Sine, eine junge Frau, die nach Abschluss ihres Studiums auf der Suche nach ihrem beruflichen Weg ist, kehrt nach über 20 Jahren an den Ort ihrer Kindheit zurück. Ihre Großmutter Agneta ist gestorben, und gemeinsam mit ihrem Vater Johann ist sie zu deren Begräbnis nach Siebenbürgen gereist. Das Haus der Großmutter zieht sie vom ersten Augenblick an in ihren Bann: das Gebäude mit seiner geheimnisvollen Architektur, dem vermauerten Eingang zur ehemaligen Familienfärberei, den verschiedenfarbigen Räumen, Winkeln, Aufböden und Treppen erinnert sie an ihre Kindheit, die Zugehörigkeit zu Natur und Landschaft, das Spiel in Haus und Garten. In die Trauer um ihre Großmutter mischt sich die Trauer über die verloren geglaubte Heimat. Die Wiederbegegnung mit Julian, dem Freund der Kindheit, die Auseinandersetzung mit der Lebensgeschichte der Großmutter und die Erzählungen der Dorfbewohner lassen ein Bild der reichen kulturellen Vergangenheit Siebenbürgens entstehen. Details der Landschaft werden zu Metaphern einer Suche nach der eigenen Identität, und setzen in Sine einen Reifeprozess in Gang, der sie auch sich selbst näher bringt. Der in Michelsberg gelegene „Halbe Stein“, ein jahrhundertealtes Naturmonument, öffnet Sine den Blick für das Wesentliche: „Wenn man erinnert, kann man nicht verlieren.“ Iris Wolff gelingt in ihrem literarischen Debüt ein Roman von großer erzählerischer Stärke. In poetischen Landschaftsbildern wird die Familiengeschichte Sines geschildert, die Orte und Menschen werden durch die große Sprachkraft mit allen Sinnen erlebbar.
Nach über 20 Jahren Abwesenheit kehren Sine und ihr Vater nach Michelsberg in Siebenbürgen zurück. Der Anlass ist kein fröhlicher: Sines Großmutter Agneta ist gestorben. Agnetas altes, verwinkeltes Haus übt sofort den Zauber der dort verbrachten Sommer auf Sine aus, es gibt das blaue, rote und grüne Zimmer, Wekräume und einen großen Garten. Doch erst mit dem Auftauchen ihres Jugendfreundes Julian wird Sine klar, wie sehr sie sich nach ihren Wurzeln sehnt. Sie beginnt, nachzuforschen: Über die Geschichte Siebenbürgens, die Hintergründe der Auswanderung der dort lebenden Sachsen und letztlich die ganz persönliche ihrer Großmutter. Am Ende steht die Frage: Gehen oder bleiben?
"Halber Stein" ist bereits 2012 im Otto Müller Verlag erschienen und Iris Wolffs Debütroman, 2026 wurde er vom Klett-Cotta Verlag als Taschenbuch neu aufgelegt. Schon in ihrem Debüt zeigt Iris Wolff ihre große Erzählkunst, ihre Worte erzeugen starke Bilder im Kopf. Es scheint fast so, als wäre man als Lesende*r mit Sine in Michelsberg, in diesem Haus mit den vielen Zimmern, dem spätsommerlichen Garten, auf Wanderungen durch die Natur. Ich lese Iris Wolffs Bücher immer mit großem Genuss und auch Sines Geschichte, die voller Geheimnisse steckt, hat mir gefallen, wenn auch nicht so sehr wie "Die unschärfe der Welt" und "Lichtungen". Ich hatte das Gefühl, dass sich die Autorin in "Halber Stein" doch oft in Nebensächlichkeiten verliert, auch die Beziehung zwischen Sine und Julian blieb für mich ohne große Anziehungskraft und recht blass. Spannend fand ich hingegen, mehr über Siebenbürgen und die Auswanderung der Sachsen aus diesem Gebiet zu erfahren. Die Autorin stammt selbst aus Hermannstadt, was sehr nahe an Michelsberg gelegen ist. Ich empfehle "Halber Stein" vor allem Fans der Autorin und ihrem wunderschönen Schreibstil!
