Das Buch will eine Geschichte des Kapitalismus erzählen. Wie und warum er entstand und immer wieder in eine Krise gerät. Zudem will die Autorin (angeblich weit verbreitete) Missverständnisse und Unklarheiten bzgl. Kapitalismus ausräumen. Kapitalismus vs. Marktwirtschaft, Kapitalismus vs. Staat, Kapital vs. Geld, u.ä. Das Buch will, ich zitiere mal aus der Einleitung, "unterhaltsam und anschaulich erklären, wie der Kapitalismus funktioniert."
Das ist nun nicht wirklich originell. Es gibt wahrscheinlich hunderte Bücher mit gleicher Zielrichtung. Umfang und Schreibstil ermöglichen auch nicht großartig differenziert vorzugehen. Es wird eine Geschichte erzählt, die überzeugen soll. Für Gegenargumente zu einer These ist wenig Raum, für facettenreiche Darstellungen auch nicht.
Dabei findet vieles, was sie behauptet, sogar meine Zustimmung, aber das allein macht es ja noch nicht gut. Nehmen wir die Frage, warum die Industrialisierung in England begann und was die Ursachen hierfür waren. Ein wohl notwendiger Teil fast jeden Buches über die Geschichte des Kapitalismus. Was sie erzählt gibt teils den aktuellen Stand der Wissenschaft wieder, dann aber auch eklatant davon m.E. abweichend (sprich: falsch), wenn sie bspw. meint, für den Beginn der Industrialisierung sei fast kein Kapital nötig gewesen. Im Gegenteil, es war sehr viel Kapital nötig. Der von ihr erwähnte Bridgewater Canal, eine der ersten Kanäle Engands, wurde vom Duke of Bridgewater erbaut, einem der reichtsten Bürger seines Landes, der dafür sein riesiges Vermögen aufwandte und nur zum kleine Teil auf einen Kredit der Child's Bank zurückgriff. Ähnliches gilt für die Textilfabriken. Es ist allenfalls halbwahr, dass die Engländer durch Fleiß und Sparsamkeit zur Industrienation wurden. Richtig ist wiederum dargestellt, dass der Konkurrenzkampf gegenüber Indiens Textilindustrie wichtig war, den man durch maschinelle Produktion zu gewinnen hoffte.
So in diesem Stil geht es immer weiter. Interessantes wird mit Fraglichem gemischt. Manchmal werden offene Türen eingerannt. Oder wer glaubt denn heute noch, dass wir in einer freien Marktwirtschaft ohne Einfluss des Staates und ohne Dominanz der Großunternehmen leben? Wenn man bei Marktwirtschaft an die Wochenmärkte in den Innenstädten denkt, dann mag das Buch erhellend sein. Für die meisten wird es eher eine Bestätigung bekannten Wissens darstellen.
Der letzte der vier Teile, nach "Der Aufstieg des Kapitals", "Drei Irrtümer über das Kapital" und "Kapital versus Geld" ist den "Krisen des Kapitals" gewidmet, welche deskriptiv nachgezeichnet werden, deren Ursachenforschung aber etwas flach bleibt. Sie meint in etwa, Krisen seien systembedingt, sie gehören zum Kapitalismus dazu." was zum Abschluss führt, nämlich der Aussicht auf den Untergang des Kapitals.
Das überrascht, wo der Titel des Buches ja "Der Sieg des Kapitals" lautet.
Um es zusammenzufassen, es ist ein an das breite Publikum gerichtetes Sachbuch, kein wissenschaftliches Werk. Da wird dann schon eher mit groben Pinselstrichen eine halbwegs plausible, aber nicht Geschichte erzählt, die entgegen dem Titel aber wohl nicht ganz überraschend später in eine kaptialismuskritische Betrachtung einschwenkt. Kapitalismus kritisch zu betrachten ist gut, aber für mich bot es zu wenig Tiefe in der Auseinandersetzung mit dem Thema. Als Einführung in das Thema vielleicht geeignet, wenn man dann auch noch anderes zum Thema liest.
Rating: 2,5/5
Sprache gelesen: Deutsch
Gelesen im Jahr: 2025