Ein Grafentitel, perfektes Auftreten, vornehme Zurückhaltung, einnehmendes Wesen, eine Portion Rätselhaftigkeit und - in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts durchaus chic - eine gekonntes Maß an aristokratischer Tragik: Verlust von Hab und Gut durch den verlorenen Weltkrieg - mit Charme, Klugheit und Chuzpe jedoch schnell wieder auf die Füße und zu Geld gekommen. Diese Rolle spielt Victor Lustig in Amerika und Europa so gekonnt, dass er gut 15 Jahre lang als redegewandter Graf von hoher Beliebtheit gilt - obwohl er in dieser Zeit einige Zeitgenossen um beträchtliche Summen erleichtert hat. Doch kaum jemand macht das öffentlich oder will ihn dafür belangen - zu peinlich ist den Opfern die Sache meist. Wer will auch schon darüber reden, dass man vor ein paar Tagen von einem sehr seriös wirkenden Herrn den Eiffelturm in Paris gekauft hat? Das wirklich Einzigartige an Graf Victor Lustig war, dass er seine Opfer in Geschichten zu verstricken verstand, die ihre Gier oder Eitelkeit so sehr anfachten, dass sie blind wurden für die Verrücktheiten, die er ihnen auftischte - und ihm so auf den Leim gingen.
Vor dem Ersten Weltkrieg verdiente sich Lustig als professioneller Spieler seinen Lebensunterhalt auf großen Übersee-Dampfern. Die reiche Klientel, die abends ihre Zeit beim Kartenspielen rumbrachte, zog er mit einem Kumpanen in einer konzertierten Aktion böse ab, ohne dass es aufflog, bzw. er belangt wurde. Der erste Weltkrieg machte diesem Leben erst einmal ein Ende und Victor Lustig musste sich in Paris einige Jahre mit ehrlicher Arbeit über Wasser halten. Dann kam die Zeit seiner größten Coups. Damals stritt man sich in Paris noch, ob der Eifelturm nun zum neuen Wahrzeichen von Paris, oder doch abgerissen werden sollte. Die Fronten waren ziemlich verhärtet, das Bauwerk Renovierungsbedürftig. Da war es durchaus plausibel, dass es die Regierung dem Alteisenhändler mit dem angeblich besten Angebot überantwortete, dieses Schrottteil zu entsorgen. Erstaunlich ist nur, dass Lustig diesen Coup tatsächlich zweimal durchzog. In den USA legte er sogar Al Capone herein, ohne dass dieser merkte, dass er reingelegt wurde. Aufgeflogen ist Lustig erst, als er selber zu gierig wurde, und sich auf Geldfälscherei einließ.
Garf Victor Lustig war ein Gentleman Gangster, wie er im Buche steht. Genial, gewitzt und keiner kam wirklich zu Schaden. Wie in „Die Lügen des Locke Lamorra“, sind die Coups so genial, dass die Betrogenen entweder nicht merken, dass sie betrogen wurden, bzw. es einfach zu peinlich ist, zuzugeben, dass und wie man hereingelegt wurde. Bis zum Schluss hofft man als Zuhörer, dass er ungeschoren davonkommt. Andreas fröhlich liest diese Geschichte wunderbar, die teils mit passenden Geräuschen unterlegt ist, insgesamt jedoch ein Hörbuch und kein Hörspiel ist. Die Geschichte ist so gut erzählt und aufbereitet, dass man der kriminellen Karriere des Victor Lustig, dem Aufbau seiner Transaktionen und allgemein seiner Karriere problemlos folgen kann. Schade, dass er so unbekannt ist, aus seinem Leben ließen sich wunderbare Geschichten machen. Sicherlich hat er noch viele solche Dinger gedreht, die nie ans Licht der Öffentlichkeit kamen, das wären mal Memoiren gewesen. Wunderbares, witziges und wenn nicht wirklich lehrreiches, doch sehr unterhaltsames Geschichtshörbuch. Verbrechen scheint sich doch auszuzahlen, wenn man es geschickt anstellt. Locke Lamorra gab es wirklich, nur hieß er Victor Lustig.