„𝐖𝐢𝐞𝐬𝐨 𝐰𝐮𝐬𝐬𝐭𝐞 𝐦𝐚𝐧 𝐧𝐢𝐜𝐡𝐭, 𝐝𝐚𝐬𝐬 𝐦𝐚𝐧 𝐞𝐢𝐧𝐞𝐦 𝐌𝐞𝐧𝐬𝐜𝐡𝐞𝐧 𝐳𝐮𝐦 𝐥𝐞𝐭𝐳𝐭𝐞𝐧 𝐌𝐚𝐥 𝐛𝐞𝐠𝐞𝐠𝐧𝐞𝐭𝐞?“ (S. 32) ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ Friedesine, die eigentlich nur Sine genannt wird, kehrt gemeinsam mit ihrem Vater in ihre Heimat Michelsberg in der Region Siebenbürgen (auch bekannt als Transsilvanien) zurück, nachdem die Familie die Nachricht erhalten hat, dass ihre Oma Agneta verstorben ist. Während sich der Vater um die Beerdigung und die Verwaltung des Erbes kümmert, taucht Sine wieder ein in die Landschaft ihrer Kindheit und die Freundschaft zu Julian, einem Nachbarn. ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ Dieses Buch ist so klar und deutlich ein Iris Wolff-Buch. Die atmosphärischen Landschaftsbeschreibungen, die Geschichte der deutschen Aussiedler*innen in Rumänien - ich fand beides großartig. Es ist ein sehr ruhiges Buch, auch weil die Protagonistin Sine in Trauer ist. Sie trauert um ihre Großmutter, die sie viel zu selten besucht hat, aber auch um ihre Kindheit, die sie sorglos hinter sich gelassen hat. ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ Die geschichtlichen Hintergründe wurden sehr gut in die Geschichte eingewoben, ich fand es sehr spannend, wie Sine nach und nach ihren plötzlichen Wissensdurst stillen konnte. Auch die Szenen mit Julian haben mir gut gefallen, auch wenn es mich emotional gerne noch etwas mehr hätte erreichen können. ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ Ein sehr empfehlenswerter Roman, der sich durch Melancholie, aber auch eine gewisse Sanftheit auszeichnet. ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ 4/5 ⭐️ ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ „𝐃𝐚𝐫𝐚𝐮𝐟 𝐠𝐢𝐛𝐭 𝐞𝐬 𝐤𝐞𝐢𝐧𝐞 𝐀𝐧𝐭𝐰𝐨𝐫𝐭. 𝐄𝐬 𝐰𝐢𝐫𝐝 𝐢𝐦𝐦𝐞𝐫 𝐧𝐮𝐫 𝐝𝐢𝐞 𝐅𝐫𝐚𝐠𝐞 𝐠𝐞𝐛𝐞𝐧.“ (S. 88)
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Rezensionsexemplar I Vielen Dank @vorablesen @klettcottaverlag 💗
Was ist Heimat? Wie gehen Menschen mit einer Entwurzelung aus ihrem Herkunftsland um? Wie finden sie ihre Identität? Ist vielleicht sogar eine Rückverwurzelung möglich? Aktuelle Fragen, die hier an Schicksalen aus Siebenbürgen aufgezeigt werden. Was wissen wir eigentlich von den „Siebenbürger Sachsen“, die seit dem Mittelalter im Zentrum des heutigen Rumänien siedel(te)n? Ein bisschen mehr erfahren wir in diesem Roman.
Es sind über zwanzig Jahre vergangen, seit Sine als Kind mit ihren Eltern von Rumänien nach Deutschland ausgewandert ist. Sie gehören den Siebenbürger Sachsen an, einer deutschstämmigen Minderheit in Rumänien, die seit dem 13. Jahrhundert in Transsylvanien ansässig sind. Großmutter Agneta war dort im kleinen Ort Michelsberg (rumänisch Cisnădioara) geblieben. Nun ist sie verstorben und Sine fährt mit ihrem Vater Johann zum Begräbnis. Während Sines Vater inzwischen immer wieder in die alte Heimat gereist war, ist dies für Sine die erste Begegnung mit dem Landstrich ihrer Kindheit. Sine befindet sich gerade in einer Umbruchssituation nach Abschluss des Studiums. Unentschlossen und mutlos wartet sie auf ein Zeichen, wie es weitergeht. So nimmt sie alles ganz intensiv und sensibel auf dieser Reise auf, so dass wir es durch ihre Augen sehen.
Das versponnen wirkende einzigartige alte Haus der Großmutter Agneta scheint Sine wie eine Persönlichkeit herzlich zu empfangen und zu fragen, wo sie so lange geblieben sei. Von Raum zu Raum schreitet Sine in verschiedene Farbwelten. Kein Wunder, denn dieses Gebäude war früher auch Teil der Färberei, die die Familie einst betrieb. Erst ihr Vater hatte sich vom Handwerk abgewandt und war Kunstmaler geworden. Längst vergessen geglaubte Erinnerungen und Bilder werden in Rückblenden lebendig. Agnetas Lebensgeschichte breitet sich vor ihr aus. Unter jenen freundlichen Bewohnern, die Sine wiedererkennen, ist auch Julian, ihr Freund aus der Kinderzeit. Er wird zu Sines Ankerpunkt. Mit ihm erkundet sie aufs Neue die geschichtsträchtige, märchenhafte Landschaft Siebenbürgens und ihre alten Siedlungen, das unperfekte aber faszinierend einfache Leben, die spätsommerliche Natur und ein bisschen auch sich selbst.
Allmählich enthüllt sich die Bedeutung des Buchtitels: Der „Halbe Stein“ ist eigentlich ein Naturmonument aus der Kreidezeit und Ort zum Innehalten und Nachdenken für Sine. Für sie ist es auch ein Symbol für ihre Suche nach einer verlorenen Hälfte, von der sie noch nicht weiß, was es ist. Aus Sines sehr feinsinnigen und genauestens beobachtenden Position erleben wir das äußere Umfeld und ihre drängenden Fragen. Nachdem sie als Kind die Heimat verließ, vermisst sie das Gefühl der Zugehörigkeit, ihre Wurzeln, die Heimat, ein Zuhause. Diese Reise nach Siebenbürgen, das Eintauchen in die Landschaft und die Geschichte seiner Menschen konfrontiert sie mit dem Schmerz des Vergangenen. Diese Fragen haben sehr große Aktualität, egal wo man seine Wurzeln hat.
