Nicolas Vanier zieht mit seiner Frau Diane und der anderthalbjährigen Tochter Montaine für einen Winter in den wilden Norden Kanadas. Zu Pferd gelangen sie an den See, an dessen Ufer sie eine Blockhütte zimmern, in der sie mehrere Monate verbringen, ehe sie mit dem Hundeschlitten wochenlang ins nächste Dorf fahren.
Eine abenteuerliche Erzählung, die in kurzem, trockenem Schreibstil vermittelt wird. Der Autor schafft es, nicht ins Kitschige abzugleiten, wenn er seine Begeisterung für die unberührte Natur und die Liebe zu seiner Familie schildert und spart auch nicht mit der Beschreibung gefährlicher Erlebnisse oder des Stresses, sich rund um die Uhr intensiv um ein kleines Kind kümmern zu müssen (das man in dieser Umgebung keine Sekunde alleine lassen darf).
Seine Entscheidung, die Reise mit dem kleinen Kind anzutreten, thematisiert er mehrfach. In der Tat ist die Reise gut geplant, sodass das Risiko auf ein Minimum reduziert ist. Entgegen seiner selbstversichernden Aussage, das Risiko sei "quasi Null" gewesen, schildert er doch einige kritische Momente, die durchaus auch das Leben des Kindes hätten gefährden können (ein aggressiver Grizzly an der Hütte sowie einige Situationen, in denen die Schlittenhunde nicht hörten und den Schlitten beinahe in ein Wasserloch bzw. gegen einen Betonpoller fuhren). Seiner Argumentation, dass Kinder in unserer modernen Welt größeren Gefahren ausgesetzt sind, die kaum thematisiert werden, hätte ich folgen können, hätte er das nicht gerade am Beispiel "Fernsehen" festgemacht. Scheint so ein persönliches Ding zu sein, dass er Fernseher hasst, aber ich glaube, eine Situation, in der ein Kind einfach sofort sterben kann mit möglicher Verblödung durch moderne Medien gleichzusetzen, ist etwas absurd. Der Vergleich mit dem Straßenverkehr (dem man sich in unserer Umgebung kaum entziehen kann und der nicht nur für Kinder brandgefährlich ist), wäre wohl das bessere Beispiel gewesen. Auf der anderen Seite glaube ich ihm sofort, wenn er beschreibt, wie gut die Reise dem Kind tat, das mehrere Monate stets frische Luft und eine ganz und gar wundervolle Umgebung voller spannender Tierarten erleben durfte.
Was mich angenervt hat, waren seine gelegentlichen Monologe über die Natürlichkeit irgendwelcher Völker (pauschal "Indianer" oder "Eskimos" oder irgendwelche Leute in Sibirien), die sich ihr anstrengendes Leben nun nicht unbedingt immer selbst aussuchen im Vergleich zu ihm, der sich dieses Leben als Luxus gönnen und mit zahlreichen Hilfsmitteln und Freunden sowie Sponsoren erleichtern und jederzeit zugunsten eines modernen Lebens in der Sologne beenden kann. Dass sich diesen Luxus nicht jeder leisten kann, finanziell wie auch ökologisch, sollte wohl klar sein - bei der Masse an Menschen auf der Welt können wir nicht alle in einsamen Blockhütten an unserem eigenen See wohnen und im Einklang mit der Natur 12 Schwarzbären schießen, damit die anderen sich nicht mehr an unsere Hütte trauen. Das funktioniert einfach nicht.
Ähnliches gilt für die Notwendigkeit der Jagd. Klar - besser nen Elch gefuttert, der ein schönes Leben im Wald hatte als eine Kuh, die erbärmlich in einer Fabrik gezüchtet wurde. Aber in einem "Urlaub", den man sich selbst ausgesucht und geplant hat, in irgendeiner Form von "Notwendigkeit" zu sprechen, ist völlig absurd. Es ist ja nicht so als hätte er nicht auch ne andere Reise planen können, die weniger auf dem Abknallen von Tieren basiert. Die "Natürlichkeit" der Jagd in Frankreich ... naja hier wirds dann endgültig ideologisch.
So wundervoll er die unberührte Natur schildert, so kritisch sind natürlich solche Bücher, die anderen Lust auf solche Reisen machen. 16 Jahre später ist die Blockhütte von einem Pärchen aufgestöbert worden, die dort nicht nur selbst Urlaub machen, sondern auch geführte Touren dorthin anbieten. Die Leute reiten mit dem Pferd hin und werden mit dem Flugzeug abgeholt. Der Tourismus tut der Umgebung dort vermutlich nicht unbedingt gut. Dass das besagte Pärchen, im Gegensatz zu Vanier, über quasi keine Expeditionserfahrung verfügte und erstmal flott vor Ort reiten lernen musste, zeigt, dass Leute sich auf der Grundlage solcher Erfahrungsberichte auch gerne selbst überschätzen. Liebe Leute, es muss doch nicht gleich die Expedition in arktische Einsamkeiten sein - eine Wanderung durch die heimische Umgebung tut es doch auch erstmal.
In diesem Sinne habe ich das Buch als Erzählung unglaublich genossen - wie ein moderner Jack London. Einige darin getroffenen Aussagen sowie die Wirkung des Buches finde ich jedoch höchst kritisch.