Los Angeles und abgelegene Canyons in den östlich gelegenen Bergen, Anfang der achtziger Jahre; Genre: Detektivkrimi; der Serienheld Dave Brandstetter ermittelt für eine Lebensversicherung in Los Angeles.
Es gibt in der Serie von Mordkrimis um den schwulen Versicherungsermittler Dave Brandstetter immer wieder ein paar heikle Klippen, die es vielleicht nie gebraucht hätte, auf die er aber doch zusteuert, um ein mehr oder weniger geniales Buch gegen Ende mit etwas wie „Film-Action“ zu verderben. Da ist dann auch diese gewisse gönnerhafte Überheblichkeit der alten Löwen, wie Brandstetter mit jungen, vor allem femininen Schwulen oder Frauen umgeht. Davon gibt es hier zum Glück nicht viel. Damit zusammenhängend, Daves Selbstüberschätzung und Risikospielerei, die den mittlerweile Über-60-Jährigen in ein menschenfern gelegenes Mörderversteck tappen lässt, ohne für Rückendeckung zu sorgen. Das umschifft er bei diesem Abenteuer, indem er Cecil, seinen jungen, schwarzen Freund, zur Hilfe kommen lässt.
Da wäre noch jene anderen zwei Merkmale der Brandstetter-Serie: Immer wird man am Anfang sehr neugierig gemacht, im Mittelteil kommt aber ein Gefühl auf, wie um den roten Faden zu verstecken warte Hansen mit zu vielen Nebenfiguren und Parallelgeschichten auf, die nur noch leidlich interessant sind. Regelmäßig bemerkt man erst am Schluss, dass in Wahrheit die „ein bisschen langweiligen“ Mittelteile für die Hansen-Qualitäten stehen. Er versteht es, ohne je gehetzt zu wirken, die Lebensläufe ganz verschiedener Menschen knapp zu umzirkeln und umgibt das alles noch mit einer sehr fein gezeichneten Bühne, einer zeitgemäßen Atmosphärenschilderung des Metropolenraums Los Angeles.
Nicht immer sind diese Versuche, private Geschichten mit den öffentlich umstrittenen Themen seiner Zeit zu verquicken, einen alten Privatdetektiv noch mal glücklich dem Krieg ums schmutzige Geld entweichen zu lassen, tatsächlich auch aufgegangen. Im nächsten Buch nach diesem wird Hansen sich an der Iran-Contra-Affäre verheben, im darauf folgenden sich als Schwuler in der Reagan-Ära der AIDS-Krise annehmen und noch mal ein erstaunlich zeitfestes Dokument abliefern. Im Buch vor diesem ist es ein an den Massenmörder und Religionsgründer von Guyana erinnernder Mädchenmörder gewesen. Davor waren es Pornos mit Minderjährigen, die Hansen keck mit dem Born-Again-Bewegung der Reaktionäre verknüpfte. Und hier nun, was spät erst herauskommt, wir allerdings früh schon ahnen können, haben wir es mit der Umweltkatastrophe zu tun und mit gewissenloser Müllverklappung, die von Mafiosi organisiert wurde. Wieder übertreibt Hansen ein wenig: Ghetto-Kriege zwischen Schwarzen und Hispanics müssen samt Drive-by-Shootings auch noch ins Buch!
Ein anderes Problem ist stets gewesen, dass Joseph Hansen als ganz normaler Mystery-Autor auftreten konnte, auch ziemlich erfolgreich war und ein großes heterosexuelles Publikum für sich gewann, dass sein alternder Detektiv nun aber mal als Schwuler angelegt war und in jedem dieser zwölf Bücher auch noch eine Geschichte für schwule Leser drin sein sollte. Es wäre einfacher, einen Mord mit illegaler Müllabfuhr zu verbinden, wenn es dabei nicht auch noch ein schwules Drama zu geben hätte.
Dramaturgisch betrachtet ist „Nachtarbeit“ (für die deutsche Erstübersetzung im Goldmann-Verlag hieß es „Mondschein-Trucker“) ein rundum vergnügliches Buch. Die verschiedenen Elemente sind sehr ökonomisch und unaufdringlich miteinander verbunden worden. Und dabei wirkt es so, als habe dieser alte Mann alle Zeit der Welt.
30 Seiten vor Schluss konnte ich mich nur unter höchster Willensanstrengung dazu überreden, das Buch noch mal eine Nacht auf seine Auflösung warten zu lassen. Wie doch jedes Mal geht es auf den letzten Seiten bei Hansen ziemlich schnell und heftig zur Sache und ist dann, ohne weitere Sentimentalitäten, auch schon wieder vorbei. Da störte es mich dann doch, dass man nicht mehr erfährt, ob die Witwe des toten Lkw-Fahrers Myers jetzt die Lebensversicherungsprämie für ihren Mann bekommt oder nicht. Nun wegen dieser Frage ist der im Auftrag der Versicherung agierende Dave zum Mordfall entsandt worden.
Der unbefriedigende Schluss verhindert, dass ich das Buch zu den besten der Serie zähle. (Es bleibt dabei, für mich sind die Besten: „Fadeout“, „Death Claims“, „Tyrannenmord“ und „Frühe Gräber“, der AIDS-Fall.)
Hier noch ein wenig zur Handlung: Mit einer Sprengladung wurde der Lkw-Fahrer Paul Myers getötet, vorher fuhr er in Schwarzarbeit und bei Nacht geheimnisvolle Ladungen in die Berge. Der Witwe, Angela Myers, hat man das Gesicht zerschlagen, worüber sie sich zu sprechen weigert. Es ist nicht anzunehmen, dass es der Mann war, mit dem sie ihren Gatten betrogen hatte, wenn er nachts gearbeitet hat. Der Neue ist der Lehrer ihrer Kinder und schon sehr aufgeregt, weil wegen des Tods demnächst 100.000 Dollar kommen werden. War es Versicherungsbetrug? Die Police ist erst vor vier Wochen unterschrieben worden. Und welche Krankheit hatte Myers, hätte er sowieso sterben müssen? Myers' bester Freund, ein Schwarzer, ist eines seltsamen Todes gestorben. All das trägt sich in einer Siedlung zu, die man in den Nachkriegsjahren für eine Art Paradies gehalten hatte, die jetzt aber zum Ghetto geworden ist. Oben am Berg liegt immer noch die Villa der Familie, der all das hier einst gehört hatte. Und dort trifft Dave dann seinen Schwulen, einen verrückten Greis, der Damenkleider trägt, gesuchte Kriminelle versteckt und auf Eindringlinge schießt.