Spannend ist, wie die anderen Charaktere mit den Fragen umgegangen sind, mit denen Sine gerade ringt. Auch wenn Großmutter Agneta gestorben ist, kommt es einem vor, als wäre sie präsent im Haus. Sie war eine mutige, tapfere und tatkräftige Frau, der ihr Leben die Bereitschaft gelehrt hatte, immer wieder aufs Neue loszulassen. Alles, auch Menschen, sind nur Geschenke auf Zeit „Menschen und Dinge kann man nicht besitzen.“ S. 206
Mit Sine erleben wir, wie unterschiedlich ihre Eltern und ihr Onkel mit der Identität und dem Verlust der Verwurzelung in der Heimat umgehen. Der Blick zurück gehört für den einen wesentlich zu seiner Identität, während andere damit abschließen oder sich gänzlich ablehnend abwenden. Besonders fein ist, dass das künstlerische, atmosphärische Haus fast schon zu einem eigenen Charakter in der Handlung wird. Damit hinterlässt es mehr Eindruck bei mir als andere Protagonist*innen.
Die Autorin beschreibt ausdrucksstark und poetisch Natur und Landschaft Siebenbürgens, seine historischen Besonderheiten und geschichtliche Elemente der (fast) verloren gegangenen Gemeinschaft. Auch wenn sie feinfühlig auf den Dialekt der Siebenbürger eingeht, bin ich mir nicht sicher, in welcher Sprache sich denn eigentlich Sine und Julian unterhalten. Denn weder im Siebenbürger Dialekt noch im Rumänischen scheint Sine noch ganz firm zu sein. Gänzlich unerwähnt bleibt, dass in Rumänien die nationalen Minderheiten sowohl unter Ceaușescu als auch nach der Wende Schulen in ihrer Muttersprache besuchen konnten. (Übrigens komplett im Gegensatz zu den Deutschstämmigen aus Russland.)
Das Schicksal von Sines Familie macht natürlich auch neugierig, noch mehr über Siebenbürgen zu erfahren. Ein bisschen von der Historie Siebenbürgens klingt an und auch die Auswanderung vieler Siebenbürger Sachsen und die Gründe dafür: Willkür und Misswirtschaft des kommunistischen Systems. Nur in wenigen Sätzen erfährt man über die Deportationen nach dem Krieg durch die Russen, über Enteignungen und warum Agneta dem entkommen konnte. Leider wird hier lieber ein anderes Familiengeheimnis aufgedeckt, anstatt an dieser Stelle tiefer zu schürfen. Schade.
Gefallen hat mir, dass durch diesen Roman bildlich ein „Siebenbürger Brunnen“ wiederbelebt wird denn: „Einer der vielen toten Brunnen in Siebenbürgen“, sagte Vater. … „Wenn man einen Brunnen nicht benutzt, versiegt er.“ S. 76 Ansonsten scheint mir hier Siebenbürgen so komplett abgehoben von seinem Dasein im rumänischen Umfeld und im Zeitstrom der Geschichte dargestellt zu werden. Hier fehlt es mir an Tiefe, an Handlung, an Bewegung, an etwas, was mich berührt.
Da kommt mir der so sympathische Balduin in den Sinn, der auf Sines Frage nach seinem Alter (76), erst rechnen musste „Ach, weißt du, liebe Sina, das ist etwas, womit ich mich nicht beschäftige. Es gibt so viele andere Dinge, mit denen man seine Zeit verbringen kann.“ S. 225 Sehr liebenswert, aber etwas aus der Zeit gefallen. Geht nicht auch beides gleichzeitig? Mir schenkt der Roman immerhin den Aufhänger, mich etwas mehr mit der Geschichte Rumäniens und der Siebenbürger Sachsen zu beschäftigen.
