, Rückblenden, Träumen und Fantasien verloren wird. Das hat für mich das Buch so besonders gemacht: Es steht so viel zwischen den Zeilen, als Leser muss man sich selbst zusammenspinnen, was passiert.

Wow und die Atmosphäre, die Obsession der Mutter,... alles einfach hat mir sehr gut gefallen.
Der einzige Kritikpunkt, den ich habe und das sei vielleicht auch meiner Generation geschuldet, ist, dass das Buch etwas zu lang ist. Definitiv werde ich den etwas kürzeren Debütroman von Gunther Geltinger mir zu Gemüte führen!
Profile Image for Regina.
94 reviews11 followers
November 4, 2018
Dies ist ein gleichermaßen großartig geschriebenes wie zutiefst trostloses Buch. Selten ist das etwas großspurig klingende Wort "sprachmächtig" auf dem Klappentext so zutreffend wie in diesem Fall. Die Sprache, die Beschreibungen entwickeln einen unglaublichen Sog, wiewohl ich eigentlich kein Liebhaber von Landschaftsbeschreibungen bin. Kaum zu glauben, dass ein Buch wie dieses kein sehr viel größeres Publikum findet.
Profile Image for Anna.
4 reviews2 followers
January 8, 2025
extrem guter Roman, aber bin auch komplett verstört davon tbh
Profile Image for Raegan.
12 reviews
June 19, 2025
Interesting storyline, couldn’t finish because of weird themes between mother and son.
1,287 reviews
August 17, 2014
Dit boek kreeeg ik van Sabine. Zij kent de schrijver. Ik heb geen idee of het al vertaald is, maar zo ja, dan moeten jullie het zeker lezen. Het gaat over en wordt grotendeels verteld door een 13 jarige jongen, die stottert en bij zijn moeder opgroeit. De moeder probeert kunstenares (schilderes) te zijn, maar verdient in werkelijkheid de kost in de prostitutie. Zij wonen even buiten Hamburg in een klein boerendorp aan de rand van een moeras, ontstaan door turfafgravingen. De jongen is eenzaam, wordt geplaagd op school en brengt de meeste tijd door in het moeras met het bestuderen van de verschillende soorten libellen. Het verhaal is knap geconstrueerd en wordt door steeds andere stemmen verteld: de jongen, zijn moeder,een klasgenote, maar ook : de wind, het moeras, de zee. Het is een uiterst somber geheel,maar zo mooi verteld, dat je het bijna in een adem uitleest.
Profile Image for Milja.
33 reviews5 followers
April 25, 2020
Das Moor schreibt spannende Geschichten, nur für mich waren die vielen Zeitfenster schwer zu folgen.
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