Villenbezirke und abgelegene Canyons im Westen und Norden von Los Angeles, zirka 1980; Genre: Detektivkrimi; Serienheld Dave Brandstetter ermittelt für eine Lebensversicherung in Los Angeles.
Obwohl Joseph Hansen seinen Fans in diesem Buch längere Zeit einen ziemlichen Bären aufbindet, steht der sechste von 12 Fällen qualitativ auf jeden Fall über dem dritten. Man würde den Leser gerne warnen, in welche Denkrichtung er sich nicht schicken lassen sollte. Doch geht das nicht, sonst ist die Spannung weg und die tödliche Auseinandersetzung am Ende vorhersehbar.
Zwischen dem dritten und dem sechsten Fall liegen bloß zwei Bücher, aber in diesen Jahren hat sich viel verändert bei Dave Brandstetter, diesem wortkargen, sehr fleißigen, zähen Versicherungsdetektiv. Den gleichaltrigen Freund Doug aus dem dritten Buch gibt es zwar noch, aber sie haben sich getrennt. Beide haben jetzt einen wesentlich jüngeren Partner. Aber nicht den eigensinnigen Töpfer, der in Abenteuer Drei sich zwischen sie zu legen vorhatte. Wenn es mit rechten Dingen zugeht, müsste Dave Brandstetter jetzt hart an die 60 Jahre schrammen. Cecil, der überschlanke, junge Schwarze ohne Berufsausbildung, mit dem er hier zusammen ist, ist gerade mal 20 geworden. Hinter einige Vorzeichen künftigen Glücks ist darum ein Fragezeichen noch zu setzen. Das passt nicht schlecht zum Charakter einer Krimiserie gehört, in der der sehr menschliche Detektiv zwar andauernd nur das Beste für alle will, für jeden abgeschlagenen Kopf der Bestie gleich zwei neue nachwachsen.
Daves alter Vater, der Mann mit den Blaubart-Ehen und Versicherungsboss, ist mittlerweile verstorben, nicht jedoch, ohne sich vorher mit einer weiteren jungen Person zu verbinden, der Innenarchitektin Amanda, die erst einmal einen Auftrag von Dave, der jetzt ein vermögender Mann ist, bekommt, dann zur guten Freundin von Dave und Cecil wird. Von der Versicherung, wo man Dave als den offen Schwulen und Schützling des Eigentümers nie besonders mochte, hat Dave sich getrennt und bei der Konkurrenz angeheuert, obwohl er offenbar gar nicht mehr arbeiten müsste. Amanda bekommt einen Zweitschlüssel fürs Haus, was insofern eine Rolle spielt, als sie sich mit dem bisexuellen Miles Edwards verlobt, der eine Art Daddys Flittchen für reiche, alte Männer gewesen ist und jetzt einigen Ehrgeiz daran setzt, Dave und den jungen Schwarzen auseinander zu bringen. (Man kann sich schon fragen, wieso in den Büchern immer wieder junge, attraktive Männer auf den brummeligen Brandstetter-Charakter fliegen, in dem sich der Autor Hansen wohl auch selbst malte. Er war übrigens verheiratet. Mit einer lesbischen Frau.)
Das Buch irritiert zu Beginn. Weit und breit ist kein Mordfall zu sehen. Von den Personen, die Dave neu kennen lernt, scheint auch niemand schwul zu sein. Die unheimliche Schattenland-Note unter eisig blasenden Winterwinden wird dann von der im Gebirge abgetauchten Gestalt eine psychotischen Religionsstifters und Massenmörders, Azarel, erzeugt. (Jim Jones' Massaker in Jonestown, Guayana, von 1978, hatte für Inspiration gesorgt.) Der Langhaarige hatte einen Harem junger Mädchen um sich geschart; Charles Manson lässt also auch grüßen. Dave kommt wegen Charles Westover in diese Geschichte hinein. Westovers ausgerissene Tochter war eine der dem Religionsguru hörigen Girls. Sie könnte, wie alle anderen , jetzt schon ermordet und verscharrt sein, oder mit ihm zusammen auf der Flucht. Westover ist der Mann, den Brandstetter eigentlich finden sollte. Wie öfter in der Serie hat er es mit einem zwielichtigen Charakter zu tun, der vielleicht gerade ein Verbrechen ausführt, vielleicht auch ermordet worden ist. Westover hatte die Auszahlung der Versicherungsprämie verlangt. Seine Tochter sei vom Killer getötet worden. Westover hat auch schon als Anwalt für die Mafia gearbeitet und jetzt, wo es Geld für ihn geben könnte, weiß niemand, wo er steckt.
Bei den Westovers handelt es sich um eine dysfunktionale Familie. Da wäre zunächst Charles' geschiedene Ehefrau, die ein neues Leben als Kindergärtnerin angefangen hat und von der Verdorbenheit des Vermissten überzeugt ist. Dann der Bruder des Mädchens Serenity, ein genialer Musiker, Autist, kaum zu verstehender Nuschler, den man in der Nachbarschaft immer gemieden und verlacht hatte. Zu ihm gehört eine Kammermusikerin, eine übergewichtige, picklige, Hornbrille tragende verzweifelt Liebende, von der Dave erfährt, dass Westover den Sohn abgeholt hat, um einen Coup zu landen.
Steckt da der Gangster O'Rourke dahinter? Mehrere Monate lang hat Westover mit diesem alten Bekannten an einem Ratgeber-Buch „Alle Ganoventricks und wie Sie sich davor schützen können“ gearbeitet, das zum Renner werden sollte. Aber bis jetzt wollte noch kein Verlag das Manuskript unter Vertrag nehmen.
Von Don Gaillard, einem alten Freund Westovers, kommend, geht Dave und Cecil auf, dass sie es gerade mit einem Schwulen zu tun hatten, der verzweifelt an seiner Hetero-Maske festhalten möchte. Kurz danach verschwindet auch Gaillard im Schattenreich, wo sich jetzt also Westover, dessen Sohn, seine Tochter, der Jugendfreund und ein Wahnsinniger befinden.
Wie oft in den Brandstetter-Krimis übertreibt es der Autor ganz zum Ende hin mit den dramatischen, tragischen, brutalen Effekten, wie um einen vielleicht etwas gemächlichen Mittelteil auszugleichen. Man wird in diesen Büchern immer etwas ungeduldig, wie viele Personen irgendwann noch ins Spiel kommen, wie viele Parallelgeschichten sich überlagern. Rückblickend erweisen sich aber genau diese Kapitel, die einen weiterlesen und rätseln lassen, als die besten. Was schwule Krimis angeht, haben wir es hier mit einem Fall zu tun, der klarmacht, dass Joseph Hansen die Nase vorne hatte im Wettbewerb mit seinen Konkurrenten Richard Stevenson, George Baxt, Grant Michaels, Mark Richard Zubro, John Morgan Wilson, Nathan Aldyne. Und was die 12 Brandstetter-Fälle betrifft, steht dieser in etwa auf der Höhe der ersten zwei, „Fadeout“, „Death Claims“, sowie von den auch sehr guten „The Man Everybody Was Afraid of“ und „Early Graves“.