Bezauberndes Buch Siebenbürgen ist eine uralte Kulturlandschaft. Eingebettet zwischen den Karpaten, war es lange Zeit ein Spielball der Geschichte. Ungarische, türkische, Habsburgische und rumänische Oberhoheiten haben hier gewechselt, Die Deutschen kamen vor etwa 800 Jahren in dieses Gebiet, zur Urbarmachung aber auch um das Eindringen der Mongolen, der Tataren und anderer Reitervölker zu verzögern, um den westlich gelegenen Ländern Zeit zu verschaffen, ihre Abwehr zu organisieren. Den Blutzoll haben die Deutschen in Siebenbürgen bezahlt. So kam es, dass alle deutschen Dörfer in diesem Landstrich Kirchenburgen bauten, um sich, wenn neue Einfälle aus den Steppen im Süden und Osten drohten, sich hier zurückziehen zu können und die Belagerung auszuhalten. Iris Wolff schreibt mit viel Verständnis und Zartgefühl darüber, vermittelt profunde Kenntnisse über das Land, seine Geschichte und Bewohner, dass man sich im Buch schnell heimisch fühlt. Es geht um eine Heimkehr, um eine Beerdigung, um eine Begegnung mit der Kindheit, mit dem Freund aus der Kindheit, um Fragen zur Familiengeschichte, um Wiederannäherung an den Vater, dem sich Sine im Laufe der Jahre in Deutschland entfremdet hatte. Der Kindheitsfreund hat auf sie gewartet, die Nähe und Wärme sind schnell wiederhergestellt, nun kommt auch Liebe hinzu, aber diese Liebe bleibt offen. Er ist in Rumänien, sie lebt in Deutschland, kann eine Fernbeziehung Bestand haben? Ich kenne die Orte, die im Roman beschrieben wurden, habe dort für kurze aber prägende Zeit gelebt. Die Spaziergänge durch Hermannstadt haben mich an die vergangenen Zeiten denken lassen, die Sehnsucht in mir geweckt, mal wieder hin zu fliegen. Sines Spaziergang durch die Stadt wurde zu meinem eigenen Spaziergang. Der Titel des Buches - Halber Stein - ist ein großer Felsen am Ufer des Silberbachs, am Rande von Michelsberg, dem Heimatort von Sines Vater. Um diesen Felsen ranken sich Geschichten und Legenden, Sine zieht sich manchmal hierher zurück, wenn sie nachdenken will, wenn sie zu sich selbst finden will. Die Ranunkeln auf dem Titelbild sind nicht nur hier, in Deutschland, beliebte Gartenblumen, sondern auch in Siebenbürgen. So finde ich die Wahl des Titelbildes gelungen. Es mutet wie ein Brückenschlag zwischen alter und neuer Heimat an. Das Ende des Buches fand ich bezeichnend. Der Pfarrer ist nicht mehr nur Seelsorger sondern auch Hausverwahrer. Die Bewohner ziehen in den Westen, kommen nur noch als “Sommersachsen” (sehr treffender Begriff aus dem Buch) zurück, in der Zwischenzeit muss der Pfarrer neben drei oder vier zusätzlichen Gemeinden, die er seelsorgerisch betreut, auch eine wachsende Zahl von Häusern im Auge behalten, nach dem Rechten sehen, vor dem Verfall bewahren und ja, diese verlassenen Häuser brauchen auch einen Seelsorger.. Aber bevor die Verbindung zur alten Heimat komplett reißt, lieber auch nur für den Sommer zurückkehren. Die Sprache des Buches hat mich magisch angezogen. Wolffs Stil ist unverkennbar, ihr eigener, poetisch und prägend. Ein Innenhof in Hermannstadt wird zu einem Traumort: “Ich ging einige Schritte in den Hof hinein. Es war. als würde man unter Wasser hinauf zu den Wellen schauen, so überflutete das Dach aus Weinranken den Innenhof. Nur das Rascheln der Blätter war zu hören…” (S. 248) Hand aufs Herz, wer würde nicht gern in solch einem Haus wohnen? Heimat - hüben wie drüben, ob Siebenbürgen oder Bundesrepublik
Ein wunderschönes Buch mit einem ganz tollen Stil. Ein wenig melancholisch und ein wenig wehmütig, ganz behutsam und filigran. Mit wenigen Worten erschafft Iris Wolff eine Stimmung, die auch auf mich beim Lesen übergriffen hat. Die Trauer ist fast greifbar, ebenso der Wunsch die Vergangenheit zu verstehen und die Geschichte der eigenen Familie. Ihre Sätze sind mit viel Wärme geschrieben und ich möchte sie als einfach nur schön bezeichnen. Ich könnte so viele Zitate dieser schönen Sätze anbringen - das würde aber einerseits den Rahmen sprengen und andererseits auch zu viel spoilern.
Iris Wolff erzählt aber auch viel Interessantes über Siebenbürgen und die Siebenbürgener Sachsen. Ein Landstrich und eine Kultur, über die ich beide relativ wenig weiß und daher alles Erzählte zu diesen Themen mit viel Interesse gelesen habe. Sie erzählt von der zweiten großen Auswanderungswelle der Siebenbürgener Sachsen um 1990 und welche Konflikte in den Familien damit einhergehen. Die, die gegangen sind, hadern mit dem neuen Leben in einem anderen Land und dem Spagat zwischen Vergessen der Vergangenheit und Blick nach vorne. Die, die geblieben sind, hadern mit dem Aussterben ihrer Kultur, ihrer Traditionen und ihrer Geschichte. Bei Sine wird dieser Spagat sehr gut sichtbar. Ihre Erinnerungen an ihre Kindheit bei Agneta kommen während ihres Besuches immer wieder hervor. Diese waren überlagert von den Ereignissen nach ihrer Auswanderung und den Jahren in Deutschland. Sie hat das Gefühl in Agnetas Haus angekommen zu sein, ein Gefühl von zu Hause und Heimat. Gleichzeitig fühlt sie sich auch fremd in dem Ort, dessen Sitten und Gebräuche sie nicht kennt und sich dadurch auch ein Stück weit ausgeschlossen fühlt. Sie erkundet die Lebensgeschichte ihrer Großmutter, kommt dabei dem Ort, den Menschen, dem Landstrich und damit ihren Wurzeln auch wieder näher.
