Als ich vor knapp 40 Jahren ins ländliche Südburgenland nahe der ungarischen Grenze zog, war ich erstaunt, dass sich die Mentalität der Menschen in einem so kleinen Land wie Österreich derart massiv unterscheiden konnte. Ein ganz spezielles Phänomen, das ich bei älteren Leuten beobachtete, verblüffte mich ganz besonders: ein reflexhaft angedeutetes Einziehen des Kopfs beim Aussprechen des Wortes Herrschaft, als wenn man einer plötzlich von vorne kommenden Bedrohung ausweichen wollte.
Das Burgenland kam als letztes Bundesland erst 1921 zu Österreich. Es war dies der kleinere, vorwiegend deutsch sprechende Teil Westungarns. Vom östlichen, ungarischsprachigen Teil ist in diesem Buch die Rede. Die gemeinsame Seele dieser beiden Teile ist trotz der unterschiedlichen Sprache nicht zu übersehen.
Anders als die übliche Vorstellung der Puszta als flache Steppenlandschaft mit Ziehbrunnen und wilden Pferden war hierzulande eine Puszta eine Ansammlung von flachen Wohngebäuden, Hütten, Ställen und Speichern, in der bis zu 200 Familien zusammengepfercht hausten und die Ländereien der Herrschaft bestellten. Die Herrschaft, das waren einige wenige Adelsfamilien, denen das Land - und die darauf lebenden Menschen - gehörte. (Der tagesaktuelle Erbschaftsstreit samt "Entführung" um die Familie Esterhazy wirft ein bezeichnendes Bild auf die Überbleibsel dieser Herrschaft und dürfte zumindest den österr. Lesern nicht entgangen sein.)
Offiziell wurden Leibeigenschaft, Fronarbeit und Zehent in Ungarn mit der bürgerlichen Revolution 1848/49 abgeschafft, wenige Jahre später wurde von der darauf folgenden absolutistischen Regierung per kaiserlichem Erlass der Landbesitz neu geregelt. Auch ehemalige Leibeigene konnten jetzt Haus und Land, auf dem sie gelebt haben, vom Gutsherrn ablösen. Soweit die Theorie. Gyula Illyés schreibt dazu:
Dabei handelte es sich nur um Leibeigene, die schon ansässig waren, also Haus und etwas Boden besaßen. Wie klein war aber die Zahl derer, die Haus und Hof besaßen! Bekanntlich blieb, trotz des kaiserlichen Ediktes, mehr als die Hälfte des ungarischen Bodens in den Händen des Großgrundbesitzes, also im Besitz der für das kaiserliche Haus zuverlässigen einigen Magnaten.
Der Autor ist 1902 geboren und schreibt über die Zeit seiner Jugend! Die Herrschaft machte weiter wie seit 100 Jahren gewohnt, und mit wenigen Ausnahmen war ihr Gesinde weder finanziell in der Lage noch mental bereit, ihr Recht einzufordern oder sich auf eigene Füße zu stellen. Bis weit ins 20.Jahrhundert hinein wurden die Pusztabewohner von der Herrschaft als Leibeigene betrachtet und behandelt.
Das Volk der Puszta ist untertänig und deshalb staatserhaltend im wahrsten Sinne des Wortes. Die Achtung vor der Obrigkeit ist im Grunde genommen eine Frage der Erziehung, die in Fleisch und Blut dieses Volkes übergegangen ist. Sie ist deshalb auch eher eine instinktmäßige als eine verstandesmäßige, oder man könnte auch sagen, sie ist atavistischer Natur.
Gulya Illyes, in Felső-Rácegrespuszta geboren und aufgewachsen, schaffte es dank seiner aufgeschlossenen Großmutter ins Gymnasium nach Budapest und später bis auf die Sorbonne. Er erzählt in dieser "Soziographie" vom Leben in der Puszta mit all seinen Aspekten. Die einzelnen Kapitel behandeln episodenhaft bis dokumentarisch Arbeit und Arbeitszeiten, Geld und Lohn, Umgangssprache und Umgangsformen, Ernährung, Erziehung, das Verhältnis zur Herrschaft, Heilmethoden, Kultur, Religion, Moral, die Liebe und die Seele der Landschaft. Zum Ende hin erzählt Illyes von seinem Ausstieg und Aufstieg, wie es ihm dabei ging und was aus ihm wurde. Es ist weniger ein Roman als ein detailgetreues, authentisches Zeugnis über eine Welt, die man Anfang des 20. Jahrhunderts mitten in Europa nicht für möglich hielte.
Die Menschen einer Puszta waren neben den Dorfbewohnern, Kleinhäuslern, Bauern, wie eine eigene niedere und für sich abgeschlossene Kaste. Sie arbeiteten täglich von drei Uhr morgens bis zum Abend, nur Sonntags hatten sie einige Stunden frei. Sie erhielten ein sogenanntes Deputat, das aus ein paar Pfennigen, ein paar Sack Getreide und etwas Grund, den sie selbst bestellen durften, bestand und gerade zum Überleben reichte. Die Familien, die oft aus einem Dutzend Personen bestanden, lebten in jeweils zwei Räumen, die durch eine Küche mit offener Feuerstelle getrennt waren. Elend, Hunger und Gewalt bestimmten den Alltag.
Es war durchaus gebräuchlich, dem Gesinde der Puszta bis zum fünfunddreißigsten Lebensjahr Ohrfeigen als Strafe zu verabreichen. [...] Wenn sich aber die Situation so gestaltete, daß der Schlag von vorne kommen sollte, dann sollte er nach Ansicht der Sachverständigen schnell und sozusagen endgültig sein, wie der Punkt am Ende eines Satzes, so daß der Delinquent die Züchtigung schon überstanden hatte, ehe er überhaupt zur Besinnung kam, und damit das Gefühl einer Auflehnung gegen die Strafe in ihm gar nicht erst erwachen konnte.
Die Herren nämlich, vom Gutsbesitzer bis zum letzten Praktikanten, konnten frei nicht nur über die Arbeit der Hände des Gesindes verfügen, sondern auch über seine Körper. Dagegen gab es keinen Einspruch und gibt es auch heute keinen. Die Inspektoren und Verwalter, ja selbst die aus den Gesindehäusern emporgekommenen Aufseher konnten jedes Mädchen, wenn es ihnen so paßte, zu sich bestellen. Diese Tatsache war ein selbstverständlicher, traditioneller Zustand.
Gyula Illyes versucht diese Zustände ganz dokumentarisch zu beschreiben, aber sein Verhältnis zur Herrschaft läßt keinen Zweifel zu, auf welcher Seite er stand. Immer wieder klingt auch eine gewisse Verklärung von Land und Erde durch. Er konnte sich persönlich mit der urbanen, womöglich ausländischen Welt nicht anfreunden - und ich kann ihm das bei dieser Kindheit und Geschichte auch nicht verdenken. Wenn sich national-populistische Kräfte heute auf ihn berufen, kann man Illyes das nicht vorwerfen, sein Buch ist ein reifes, aufrichtiges und gekonnt geschriebenes Zeitdokument, das ich mit großem Interesse im Kontext seiner Zeit gelesen habe.
Eine deutsche Übersetzung des ungarischen Originals von 1937 ist erstmals 1947 unter dem Titel Pusztavolk - Roman einer Volkskaste erschienen. 1987 veröffentlichte die andere Bibliothek die mir vorliegende, wunderschöne gebundene Edition Die Puszta, 1999 erschien ein gleichnamiges Taschenbuch bei Suhrkamp. Alle Ausgaben sind derzeit vergriffen, aber im Antiquariat günstig zu bekommen.