Dass sich die sogenannte Traumfabrik von Hollywood in Kalifornien befindet, weil dort immer die Sonne scheint, mag man für einen Witz halten. Es ist aber die reine Wahrheit, und Christine Wunnicke hat ein wundervolles Stück Literatur darüber geschrieben. Es handelt von Mr. Selig, dem Filmunternehmer, der statt im langweiligen Kalifornien lieber im brausenden Chicago sein Glück machen will. Und von Mr. Boggs, seinem Spielleiter, der jedes Mal, wenn sich eine Wolke vor die Sonne schiebt, den Betrieb einstellen muss und deshalb nichts sehnlicher wünscht, als in den sonnigen Westen zu ziehen. Das gute Ende ist bekannt, aber wie es dazu kam, wurde noch nie so schön erzählt.
Chicago, Edendale, Hollywood... das sind die Stationen der Filmfirma Polyscope zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In kurzen, sorgfältig recherchierten Kapiteln werden die realen Personen, die bei dieser „Erfindung von Hollywood“ teilnahmen lebendig: Spielleiter, Schauspieler, Ehefrauen. Kamerabauer und andere, die dabei waren. Ganz kurz taucht einmal Upton Sinclair auf – natürlich spielen Chicagos Schlachthäuser hierbei eine Rolle. Das Buch war für mich eine Reise in eine fremde Welt, die Art zu Reisen und die Beschaffenheit von Straßen sind noch abenteuerlich, anderes dagegen kennen wir nur allzu gut, z. B. dass Frauen auf der Leinwand garnicht jung genug aussehen können. Und wir lernen das Vorbild des brüllenden MGM-Löwen kennen: Löwe Jackie, der allerdings 1956 ausgetauscht wurde.
Fast noch besser als diese Kapitel gefielen mir die jeweils angehängten Zitate aus zeitgenössischen Quellen über den aufkommenden Film, immer informativ, oft amüsant.
Und schließlich ist der Verlag Berenberg zu loben. Dieses Buchformat ist wunderbar, etwas abweichend von gängigen Formaten, mit schönem Leinenrücken. Satzspiegel und Schriftart überzeugen. Das Programm des Verlags macht neugierig, handelt es sich doch meist um kleine, sehr ungewöhnliche Titel, die man bei großen Verlagen oft vergeblich sucht.
Mit einer guten Prise Humor ersinnt Christine Wunnike einen Beginn der Filmproduktion in Hollywood basierend auf echten Personen. Man fühlt sich in der Zeit zurück versetzt, sieht aber auch viel, was noch heute relevant erscheint. Wer das alte Hollywood liebt wird sehr viel Freude an den vielen Einblicken haben, aber auch wer nicht für das Thema brennt findet hier interessante und markante Figuren und Situation vor. Eine wahre Freude.
Hm, viele Miniaturen stehen hier recht unverbunden nebeneinander und erst am Schluss erhält der Text eine kleine inhaltliche Rahmung. Immer wieder wird unvermittelt in der Zeit gesprungen und Leerstellen nicht geschlossen. Auch eine schlüssige Charakterisierung der Figuren bleibt dabei auf der Strecke. Gab es hier aus dem dünnen Stoff der historischen Überlieferung nicht mehr zu erzählen oder wurde zu stark gekürzt?