Mit hat die Geschichte unheimlich gut gefallen. Es ist ein leises, eher gemächliches Buch. Keine Hektik, keine Aufregung, aber doch mit sehr viel emotionaler Tiefe. Eine Geschichte, die man nicht schnell runterlesen sollte, sondern mit Zeit und Muße genießen sollte. Über Herkunft, Identität und Zukunft. Gefühlvoll und interessant erzählt.
Wie lässt sich dieses Buch in die richtigen Worte fassen? Vielleicht so: Beim Lesen fühlt man sich wie auf sanften Wellen getragen, gleitend und beinahe schwerelos, in einem stetig weiterfließenden Strom aus Sprache. Der Text gerät nie ins Stocken, sondern bewegt sich ruhig und gleichmäßig voran.
Es ist ein Buch, das man weniger der Handlung wegen liest als um der Worte willen. Die Sprache steht klar im Vordergrund. Man kann Sätze aufnehmen, sie nachklingen lassen, ohne gehetzt durch die Seiten zu eilen, weil eine dramatische Spannung zum Weiterlesen drängt.
Gleichzeitig hätte ich mir gewünscht, dass das Buch genau an dieser Stelle noch etwas mehr wagt – vielleicht etwas mehr Spannung oder eine tiefere emotionale Intensität entwickelt. Trotz der ruhigen Atmosphäre blieb bei mir eine gewisse innere Distanz.
Der Hauptcharakter ist durchaus vielschichtig, besonders in ihren Gedanken und inneren Reflexionen. Dennoch hatte ich am Ende nicht das Gefühl, sie wirklich in ihrer Tiefe erfasst zu haben. Sie blieb mir ein Stück weit fremd. Auch das offene Ende hat mich nicht ganz überzeugt; es passt zwar zur leisen Erzählweise, hinterließ bei mir jedoch eher Unzufriedenheit als Erfüllung.
Letztlich scheint die Figur auf der Suche zu sein – nach Freude, Erfüllung, Leichtigkeit, vielleicht auch nach Sinn und Zugehörigkeit. Und ich persönlich glaube, dass dieser Sinn nur an einer Stelle wirklich zu finden ist: in Jesus Christus. Nur dort liegt der tiefere Halt, den das Buch andeutet, aber nicht ausformuliert.
Dennoch hat mir das Buch insgesamt gut gefallen. Besonders das Cover ist außergewöhnlich – es liegt unbeschreiblich schön in der Hand. Eine solche Textur habe ich zuvor noch nie erlebt; hier ist wirklich etwas Besonderes gelungen. Auch der Schreibstil ist bemerkenswert: sehr fein formuliert, detailverliebt und aufmerksam für kleine Nuancen, ohne diese zugunsten der Handlung zu opfern.
Ein Umzug ins Ausland kann mit einem Identitätsverlust einhergehen. So auch bei Sine in Iris Wolfs Roman „Halber Stein“.
Sine ist bereits als Kind mit ihren Eltern von Siebenbürgen nach Deutschland gezogen. Nun kehrt sie zur Beerdigung ihrer Großmutter zurück- und muss feststellen, dass vieles anders ist als gewohnt…
Iris Wolf verwendet in ihrem Roman eine sehr imposante Sprache. Gebäude, Menschen und Landschaften werden anschaulich beschrieben. Oft regen die Beschreibungen, etwa die von der präsenten Natur trotz Urbanismus (S. 103) zum nachdenken an.
Hinzukommt, dass immer wieder rumänische Sprüche und Weisheiten in den Text eingewoben werden. Dies weißt auf das wichtige Thema kulturelle Identität hin- Sine spricht mit ihren Vater kein Rumänisch und fühlt sich fremd, nahezu entwurzelt. Das kommt allerdings nur verdeckt in Sines Bedauern über ihre Unkenntnis zum Ausdruck und nie direkt klar formuliert. Der Grund für den fehlenden Ausdruck ist, dass die Charaktere eher eindimensional und blass bleiben. Es fehlen konkrete Charakterzüge, geredet wird wenig und dadurch kommen keine Bindungen zwischen Leser und Figuren zustande. Das finde ich sehr schade, da das Thema kulturelle Identität sehr viel zu bieten hat. Auch die Handlung wird dem Thema nicht gerecht. Zwar erfahre ich als Leserin mehr über die Geheimnisse rund um Sines Oma, aber die Geschichte hat keine Bedeutung für die Gegenwart. Es werden weder klare Äußerungen getätigt noch kommt Spannung auf.
Ich finde es schade, dass eine Geschichte mit durchaus Potenzial (ein Skandal hätte zum Umzug führen können, Sine oder ihr Vater hätten sich unwissend in ein nahes Familienmitglied verlieben können…) so flach und eindimensional gemacht ist. Ich gebe 3,5 Sterne, die ich aufgrund der Sprache und dem essenziellen Thema auf 4 aufrunde. Ich bin gespannt, ob mich das nächste Buch der Autorin mehr abholen kann.
