Tief taucht Kim Stanley Robinson in die Vergangenheit hinab. Zurück in die Zeit, in der die großartigen Höhlenmalereien in Südfrankreich entstanden, als Zeichen des Aufbruchs in eine neue Welt der Zeichen, der Selbstentfaltung und Selbsterkenntnis durch Kunst. Er erzählt die Geschichte von Eistaucher, der als Waise ausgewählt wurde, der Schüler des mürrischen und groben Schamanen Dorn zu werden, der ihn als Sohnes statt angenommen hat. Auch die heilkundige Kräuterfrau Heide, die mit Dorn liiert ist (oder war), hat sich seiner angenommen. Eistaucher fügt sich nur schwer in die Bestimmung ein. Sein Mannbarkeitsritus als Schamane, die »Wanderung«, wird fast zum Desaster, aber er kehrt halbwegs heil zurück. Eistauchers Stärke ist seine Kunstfertigkeit, sein Mal- und Schnitztalent. Auch darin wird er von Dorn unterwiesen, aber er muss auch Geschichten und Zauberformeln auswendig lernen, die er dann zu den passenden Gelegenheiten rezitieren muss.
Eistaucher, der vielleicht zu Beginn der Handlung vierzehn ist, das Alter kann man nicht abschätzen, wird erwachsen, er trifft auf den jährlichen »Acht-Acht-Treffen« beim Tanz das Mädchen Elga, groß und schön, das sich von seiner Sippe im Norden abgesetzt hat. Sie verlieben sich ineinander, und da dies auf den Festen erlaubt ist, haben sie auch gleich Geschlechtsverkehr. Es dauert aber noch eine Weile, bis vor allem die Frauen seiner Sippe sie als seine Frau und ihrer Frauengemeinschaft akzeptieren.
Dann wird Elga von der Sippe der Nordleute, die am Rande des Gletschers leben und von denen sie geflohen ist, entführt. Mit einem Wanderer nimmt Eistaucher ihre Spur auf und wird ebenfalls gefangen genommen. Diese Sippe, die auch Wölfe gefangen und gezähmt hat, hält ihn auch wie ein Tier. Er muss schuften für sie, sinnt aber immer noch auf Flucht, eines Tages ist es soweit und er will natürlich seine Frau mitnehmen. Aber auch Dorn hat seinen Schüler nicht aufgegeben. Gemeinsam mit dem Neandertaler Knacks, der allein in der Nähe der Sippe lebt, bricht er in den Norden auf, um Eistaucher zu befreien. Ihre Flucht zurück ist der dramatische Höhepunkt des Romans.
Mit viel Fantasie und Detailfreude schildert Robinson in epischer Breite das harte und doch vielfältige Leben und den Alltag von Eistaucher und seinem Rudel, der Wolfssippe. Sie leben in einer egalitären Gesellschaft, der Urgemeinschaft, in der die Frauen gleichberechtigt sind. Robinson schildert sie auch als freie, recht tabulose Menschen, in einer fast schon idealen Gesellschaft. Sie wissen viel über ihre Welt, leben aber noch in einer Welt der Mythen und manche wie Heide können mit den Tieren kommunizieren, und leben fast symbiotisch mit ihnen.
Interessant auch, dass zu dieser urgeschichtlichen Welt auch Neandertaler gehören, die Alten. Sie sind nicht generell den Menschen feindlich gesonnen, auch wenn Eistaucher bei seiner Aussetzung vor ihnen fliehen muss.
Robinson ist auch ein sehr versierter Schilderer von Landschaften, seine Figuren sind immer plastisch und bei aller Fremdheit bringt er sie uns nahe, denn sie treibt das Gleiche um, wie und, die Leser und Leserinnen, die Liebe und der Drang zur Selbstentfaltung.
Es wird dem Leser nie langweilig, auch wenn nach dem dramatischen Höhepunkt die Handlung ein bisschen im positiven Allgemeinen verläuft, dass nur durch die Dauerkonflikte in der Sippe konterkariert wird. Für alle Prehistoric Fiction Liebhaber ein Muss, für die Kim Stanley Robinson-Fans in der SF-Community aber auch.