Noch trennen Johann Wolfgang von Goethe Jahre von Ruhm und Ehre, aber ein Frauenliebling ist er schon damals, in jenem herrlichen September des Jahres 1786. Das sollte Giovanni Berti, Müßiggänger und Informant des Vatikans, schnell erkennen. Noch während er dem merkwürdigen Fremden nachspioniert, hat Goethe ihm bereits seine schöne Geliebte Faustina ausgespannt.
Hanns-Josef Ortheil is a German author, scholar of German literature, and pianist. He has written many autobiographical and historical novels, some of which have been translated into 11 languages, according to WorldCat: French, Dutch, Modern Greek, Spanish, Chinese, Lithuanian, Japanese, Slovenian, and Russian.
2020: vor einigen Jahren (s. u.) hat dieses Buch mich aus einer Leseflaute gerettet. Diesmal hat mich die Atmosphäre immer noch begeistert, die Geschichte selbst jedoch nicht mehr so sehr. Der erzählende Beri hat mich zwischenzeitlich sogar genervt. Dennoch: Das wechselnde Erzähltempo, die Atmosphäre der Stadt, die Mentalität der Menschen - hieß als Gast Ortheil großartig eingefangen. Meine ursprüngliche Wertung reduziere ich um einen Stern nach unten und stelle das Buch zurück ins Regal. Vielleicht lese ich es in elf Jahren erneut.
Mein Review von 2009:
Inhalt: Giovanni Beri ist ein junger Taugenichts, der sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser hält. Auf der Piazza del Popolo beobachtet er, wie ein seltsamer Fremder in Rom ankommt und bietet diesem an sein Gepäck zu seiner Unterkunft zu transportieren. Schnell kommt Beri zu dem Schluß, dass der Fremde ein anderer ist als er zu sein vorgibt ("Fillipo Miller, Maler") und beschließt, dass der Heilige Vater über den geheimnissvollen Neuankömmling unterrichtet werden muss. Prompt wird er zum Spion des Vatikan und folgt dem Fremden auf Schritt und Tritt.
Meine Meinung: Schon mit der ersten Szene hatte Ortheil mich in seinen Bann geschlagen: Beri, der gerade genüßlich eine Portion Maccaroni verdrückt, beobachtet wie der rätselhafte Fremde ankommt, sich seltsam gebärdet, sich reckt und streckt und über die Piazza flitzt. Eine herrliche Einstiegsszene! Und auch gleich ein wunderbares Beispiel dafür, was für mich den großen Reiz dieses Romans ausmacht: die Atmosphäre. Ortheil versteht es hervorragend die römische Atmosphäre einzufangen, teilweise hatte ich das Gefühl, dem jungen Beri durch die Gassen der Stadt zu folgen. Und dazu gibt es ausreichend Gelegenheit. Der Fremde, in dem man recht schnell den Geheimen Rat von Goethe aus Weimar erkennt, irrt wie ein "typischer Romreisender" von einer antiken Stätte zur nächsten. Doch abgesehen von der falschen Identität bietet auch Goethes Verhalten sehr bald Futter für Beris Bespitzelungen: er wird in konspirative Treffen verwickelt, dessen Anführer er sogar ist, schreibt zahlreiche ominöse Briefe, die niemand sehen darf, und spricht ketzerisch über den Papst. Zu allem Überfluß muss Beri schließlich feststellen, dass er einen Konkurrenten hat, der die Unterkunft des Fremden beschattet. Während der Beschattung passiert aber auch etwas viel Wesentlicheres: Beri studiert Verhalten und Charakter des Fremden und fühlt sich ihm unweigerlich immer verbundener, als beide sich schließlich begegnen verbindet sie bald eine wahre Freundschaft. Beris Beobachtungen des Alltags der ausländischen Künstlergemeinde, zu der auch J. H. W. Tischbein, Angelika Kaufmann und Karl Philipp Moritz gehören, gefielen mir ausgesprochen gut, auch wenn der eigentliche, römische Alltag dabei in den Hintergrund rückt. Dabei schafft Ortheil es, das große Aufgebot historischer Personen glaubhaft darzustellen. Besonders was Goethe anbelangt kam mir der Gedanke, dass er seine Tage in Rom durchaus so verbracht haben könnte... Das alles geschieht mit einem Augenzwinkern, wenn zum Beispiel Beris Vorurteile zu Deutschen, Diplomaten und Poeten nach und nach demontiert werden. Und natürlich bleibt Beri der Mittelpunkt der Geschichte, der Leser sieht die Fremden also immer durch die Augen eines Mannes, der durch und durch Römer ist und allem Nicht-Römischen skeptisch gegenüber steht. Faustina, Beris Geliebte und titelgebende Küssende, spielt übrigens erst gegen Ende eine entscheidende Rolle. Bis Ortheil die Liebesgeschichte aufnimmt bedient er sich der Elemente eines historischen Spionageromans, eines Entwicklungsromans mit Familientragödie sowie der Biografie Goethes. Und trotzdem erzählt er mit einer unglaublichen Ruhe und pointierten, poetischen Sprache - womit wir wieder bei der Atmosphäre sind.
Titel und Klappentext des Buches lassen darauf schließen, dass der Text literarischen Anspruch besitzt und Reflexionen zum Idealismus aufweist...wie groß war folglich meine Enttäuschung!! Dabei hätte meiner Meinung nach die Story sehr viel Potenzial gehabt! Gerade die kiminalistische Beobachtungsperspektive hätte Potenzial gehabt sehr schöne Reflexionen über Ästhetik usw. anzubieten...aber leider nichts davon! Da das fehlt bleibt auch der Plot ziemlich dünn und ist sehr laaaangweilig! Schade...!