Wie beglückend, mit einem Abstand von bald fünfzehn Jahren die ersten literarischen Schritte von Iris Wolff einer würdigenden Prüfung zu unterziehen. Gelegenheit dazu bietet die Neuveröffentlichung des Debüts in einer Taschenbuchausgabe in ihrem neuen Stammverlag Klett-Cotta.
Bereits in diesem ersten Werk zeigt sich das Lebensthema dieser jungen Autorin: der frühe Verlust von Heimat, Siebenbürgen, Schauplatz der wechselvollen Geschichte der deutschen Minderheit im heutigen Rumänien.
Es ist etwas ganz Eigenes in Iris Wolffs Schreiben: Ihre Sprache handhabt sie wie ein präzises Instrument, ein Werkzeug, dem sie nie die Gelegenheit zugebilligt hat, stumpf zu werden, sie benutzt sie mit Behutsamkeit, aber kraftvoll. Es mag gewiss mit ihrer Herkunft zu tun haben: wer in einem Land aufgewachsen ist, in dem die eigene Sprache nur von einer Minderheit gesprochen wird, muss sich der eigenen Identität immer neu vergewissern. In diesem Roman wird die Vorsicht deutlich, mit der die Protagonistin agiert, wenn sie ins Land ihrer Herkunft zurückkehrt.
Man muss der jungen Autorin zugute halten, dass dieser erste Roman noch keine Vollendung bietet: der Einblick in die Geschichte Siebenbürgens geschieht ein wenig holzschnittartig, eine Anmutung von Volkshochschul-Inhalt ist nicht gänzlich ungerechtfertigt. Doch die Vielzahl an Personen, denen die Ich-Erzählerin begegnet, vermag die Eigenart der Mentalität dieser Menschen plastisch zu vermitteln.
Ihre eigene Zerrissenheit, ihre Erfahrung von Entwurzelung in der neuen Heimat, und ihr behutsames Herantasten an die verschütteten Erfahrungen einer als beglückend empfundenen Kindheit werden in den ungemein poetischen Traumsequenzen deutlich. Fremde Heimat, vertraute Fremde erweist sich als das die junge Hauptfigur prägende Lebensgefühl, das sich als tragfähige Existenzgrundlage erweist.
Iris Wolffs Debütroman "Halber Stein" von 2012 erzählt in poetischer Sprache von Erinnerung, Herkunft und dem Wiederfinden einer verlorenen Vergangenheit. Auch wenn es noch nicht ganz die sprachliche Perfektion ihrer späteren Werke wie beispielsweise "Lichtungen" erreicht und manche Beschreibungen etwas zu ausführlich geraten, ist es dennoch eine eindrucksvoll erzählte Geschichte. Im Mittelpunkt steht Sine, die nach dem Tod ihrer Großmutter gemeinsam mit ihrem Vater nach Michelsberg in Siebenbürgen reist. Seit der Auswanderung nach Deutschland war sie nicht mehr dort, während ihr Vater seine Mutter regelmäßig besuchte. Sines Mutter hat diese Vergangenheit bewusst hinter sich gelassen und Sine darin bestärkt, es ebenso zu tun – weshalb Sine nur noch vage Erinnerungen an ihre Kindheit dort hat. Doch kaum betritt sie das Haus der Großmutter, wird sie von Erinnerungen überflutet. Besonders die Begegnung mit ihrem früheren besten Freund Julian lässt die Vergangenheit lebendig werden. In poetischer, sehr bildhafter Sprache beschreibt Wolff Sines Wahrnehmung von Landschaft und Menschen – so, dass man alles beinahe sehen und riechen kann. Dabei wird deutlich, wie sehr diese Gegend Teil von Sines Identität ist. Neben all der Schönheit zeigt der Roman aber auch die Schattenseiten: Einsamkeit, Verbitterung und die Folgen der Abwanderung vieler Menschen unter dem rumänischen Regime. Die Jungen gehen, die Alten bleiben zurück. Besonders faszinierend fand ich, dass Michelsberg und viele andere Orte tatsächlich existieren. Man kann Sines Wegen auf Google Maps folgen und sogar den Halben Stein finden – für mich war das der Punkt, an dem aus Lektüre plötzlich Reiselust wurde.
Poetisch, bildgewaltig, sanft – aber leider zum falschen Zeitpunkt zu mir gekommen. Nachdem mir Lichtungen von Iris Wolff richtig gut gefallen hatte, habe ich beschlossen, auch ihre anderen Bücher zu lesen.
Halber Stein begleitet Edda und ihren Vater zurück in die Heimat, die sie verlassen haben, als Edda noch ganz klein war. Es ist ihr erster Besuch seit Jahren, denn ihre Großmutter ist gestorben. Man begleitet sie dabei, wie sie Haus und Gegend neu erkundet und dabei auf alte Erinnerungen stößt. Es geht um Familie, Heimat und Nachlass.
Iris Wolff schreibt so fein und detailreich, dass die Bilder ganz leicht im Kopf entstehen. Das ist einerseits wunderschön, andererseits zieht sich die Geschichte dadurch etwas in die Länge. Manchmal fühlte ich mich in den Details verloren – und damit auch in der Geschichte selbst. Die Handlung rückte für mich in den Hintergrund, und ich hatte keine klare Vorstellung davon, worauf alles hinauslaufen sollte. Das ist an sich nichts Schlechtes, aber es hat mich leider überhaupt nicht abgeholt.
Ich mag es eigentlich sehr, wenn ein Text umschreibend und detailreich ist. Doch dieses Mal hat es mich eher blockiert. Ich begann, über Zeilen zu springen – und schließlich habe ich das Buch abgebrochen.
Ich wurde einfach nicht warm mit der Geschichte und den Charakteren. Sie blieben für mich so sehr auf Abstand, dass ich keine echte Verbindung aufbauen konnte. Die Umgebung wirkte greifbarer als die Personen, die eher leise mitschwingen. Für mich war es einfach der falsche Zeitpunkt für dieses Buch.
Im Sommer werde ich ihm noch einmal eine Chance geben, denn es zieht mich immer noch an – aber gerade passt es einfach nicht.
Sine kehrt für die Beerdigung ihrer Großmutter in ihr Heimatdorf nach Siebenbürgen zurück, dass sie mit ihren Eltern als Mädchen gen Deutschland verlassen hat. Die Autorin erzählt eine äußerst nahbare Geschichte von Heimweh und dem bitter-süßen Schmerz an Kindheitserinnerungen, von denen man bis zu einem Verlust (hier der Tod der Großmutter) gar nichts wusste. Ich kann das Gefühl der Protagonistin nur zu gut nachempfinden, das sich einstellt, wenn man den Was-wäre-wenn-Gedanken zulässt: Was wäre, wenn ich in Siebenbürgen geblieben wäre? Was wäre, wenn meine Großmutter mit nach Deutschland gekommen wäre? Was wäre, wenn ich hier bliebe? Die Handlung und der Inhalt des Romans holt mich total ab. Die Sprache ist bildreich und atmosphärisch, die Szenen und Beziehungen der Figuren liebevoll gestaltet. Auch das langsame Tempo der Geschichte, die durchaus spannende Momente hat, ist gerechtfertigt, aber zu häufig verliert mich die Autorin bei detaillierten Beschreibungen der Landschaft. Bei dem Buch handelt es sich um die Taschenbuch-Auflage des 2012 erschienen Roman von Iris Wolff in schönem Format, was ich grundsätzlich sehr mag. Allerdings ist der Buchrücken sehr empfindlich was Knicke im Buchrücken angeht (auch bei extrem vorsichtigem Lesen) und Wölben der Coverseite. Die Abbildungen der Ranunkeln auf dem Titel sprechen mich sehr an und passen zum Inhalt. Alles in allem ein zarter wehmütig schöner Debutroman mit einer klassischen „wo ist meine Heimat“ Verarbeitung.
“Jede Geschichte hat ihren Anfang in der Geschichte, die ihr vorangeht.”
Nach sehr langer Zeit kehrt Sine, anlässlich des Begräbnisses ihrer Großmutter, nach Siebenbürgen zurück. Hier angekommen, spürt sie den Erinnerungen an ihre Heimat und an ihre Großmutter Agneta nach. “Wo bist du so lange gewesen, schien es mir aus jedem Zimmer zuzuflüstern.”
Dieses Buch ist kein Pageturner, dass einen atemlos durch die Seiten hasten lässt. Vielmehr gleitet man durch dieses Buch. Es erlaubt einem, bei einer wunderbar poetischen Formulierung zu verweilen und einem Gedanken nachzugehen, um dann nahtlos mit der Erzählung fortzufahren. Ich habe dieses Buch nicht am Stück gelesen, obwohl dies durchaus möglich ist, sondern habe mir Zeit genommen, um die Bilder in meinem Kopf wirken zu lassen.
In diesem leicht melancholischen Roman erfährt man ganz nebenbei noch viele interessante Dinge über die Geschichte und die Kultur Siebenbürgens. In ihrem einzigartigen, bildhaften und poetischen Schreibstil erweckt Iris Wolff die Landschaft, die Orte und die Menschen zum Leben.
“Und manche Bücher, vor allem jene, bei denen das Lesen eigentlich ein Wiedererkennen ist, müssen einem immer erreichbar sein.”
Mit diesem Buch kann man sich aus der Hektik des Alltags forttragen lassen. Ich kann dieses Buch jedem empfehlen, der Freude an ruhig und einfühlsam erzählten Romanen hat. Mir hat dieses Buch auf jeden Fall viel Freude bereitet.
Mit Halber Stein legt Iris Wolff erneut einen Text vor, der leise daherkommt und dennoch lange nachhallt. Ihr Stil ist reduziert, fast behutsam, und gerade darin liegt seine Kraft. Die Sprache ist klar, poetisch verdichtet, ohne je überladen zu wirken. Jeder Satz scheint gesetzt, nichts ist zufällig.
Im Zentrum steht weniger eine klassische, spannungsgetriebene Handlung als vielmehr das feine Geflecht aus Erinnerung, Herkunft und zwischenmenschlicher Nähe. Wolff erzählt von Brüchen und Verbindungen, von dem, was bleibt, wenn Zeit und Umstände Menschen auseinandertragen. Dabei entsteht eine stille Intensität, die sich nicht aufdrängt, sondern beim Lesen allmählich entfaltet.
Besonders beeindruckend ist die atmosphärische Dichte. Landschaften werden nicht bloß beschrieben, sondern fühlbar gemacht; Stimmungen liegen zwischen den Zeilen. Wer actionreiche Wendungen sucht, wird hier nicht fündig. Wer jedoch literarische Präzision, emotionale Zwischentöne und eine reflektierte Auseinandersetzung mit Identität schätzt, findet in Halber Stein ein anspruchsvolles, berührendes Werk.
Ein Buch für Leserinnen und Leser, die sich Zeit nehmen möchten und bereit sind, sich auf das Unausgesprochene einzulassen.
Auf der Suche nach Heimat Nach der Erstveröffentlichung im Jahr 2012 erscheint dieser damalige Debutroman erneut zum 14.02.26, betitelt nach dem in Michelsberg gelegenen Naturfelsen – hier gedacht als gewichtiger Ort für bedeutsame Lebenserkenntnisse der Hauptakteurin. Wie in vorigen Romanen spielt die Szenerie im ländlichen, jetzt rumänischen Siebenbürgen. Dort verbrachte die Autorin ihre Kindheit ähnlich der Hauptfigur Friedesine, Ich-Erzählerin, zusammen mit dem rumänischen Nachbarsjungen Julian. Erzählt wird von deren zeitlosen, prägenden Freundschaft, von historischen und politischen Eckdaten, von langsam schwindenden Traditionen der ehemals deutschen Siedler, gekoppelt ans Begräbnis der Großmutter. Durch eigene Migrationserfahrungen und ihrer Suche nach Zugehörigkeit offenbart die Erzählerin Sine eine immer noch bestehende innere Zerrissenheit nach Auswanderung vor 20 Jahren. Die landschaftliche Schönheit und auch touristische Highlights der Umgebung verschmelzen mit Kindheitserinnerungen und der Gegenwart Sines. In poetischem, ruhigem Schreibstil entwirft die Autorin eine bildhafte, einfühlsame Familiengeschichte voller Brauchtum und Überlebensstrategie in dörflichem Miteinander. . Ist Heimat ein Ort der Sehnsüchte, Träume und Erinnerungen?
Sine kommt nach Jahren wieder an den Ort ihrer Herkunft. Aber eigentlich ist sie auch vor Jahren indes Land ihrer Herkunft ausgewandert. Iris Wolff gibt einen tiefen und bildhaften Einblick in die Geschichte der sächsischen Siebenbürger. Mir war vor dem Lesen des Romans nicht bewusst, wie viel die Minderheit der Siebenbürger mitgemacht haben und wie viel sie für ihre Identität und Unabhängigkeit gekämpft haben. Und Sine ist eine Tochter von vielen, die keine Wahl hatte, weil ihre Eltern ausgewandert sind, als sie noch ein kleines Kind war. Zurück in das Land der eigentlichen Herkunft, oder? Deutsche, Sachsen, oder Rumänen? Wer weiß das schon. In Deutschland, so scheint es, konnte sie nie richtig Fuß fassen. Aber Rumänien ist ja eigentlich auch keine Heimat mehr. Durch den Tod ihrer Großmutter Agneta begibt sich Sine auf die Reise in ihre Vergangenheit, die sie doch so lange von sich ferngehalten hat. Sie kommt zurück an den Ort ihrer Kindheit. Erinnerungen und Beziehungen blühen auf. Sine findet den Schlüssel für ihre Zukunft. Sie versteht wer sie ist und was sie hemmt, mutig Schritte in die Zukunft zu gehen.
Auf der Suche nach dem, was einen zu dem macht, was man ist... und es finden. In poetisch zarter Sprache verzaubert mich dieser Roman, malt Bilder, Menschen, Landschaften und spornt an, über sich selbst und die wichtigen Menschen um sich herum nachzudenken
Mit zarter Poesie zaubert Iris Wolff ihre Protagonistin „Sine“ in eine Umgebung, die sie zwingt, sich mit ihrer Vergangenheit auseinander zu setzen. Die Szenerie um Siebenbürgen und die Dynamik der Bewohner werden mit viel Feingefühl und Liebe zum Detail beschrieben. Die Wehmut und das Heimweh der Auswanderer ist ebenso konstant wahrzunehmen, wie deren Glücksgefühl und Andacht während dem Aufenthalt im Zurückgelassenen. Dieses Debüt von Frau Wolff ist augenöffnende Zeitgeschichte in Romanform und beeindruckt mit ungeahnter emotionaler Tiefe. Durch ihre Gabe, die Natur und Landschaft auf die Art des Madeleine-Effektes zu beschreiben, fühlt man sich unweigerlich in seinen eigenen Heimatort versetzt.